Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- [Separat-Ausgabe] (29.7.1905)
- Date
- 1905-07-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 2 Separat-Ausgabe „Die $ Welt" Seite 3 eigneten Gelegenheit die Stimme des jüdischen Volkes an der richtigen Stelle hören zu lassen. Die tiefen Umgestaltungen, denen Russland entgegengeht, werden auf das Schicksal von sechs Millionen Juden gewaltigen Einfluss üben. Der Zionismus, der Freiheit, Selbstbestimmungsrecht, Wiedergeburt und Aufstieg bedeutet, würde seinen eigenen Prinzipien widersprechen, wenn er nicht überzeugt und entschlossen für die Volkssouveränetät und die Aufklärung gegen den Absolutismus, den Geistesdruck und alle Mächte der Finsternis Partei nähme. Zwar glaubten die Zionisten keinen Augenblick daran, class mit der Erlangung der Freiheit und Gleichberechtigung der Juden in Russland die Judenfrage überhaupt oder auch nur die Judenfrage in Russland endgültig gelöst sein würde. Das Ideal der zionistischen Juden, in Russland wie in allen Ländern, bleibt die nationale Wiedergeburt im Lande der Vater. Aber nichts wird die Juden in Russland davon abhalten, zusammen mit den besten Elementen des russischen Volkes für eine fortschrittliche Verfassung zu kämpfen, die auch ihnen die volle Gleichberechtigung gewährt Denn nur freie Juden können sich ungehindert zu tüchtigen Bürgern des einstigen Judenlandes heranbilden. Wir wissen, dass an gewissen Stellen mit teuflischer Planmässigkeit Judengemetzel angestiftet werden, in der zugleich nichtswürdigen und törichten Annahme, durch neue Verbrechen einem verurteilten System noch eine Galgenfrist zu verschaffen. Dieser Anschlag wird nicht gelingen. Der Zionismus hat die Juden Mannhaftigkeit gelehrt. Sie werden sich gegen feige Angriffe so nachdrücklich zur Wehre setzen, dass die vertierten Helfershelfer der amtlichen impresarii von Raub und Mord Pogroms als gefährliche Abenteuer zu fürchten lernen sollen. Die strengste Gesetzesachtung, deren der Zionismus in Russland sich stets befleissigte, hat ihn nicht vor dem Schicksal bewahrt, vom Beamtentum tückisch verfolgt zu werden. Er lässt sich das nicht anfechten und geht unbeirrt seinen Weg, den Weg der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit, der Brüderlichkeit mit allen, die Russland ein neues Leben bereiten wollen. Jüdische Volkspolitik zu machen ist schwerer als jede andere Die Interessen der Völker stellen einander schroff gegenüber und wrer sein Eigenes wahren wi 11 oder auf Erwerbungen ausgeht, der muss Bündnisse suchen und Gruppen beitreten. Uns ist diese einfache und bewährte Methode versagt, denn jede Macht hat ihre Juden, die ihr gewissermassen als Geisel für das Judentum dienen, und wir können nicht für eine verbündete Gruppe oder Regierung Partei nehmen, ohne unsere Brüder, die in der Gewalt der gegnerischen Gruppe oder Regierung sind, zu gefährden. Am besten entgehen wir dieser schiefen Lage, wenn wir uns nicht etwa dem einen oder anderen Volke in internationalen Fragen anzubiedern suchen, sondern jedem Volke gegenüber immer betonen, dass wir Juden sind, die Sache des jüdischen Volkes führen, und an der Verwirklichung jüdischer Ideale arbeiten. Internationale Sympathien sind uns als einzelnen Menschen gewiss nicht verwehrt. Wenn wir sie aber als Volk aufdringlich hervorkehren, so begehen wir einen schweren politischen Fehler. Der Gegenstand dieser Sympathien weiss uns für sie keinen Dank und seine Gegner machen wir uns ohne Not zu Feinden. Die Juden Wanderung nimmt von Tag zu Tag einen grösseren Umfang an. Sie bedeutet eine Summe von Entbehrungen und Leiden, von Angst und Verzweiflung, die