Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Die Welt" Separat-Ausgabe No. 30 war ein Vorbild und ein Erzieher. Er hat ein gebrochenes Volk gerade gerichtet. Er hat ihm Hoffnungen geschenkt und Wege gezeigt. Er hat mit grossartig weitem Schwange gesät und die Saat wird aufgehen und sein Volk wird ernten. Ich aber glaube nicht passender schliessen zu können als mit diesen Strophen einer Trauerkantate, die ich für einen Tondichter verfasst habe: «Ewig in des Volks Gedächtnis Lebt dein Werk und lebt dein Bild. Sieh! Wir hüten dein Vermächtnis Treu, den stolzen Davidsschild.» «In der Zionsfalme Falten Wird dereinst dein Sarg gehüllt, Was du schworst, wir werden's halten, Und. dein Sehnen wird erfüllt ...» Die Rede Nordau's wurde in atemloser Stille angehört. Unmittelbar nach der Rede wurde die Sitzung von Nordau zum Zeichen der Trauer für geschlossen erklärt. Die Trauerfeier in der Baseler Synagoge. Um 12 Uhr mittags versammelten sich viele hundert Personen, zumeist Delegierte, in der Baseler Synagoge, wo eine Gedenkfeier für Theodor Herzl abgebalten wurde. Das grosse A. G. war korporativ erschienen. Unter Leitung des Hr. Oberkantors Kahn (Mülhausen) wurden die Trauergesänge exekutiert. Nach einem Präludium zu Psalm 189 sang der Oberkantor das Schir hamalaus in ergreifender Weise. Hierauf folgte das Schewisi. Nach dem Vortrag des Baseler Tempelchores hielt Herr Rabbiner Dr. Niemirower eine kurze innige Trauerrede, in der er den toten Führer als den Mann feierte, der den Juden die Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland gepredigt habe. „Merket auf und rufet die Klagefrauen'4, fuhr der Redner dann fort, - „die jüdischen Mütter, die es ihm zu dankenhaben, dass ihre Söhne, die sich schon auf dem Wege zur Abkehr vom Judentum befanden, wieder zurückkehrten. Sie sollen sein Andenken heilig halten in unserem Volke!" Mit der Glorifizierung Herzls, der dem Volke den erlösenden Gedanken der Unsterblichkeit der jüdischen Volksseele gegeben habe, schloss der Redner die Trauerpredigt. Nach der Trauerrede wurde das erschütternde El mole Rachmim gesungen und hierauf sprach Rabbiner Reines (Lida) das Kadischgebet unter dem Weinen und Schluchzen der Anwesenden. Nach dem anschliessenden Minchagebet wurde nochmals das Kadischgebet von Rabbiner Dr. Nie miro wer gesprochen, das der grösste Teil der Trauerversammlung mitsprach. Dann war auch diese Trauerfeierlichkeit zu Ende, die erste „Jahrzeit" nach Theodor Herzl, vom Zionisten- Kongresse abgehalten. II. Sitzung (nachmittags). Bericht Uber die zionistische Bewegung und die Tätigkeit des A. C. seit dem letzten Kongresse. (Erstattet von Arch. Oskar Marmorek, Wien.) Der VI. Kongress hatte einen sehr erregten Verlauf genommen. Diese Erregung war durch eine Mitteilung des Kongress- und Aktions-Komitee-Präsidenten Dr. Herzl hervorgerufen worden, dass die englische Regierung dem Kongresse als der Vertretung des jüdischen Volkes das x\nbot gemacht habe, ein noch näher zu bestimmendes Gebiet in Britisch - Ostafrika durch Juden besiedeln zu lassen, welchen eine autonome Verwaltung eingeräumt werden sollte. Nach stürmischen Debatten fand die denkwürdige Abstimmung statt, welche ergab, dass sich der Kongress in seiner Majorität für die Aussendung einer Expedition zur Erforschung des angebotenen Landes aussprach. Schliesslich kam es zwischen den beiden, durch diese Frage plötzlich gebildeten Parteien zu einer Einigung über die Art der Ausführung des genannten Beschlusses, so dass Dr. Herzl dem Kongresse in seiner Schlussrede einen harmonischen Ausklang geben konnte, in dem er die Einmütigkeit aller Zionisten in der Liebe für Palästina, in der Hoffnung auf Wiedererlangung des Landes der Väter betonte und unter dem rauschendem Beifall aller Delegierten und des Auditoriums den uralten Treuschwur der Juden in der heiligen Sprache wiederholte : „ Wenn ich dein vergesse, Jerusalem, verdorre meine Rechte!u....... Als wir wieder in alle Welt auseinander gingen, jeder in seine Heimat zurückkehrte, um in der neuen Epoche die alte Tätigkeit für den Zionismus wieder aufzunehmen, da ahnte keiner von uns, welchen schweren Kämpfen wir entgegengingen, wrelche grossen und bedeutungsvollen Schicksale dem Zionismus in der neuen Verwaltungsperiode bevorstünden. Zunächst wrar die erhoffte Beruhigung der Gemüter wegen der Ost-Afrikafrage nicht eingetreten. Miss Verständnisse über Missverständnisse hatten platz gegriffen. Der Zionismus, dessen grösste Stärke in der Einheit und Einigkeit seiner Anhänger lag, wurde durch Zwietracht gespalten-, statt die Kräfte für die grossen Aufgaben, die unserer harren, zu sammeln, wurden sie im Bruderkampfe vergeudet. An Stelle sachlicher Diskussionen traten persönliche Verdächtigungen und Beschimpfungen; alte, im Zionismus grau gewordene Kämpfer wurden angegriffen, und der Weit ein sehr trauriges Schauspiel geboten, dessen sich die Feinde unserer nationalen Bewegung erfreuten. Man redete sich in Erregungen hinein, man richtete Gegensätze auf, die gar nicht bestanden. Es kam zur vielberufenen Konferenz von Charkow, welche soviel Verwirrung anrichtete. Ein Wahnsinniger verfiel auf die Idee, durch Beseitigung Dr. Max Nordau's die Ostafrikafrage radikal lösen zu wollen. Am 19. Dezember 1904 bei der Chanukafeier der Pariser Zionisten fand das Revolver-Attentat auf Dr. Nordau statt, ohne glücklicherweise unserem grossen Gesinnungsgenossen irgend welchen Schaden zu bringen. Erst als das grosse Aktions-Komitee im April 1904 zu einer Tagung in Wien zusammentrat, in welcher Dr. Herzl und das engere A. 0. Gelegenheit hatten, die Anklagen der opponierenden Mitglieder des grossen A. C. aus Russland, die Gründe ihrer Beunruhigung und ihre Forderungen in präziser Form kennen zu lernen, war ihnen die Möglichkeit geboten dokumentarisch nachzuweisen, dass die Befürchtungen, es könnte das engere A, C. Palästina durch Ostafrika ersetzen, grundlos seien. Im Gegenteile erwies Dr. Herzl, dass er und das A. C. unentwegt und mit grösstem Eifer ihre Bestrebungen zur Hebung des jüdischen Einflusses und zur Erlangung des Endzieles in Palästina fortsetzten. Die Opposition musste angesichts der vorgelegten Dokumente einstimmig die Grundlosigkeit ihres Misstrauens zugeben und anerkennen, dass der bewährte Führer mit seinen Mitarbeitern den Prinzipien des Zionismus durchaus nicht untreu geworden war, sondern an dem Wege zum klar festgesetzten Ziele unentwegt und be-