Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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NTo. 30 Separat-Ausgabe „Die & Welt" Seite 7 Bemühungen zu vernichten, sollte der hartkämpfende Mittelstand und die notleidende Masse die Mittel zum weltgeschichtlichen Unternehmen liefern. Er trat mit dem Entwurf der jüdischen Kolonialbank hervor und panzerte seine Empfindlichkeit eines hermelinreinen Goldverächters gegen die giftigen Verleumder, die ihn einen Gründer schalten und unterstellten, er habe den ganzen Zionismus nur ins Werk gesetzt, um sich an einer Judenbank zu bereichern. Er verlangte vom jüdischen Volke 50 Millionen Franken, den kleinsten Betrag, mit dem man an ernste finanzielle Verhandlungen mit der Türkei denken durfte. Es gab ihm noch nicht ein Achtel der Summe und dabei ist es nach sechs Jahren bis zum heutigen Tage geblieben. Er versuchte ein anderes "Werkzeug der Erlösung zu schmieden, ein weit schwächeres, weit dürftigeres; er regte die Schaffung des Nationalfonds an, der 200,000 Pfund betragen sollte. In fünf Jahren ist noch nicht die Hälfte vereinigt worden. Die einen wollten nicht, die andern konnten nicht, kurz, es kam bei übermenschlichen Anstrengungen blutwenig heraus. Wo immer er mit seiner tapfern Faust zufasste, da griff er ins Leere. Wo immer er den Fuss hinsetzen wollte, da schwand ihm der Boden unter der Sohle. Er baute auf sein Volk wie auf einen Urfels und sein Volk erwies sich als Flugsand. Ich muss, so schwer es mir wird, auch seiner letzten Enttäuschung gedenken, die vor der Geschichte unsere Schande bleiben wird. Für die Sache, die er zu seinem Lebensinhalt gemacht hatte, gab Herzl ohne zu zählen. Er verzichtete in den wirtschaftlich ergiebigsten Lebensjahren fast ganz auf Erwerb, um sich dem Zionismus vollständig widmen zu können*, er brachte mit der ihm eigentümlichen Grossartigkeit vom ersten bis zum letzten Tage die schwersten Opfer für sein Ideal; er bestritt aus der eigenen Tasche die ersten Erfordernisse der Organisation, die Anfangsgehälter der Beamten, die Kosten der frühen Reisen für den Zionismus; er schuf und unterhielt jahrelang mit seinem Gelde das als notwendig erkannte Hauptorgan der Bewegung. Als er den „Judenstaat" schrieb, war er ein wohlhabender, beinahe reicher Mann. Als er neun Jahre später starb, hinterliess er fast nichts als seine Aktien der jüdischen Kolonialbank. Wenn ihm seine Nächsten wegen des Verbrauches des Vermögens seiner Kinder Vorstellungen machten, beruhigte er sie lächelnd mit der Bemerkung: „Ich habe zu meinem Volke das Vertrauen, dass es meine Frau und Kinder nicht hungern lassen wird." Auch dieses Vertrauen hat das jüdische Volk nicht gerechtfertigt. Seit einem Jahre demütigen wir uns und das Andenken Herzls, das uns heilig ist, und sammeln für seine Familie. Und mit welchem Erfolg? Es ist bei seinem Tode viel geweint worden, man hat in Trauerreden viele Worte gemacht, aber das jüdische Volk hat bis heute der Familie Herzls noch nicht ein Drittel des Barvermögens ersetzt, das Herzl ihm geopfert hat, ausser neunjähriger übermenschlicher Arbeit und ausser seinem Leben. Als er seinen Weckruf an das jüdische Volk ertönen liess, da sammelte sich statt der bestimmt erwarteten Millionen, nur ein kleines Häuflein um ihn; dieses Häuflein ist ihm bis zu seinem letzten Atemzuge treu geblieben, es hat sich im Laufe der Jahre auch stattlich vermehrt, aber selbst jetzt, nach neun Jahren leidenschaftlicher Propaganda, macht es erst etwa ein Sechzigstel der gesamten Judenheit aus. Ein Sechzigste!! Und mit der Arbeit und den Opfern dieses armen winzigen Sechzigstels sollte das Ganze, das reiche, grosse, teilnahmlos bei Seite stehende Ganze befreit