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Die Welt · 1905-07-28 · 30 (28.7.1905) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
30 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 „Die 0 Welt« Separat-Ausgabe No. 30 Geineinbürgschaft mit den Seinen vor dem Feinde an, der die Juden um ihrer Rasse willen aus der menschlichen Gemeinschaft stossen wollte. Er dachte über sein Verhältnis zum jüdischen Volke, über da? Verhältnis des jüdischen Volkes zu deu anderen Völkern nach, er gelangte zur Erkenntnis, dass dieses Verhältnis unleidlich sei, und da er ein starker und entschlossener Charakter war, fasste er sofort den Vorsatz, die Verfassung und die Lage seines Volkes, dessen Schicksale er teilen musste und nun auch aus freier Erschliessung teilen wollte, von Grund aus zu ändern. Niemand, auch er selbst nicht, hatte bis dahin in ihm die Eigenschaften geahnt, die er für seine neue Aufgabe mitbrachte. Herzl wuchs wirklich mit seinen grösseren Zwecken; er wuchs so gewaltig, das3 seine Bekannten und Kollegen ihm mit dem gewohnten Massstab nicht mehr nachkommen konnten und ihn mit albernem Hohn oder schimpflicher Nachrede anfeindeten, weil er über ihre kurze Elle hinausgewachsen war. Aus dem anmutigen Plauderer, dem gemütvollen Erzähler, dem geistreich tändelnden Lustapieldichter wurde über Nacht ein Staatsmann mit weitem Umblick, der einem hohen Ziel auf nahezu ungangbaren Pfaden kühn und beharrlich zustrebte. Nörgler haben nasenrümpfend herumgeredet, Herzl habe den Zionismus nicht geschaffen, er habe ihn fertig vorgefunden und sich das Werk seiner Vorgänger angeeignet, ohne sie auch nur zu nennen. Ich aber stelle aus sicherer Kenntnis der Tatsachen fest, dass er von Vorgängern schlechterdings nichts wusste. Er fand den Zionismus in seinem Herzen. Er baute ihn in seinem Geiste systematisch aus-. Erst Jahre, nachdem er mit sich ganz fertig war, lernte er Pinsker und Moses Hess kennen. Es waren Begegnungen, die ihn erfreuten. Aber sie kamen zu spät, um ihn etwas zu lehren. Es ist einmal scherzhaft gefragt worden, was wohl aus Liszt und Paganini geworden sein würde, wenn sie mit ihrem spezifischen Genie zur Welt gekommen wären, ehe das Klavier und die Geige erfunden waren. Die Antwort auf diese Frage gibt Herzls Erscheinung. Er war tatsächlich der Liszt oder Paganini, der vor der Erfindung des Instruments geboren war, auf dem allein sein Genie sich offenbaren konnte. Herzl war ein geborener Staatsmann ersten Ranges ohne Staat, ohne organisiertes Volk, ohne ein einziges der Machtmittel, womit man praktische Politik machen kann. Sein Fall steht nicht einzig da. Immer noch bringt das alte Judenvolk von Zeit zu Zeit staatsmännische Talente hervor, für die es keine Verwendung hat. Manche schaffen sich gleichwohl ein Tätigkeitsgebiet, aber es liegt ausserhalb ihres Volkes. Denken Sie an Disraeli, für den eine Judengemeinde sicher zu eng gewesen wäre, da ja das britische Weltreich ihm kaum weit genug war. Herzl, ich sage das ruhig, im Bewusst3ein, mich nicht zu TJeberschwang fortreissen zu lassen, Herzl hatte das Zeug zu einem andern Disraeli. Er hätte einer werden können, wenn er getan hätte, wras Lord Beaconsfield tat. Aber er wollte es nicht tun und beschied sich zu dem Martyrium, mit leerer Hand grosse Politik machen zu wollen, grosse Politik für das jüdische Volk, dessen amtliehe Vertreter und Wortführer leugneten, dass es ein Volk sei. Herzl ging kaltblütig