kaum in Worte zu fassen ist. Dieser Massenerscheinung gegenüber müssen wir mit tiefem Schmerz und Beschämung unsere Ohnmacht bekennen. Wir haben den Wandernden wieder ein Land zu bieten, wohin sie getrost ihre Schritte lenken könnten, noch können wir ihnen durch Unterstützung mit Geld die Reise und die Begründung eines neuen wirtschaftlichen Daseins in der Fremde erleichtern, Was wir aber könnten, das wäre, in Einschiffung« und Landungshäfen, an Grenzstationen und Verkehrsknotenpunkten zionistische Einrichtungen zu schaffen, die dem Wanderer Rat erteilen, Schutz gewähren, Auskünfte über die Reisegelegenheiten und die Arbeitsverhältnisse geben würden. Der moralische Wert solcher Einrichtungen ist hoch anzuschlagen. Die Fahrt ins Unbekannte würde einen Teil ihrer Schrecken verlieren, wenn der gedrückte, vor der Zukunft bangende Wanderer sich vom organisierten Teil seines Volkes an der Hand genommen, geführt, behütet und betreut fühlen würde! Eine Bewegung, die einen großen Teil des arabischen Volkes ergriffen hat, kann leicht eine Richtung nehmen, die auch Palästina berühren würde. Dann würde das Land unserer Vät« r wieder einmal, wie so oft im Laufe der Geschichte, in den Mittelpunkt des politischen Weltinteresses gerückt sein. Die türkische Regierung würde sich vielleicht in die Notwendigkeit versetzt sehen, ihre Herrschaft in Palästina und Syrien gegen ihre eigenen Untertanen mit der Watte in der Hand zu verteidigen. Die europäischen Mächte würden in die schwere Verlegenheit kommen, die jedesmal eintritt, wenn die bestehende Ordnung in einem Laude bedroht ist, an dessen Grenzen ihre gegenseitige Eifersucht Wache hält. Bei dieser Sachlage könnte es dann der türkischen Regierung einleuchten, dass es für sie von ausserordentlichem Werte wäre, in Palästina und Syrien ein zahlreiche?, kräftiges und wol^oigauisiertes Bevölkerungselement zu besitzen, das bei voller Achtung der Rechte der vorgefundenen Einwohnerschaft keine Angriffe auf die Autorität des Sultans dulden, sie vielmehr mit dem Aufgebot aller Kräfte verteidigen würde. Auch Europa würde es wohl als einen ihm geleisteten Dienst ansehen, wenn das jüdische Volk durch seine friedliehe, doch energische Besetzung Palästinas gewaltsame Aenderungen der dortigen Souveräne tätsverhältnisse verhüten und eine Intervention der Mächte überflüssig machen würde, deren Oe'ahren der Diplomatie nur zu bekannt sind. Aber damit das jüdische Volk die hier angedeutete Rolle spielen kö ine, muss es der Türkei und Europa Vertrauen zu seinem Willen und seinen Fähigkeiten einflössen. Dieses Vertrauen müssen wur uns verdienen, indem wir einig bleiben, unbeirrt und stramm auf unser unverrückbares Ziel zuschreiten, unsere Organisation stärken und ausbauen. Niemand kann der Vorsehung in die Karten schauen. Unversehens kann die Weltgeschichte eine Gelegenheit darbieten, die sofort ergriffen werden muss. Sinti wir dann nicht vorbereitet und fertig, so verpassen wir sie und sie kehrt vielleicht nie wieder. Wehe uns, wenn dann von uns gesagt worden muss: „Aber der grosse Moment findet ein kleines Geschlecht." Sie sehen, geehrte Versammlung, wie gross die Ihnen gestellten Aufgaben sind, wie schwer Ihre Verantwortlichkeit ist. Ihre Beschlüsse werden für die weitere Entwicklung unserer Bewegung entscheidend sein. Von ihnen hängt es ab, ob sie mächtiger anschwellen und breiter dahinfluten oder kläglich im Sande verlaufen wird. Das Schicksal des Zionismus ist in Ihre Hand gelegt. Sie werden beweisen wollen, dass es bei Ihnen in guter Hut ist. Mögen aus Ihren Beratungen dem jüdischen Volke neuer Trost und frohere Hoffnung erspriessen. (Stürmischer Beifall.)