werden. Herzl wollte das Miss Verhältnis zwischen der Kraft und der Aufgabe nicht sehen. Er wollte nicht an die dauernde Gleichgiltigkeit des jüdischen Volkes glauben. In seinen Plänen und Berechnungen setzte er immer das ganze jüdische Volk als Haben an. Das war die Ursache des Fehlschlagens seiner Unternehmungen* das war seine Schwäche, sagen seine kaltherzigen Kritiker; das war seine Stärke, das war seine Grösse, sagen wir, die ihn verstanden haben. Nichts konnte seinen Glauben an sein Volk, nichts konnte sein Vertrauen zu seinem Volke erschüttern. Er verschloss zuletzt absichtlich die Augen vor der Wirklichkeit und sah im Geiste immer nur ein ideales Volk von zwölf Millionen Herzl vor sich, das ihn zu seinem Sachwalter berufen hatte. Wenn er erhobenen Hauptes vor den grössten Herrschern der Erde stand und ruhig mit ihnen sprach, so war dies weder Dreistigkeit noch Mangel an Verständnis für Proportion, sondern die Wirkung der ihn beherrschenden Vorstellung, dass zwölf Millionen Adelsmenschen hinter ihm standen, die ihm ihre Vertretung anvertrauten und für die er sich nichts vergeben durfte. Wie sehr dieser Stolz für seine Auftraggeber mit persönlicher Bescheidenheit zusammengehen konnte, beweist die beredte Tatsache, dass er von einer hochpolitischen Unterredung mit einem Papst, Kaiser oder König schlicht in seine Wiener Redaktionsstube zurückkehrte und pflichttreu seine journalistische Tagesarbeit, manchmal eine recht untergeordnete Routinearbeit, verrichtete, während in seiner Seele noch die Worte nachklangen, die er mit den Mächtigsten der Zeit über die Zukunft seines Volks, über die Geschicke von Nationen und Ländern ausgetauscht hatte. Ks ist anscheinend das Los unseres Volkes, dass seine Spinozas immer Brillengläser schleifen, seine Cincinnatus immer den Pflug führen müssen, und nicht einmal d<m eigenen. Wenn Herzl sich unt;;rrii\u, Giesel lichte machen zu wollen, so war es, weil er überzeugt war, dass 12 Millionen Menschen, seine zwölf Millionen einer unvergleichlichen Auslese, das Recht und die Macht hatten, Geschichte zu machen. Diese Ueberzeugung hielt ihn in allen Widerwärtigkeiten aufrecht, mit ihr ist er gestorben — und wir haben sie von ihm geerbt. Herzl war ein Willensgenie; sein Wille war das Grösste in seiner grossen Natur; nichts konnte diesen diamantenen Willen abnutzen, nichts seine unwiderstehliche Spitze abstumpfen. Dieser Wille, von einem erhabenen Glauben, einei unerschütterlichen, fest mystischen Zielsicherheit geleistet, hätte Berge versetzt, wenn ihm dazu Zeit gelassen worden wäre. Der Tod hat ihn zu früh gebrochen und. dadurch das jüdische Volk eines unersetzlichen Baugeräts für seine Wiederaufrichtung beraubt. Sein Glaube, seine Zielsicherheit, sein Wille gaben ihm immer neue Kombinationen ein. Schlug eine fehl, nicht durch ihre Mangelhaftigkeit oder seine Schuld, immer nur durch Mangel an Unterstützung, so ersetzte er sie sofort durch eine andere, und die folgende war jedesmal überraschender, kühner, geistreicher als die vorherige. Was er in den neun Jahren seiner Volksführung an Staatsgedanken und diplomatischen Plänen hervorbrachte, das würde genügen, um zehn Ministern eingerichteter Normalstaaten die Unsterblichkeit zu sichern. Nun ja, er war eben ein fruchtbarer Märchendichte]*, spotten die Gegner. Ich aber wiederhole mit ihm: «Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen». Unser Volk hat einen Herzl gehabt, aber unser Herzl hat kein Volk gehabt. Das verkleinert nicht ihn, nur uns. Das allein ist daran schuld, dass die ungeheure Anstrengung, die ihm das Leben kostete, verhältnismässig geringe sachliche Ergebnisse schuf. Umso reicher aber sind ihre moralischen Ergebnisse. Herzl