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Die Welt · 1905-07-29 · [Separat-Ausgabe] (29.7.1905) · page 2

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
[Separat-Ausgabe] (29.7.1905)
Date
1905-07-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 „Die $l Welt« Separat-Ausgabe No. 2 Schriftführer werden Ihnen vorgeschlagen: für hebräisch Dr. L e v i n , Dr. Josef K1 a u s n e r; für deutsch: Dr. Adolf Friedemann, Berthold Fei wel; für Jargon: Dr. Weitzmann; für russisch: Dr. Victor J a c o b s ohn , Dr. Alexander I d e 1 s o n; für französich: Dr. Hillel Joffe; für englisch : Dr. Magnes( Brooklyn), Percy Baker und L. J. Greenberg; für italienisch: Dr. Dessau; für polnisch: Adolf Stand. Dr. N o r d a u. Ich bitte die Gewählten Ihre Plätze einzunehmen. — (Geschieht.) Geehrte Versammlung! Es hat Ihnen gefallen, mich zum ersten Vorsitzenden des siebenten zionistischen Kongresses zu wählen. Empfangen Sie meinen Dank für Jhr Vertrauen. Ich empfinde freilich die Auszeichnung als eine schwere Pflicht, die Sie mir auferlegen. Ich glaube indes mich ihr diesmal, trotz des drückenden Bewusstseins meiner Unzulänglichkeit, nicht entziehen zu dürfen. Ich habe weder den Ehrgeiz noch die Hoffnung, meinen Vorgänger vergessen zu machen. Mein ganzes Streben ist darauf gerichtet, Ihre Beratungen in seinem Geiste zu leiten, ihnen die Würde zu wahren, die sie bisher ausgezeichnet, dieser Versammlung den hohen parlamentarischen Charakter zu erhalten, den Herzl ihr von allem Anbeginn zu geben gewusst hat. Ich bitte Sie nur, mich darin zu unterstützen, wie Sie unsern toten Führer unterstützt haben. Kein Kongress hat so grosse Aufgaben zu bewältigen gehabt wie dieser. Ihren Beschlüssen vorzugreifen habe ich kein Recht. Ich überschreite aber meine Befugnis nicht, wenn ich schon jetzt auf ihre aussergewöhnliche Wichtigkeit hinweise. Herzls Tod hat über den Zionismus eine schwere Krisis heraufbeschworen. Wir hatten uns alle daran gewöhnt, ihn allein lür uns denken und handeln zu lassen, und als er uns plötzlich fehlte, waren wir wie enthauptet. Es rächte sich an uns, dass wir alle Arbeit und Verantwortlichkeit einem Einzigen aufgehalst hatten. Aber es ist Zeit, dass wir uns fassen und zur Selbsttätigkeit aufraffen. Die Gegner unserer Bewegung haben frohlockt, mit Herzl sei auch der Zionismus gestorben, Wir wollen ihnen zeigen, dass sie sich geirrt haben. Wir müssen der AVeit beweisen, dass der Zionismus nicht die Bewegung eines Mannes ist, dass er nicht auf zwei Augen steht. Sie werden die Organisation unserer Bewegung der durch Herzls Tod geschaffenen neuen Lage anzupassen haben. Im Innern unserer Gemeinschaft sind Spaltungen entstanden, die ihre Einheit schwer bedrohen. Selbst einig sind wir ja noch ach! so schwach. Wenn wir nun auch noch zerklüftet sind und in unfruchtbarem Hader gegen einander unsere geringen Kräfte verbrauchen, sind wir zu vollkommener Ohnmacht verurteilt. Feindliche Parteien innerhalb des Zionismus bedeuten seinen nahen Selbstmord, nicht mehr und nicht weniger. Seit dem letzten Kongress ist von Männern, die siel) selbst als Zionisten bezeichnen, unser Programm in Frage gestellt worden. Sie werden sich unzweideutig zu äussern haben, ob das Baseler Programm noch immer der feststehende Boden ist, auf dem wir sicher stehen, oder ob Sic sich anschicken, ihn mit einem Fusse oder beiden Füssen zu verlassen. Aufrichtigkeit gegen uns und gegen die anderen ist das ursprünglichste Gebot der Reehtschaffenheit. Das jüdische Volk und die Welt dürfen nicht in Zweifel gelassen werden über das, was wir eigentlich wollen. Ueber die Annahme oder Ablehnung des grossartigen Landangebots der Regierung Seiner britischen Majestät werden Sie sich in einer Sondersitzung zu entscheiden haben, der man in meines Erachtens vollkommen missverständlicher Deutung des Wortlautes und Sinnes eines Beschlusses des sechsten Kongresses den Namen eines ausserordentlichen Kongresses gegeben hat. Ich verweile deshalb jetzt nicht bei dieser hochbedeutsamen Angelegenheit. Das tiefe, doch besonnene Verlangen nach dem Lande unserer Väter, das zweifellos jeden Zionisten beseelt, das ihn erst zum Zionisten macht, hat bei einem Teil unserer Gesinnungsgenossen die Form einer nervösen Ungeduld angenommen, die nicht mehr warten zu können glaubt. Und da es nicht von uns abhängt, das Land unserer Sehnsucht sofort unter den Bedingungen zu bekommen, unter denen allein die Rückkehr in die alte Heimat ein Segen für unser Volk und die Lösung der Judenfrage wäre, wollen sie auf die von der Erfahrung verurteilten Methoden der Kleinkolonisation ohne öffentlich-rechtliche Grundlage und ohne vorherige Schliessung eines zweiseitigen Vertrags mit der Regierung Sr. Majestät des Sultans zurückgreifen. Sie werden zu der Lebensfrage Stellung zu nehmen haben, ob der Zionismus zu seinen vor-Herzischen Ursprüngen umkehren, ob er wieder ein sogenannter praktischer Chowewe-Zionismus werden und mit einer gewaltigen Anstrengung des ganzen Judenvolks einige Dutzend Familien als subventionierte Trost- und Hoffnungs-Kolonisten in Palästina ansiedeln, oder ob er auf der von Herzl eingeschlagenen Bahn fortschreiten und eine grosse weltpolitische Bewegung bleiben soll, die nicht stille steht, ehe sie mit Zustimmung und Mitwirkung der Mächte dem ganzen jüdischen Volke normale Daseinsbedingungen geschaffen hat, ihm zum Heile und der Gesittung zum Nutzen. Ich darf wohl die Hoffnung ausdrücken, dass Ihre Weisheit einen Mittelweg finden wird, der uns gestattet, die Ungeduldigen wenigstens teilweise zu befriedigen, ohne dass wir den Zionismus zu den Keimformen zusammenschrumpfen lassen, die er in den Achtziger Jahren hatte. Wir haben es immer betont: die zionistische Organisation ist kein Wohltätigkeitsverein; der Zionismus verteilt keine Almosen. Sein Ziel ist höher gesteckt. Er erkennt es als seine Aufgabe, die erlösungsbedürftigen Millionen des jüdischen Volkes in neue Lebensbedingungen zu versetzen, in denen sie kein Almosen mehr nötig haben sollen. Allein während er an dieser einen grossen Aufgabe arbeitet, vergisst er niemals, dass er als der einzige organisierte Teil des jüdischen Volks gegen die Volksgesamtheit auch andere Pflichten hat. Die zionistische Organisation muss allen heimatlosen Juden die Anlehnung, die Fürsorge, den moralischen Schutz, die Verteidigung gewähren, die sie unter normalen Verhältnissen bei der eigenen Regierung finden würden. An uns ist es, mit allen Mitteln, die uns zu Gebote stehen, für die Juden, sie seien Zionisten oder nicht, einzutreten, die Unrecht und Gewalt erleiden, die an Leben und Vermögen bedroht sind, die von ruchlosen Regierungen als Blitzableiter gegen das Gewitter des entfesselten Volkszornes benützt werden. Wir sind Zeugen ungeheurer Weltereignisse und alle treffen uns unmittelbar, weil wir durch alle Länder zerstreut sind. In den grossen politischen Veränderungen, die sich vorbereiten, kann das Judentum schweren, ja tötlichen Schaden erleiden oder eine rasche und hochbedeutsame Besserung seiner Lage erfahren, je nachdem es stumm, träge und furchtsam bleibt wie es seine unglückliche tausendjährige Gewohnheit ist, öder klug und energisch den Augenblick wahrzunehmen weiss, der vielleicht nie wiederkehrt. Lmsere Pflicht ist es, wachsam den Vorgängen auf der Weltbühne zu folgen und bei jeder ge-

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