daran, aus einem Menschenstaub ohne gemeinsamen Willen und Ziele ein Volk zu schmieden, diesem Volk ein Land zu gewinnen, ohne Heer, ohne Flotte, ohne Finanzen von Regierungen, die nur mit diesen Faktoren rechnen, Zugeständnisse zu erlangen. Das war ein Unternehmen, vor dem der Kühnste zurückgeschreckt wäre. Es war ein vollkommen aussichtsloses Unternehmen, sagten die Gegner des Zionismus. Herzl aber war von seiner Ausführbarkeit überzeugt und liess sich nicht irre machen, wenn andere eine Utopie nannten, was er als nötiges und mögliches Werk vor Augen hatte. Es wäre eine grosse Ungerechtigkeit, Herzl Urteil abzusprechen. Er hatte im Gegenteil einen scharfen kritischen Sinn und fand früher als andere alle Schwächen eines Plans heraus. Wenn er gleichwohl ohne Zögern unternahm, was anderen unmögbch bis zur Verrücktheit schien, so erklärt sich dies aus der Geschichte seiner Sendung. Als er den Gedanken fasste, dem jüdischen Volk den Weg zur Erlösung aus tausendjähriger Schmach zu weisen, da kannte er genau, von seinen Eltern abgesehen, eigentlich nur einen einzigen Juden — sich selbst. Zum wirklichen, lebendigen Judentum hatte er bis dahin keine Beziehungen gehabt. Es lebte in seiner Vorstellung nur in der Verkörperung eines Judas Makkabäus, Bar Kochba, Juda Halevy, Spinoza, Heine. Die Eigenschaften dieser Männer, seine eigenen Eigenschaften setzte er ohne weiteres bei allen oder doch den meisten Stammesgenossen voraus. Er nahm an, alle oder sehr viele Juden seien wTie er entschlossen, nicht länger Erniedrigung zu ertragen, sie hätten seinen stählernen Willen, seinen sittlichen Ernst, seine ideale Begeisterung, seine unbegrenzte Selbstlosigkeit, seinen Opfermut, und er urteilte, dass auch dies Machtmittel seien, mit denen ein Staatsmann arbeiten kann, auch wenn er noch kein Land, kein Heer, keine Flotte, keine Finanzen zur Verfügung hat. Die Tragik seines Lebens war, dass er sich in dieser Grundrechnung irrte. Seine Eigenschaften wiederholten sich vielleicht virtuell bei allen oder vielen Juden, aber sie blieben jedenfalls verborgen. Das Herz krampft sich mir zusammen, wenn ich ihm auf.seinem neunjährigen Leidenswege lolge, wie er sich, in seinem schönen Vertrauen zum Judentum wie in einem Nebel befangen, durch die Dornen und Nesseln der Wirklichkeit mit wunden Händen tastete. Er zweifelte nicht daran, dass die Reichen und Geistesadligen seines Volkes dieselbe Entrüstung über die Lage des Judentums, dieselbe Sehnsucht nach neuen, stolzen Geschicken empfanden wie er selbst. Er schrieb seinen „Judenstaat", zeigte darin mit Scharfsinn und weiser Voraussicht, wie der Auszug der besitzenden Juden aus den Ländern der Verfolgung sich mit dem geringsten Schaden für sie und die Länder vollziehen könne, liess das Bu<m auf eigene Kosten in mehrere Sprachen übersetzen und drucken, schickte es den angesehensten Rabbinern, Gemeindevorstehern, Finanzmännern, und wartete. Jetzt musste ja die grosse Zeit der Erlösung und Wiedergeburt beginnen! Einige Wochen hoher Hoffnung nnd banger Ahnung vergingen, dann wusste er es: die meisten Empfänger seines Buches hatten es nicht aufgeschnitten, einige es nach den ersten Seiten ärgerlich in den Papierkorb geworfen, manche aber, die es durchflogen hatten, fielen in Zeitungen, Broschüren und Kanzelreden über ihn her, und nannten ihn einen neuen Sabbatai Zevi, wenn sie ihn nicht einfach einen feigen Ausreisser, oder gar einen Antisemiten schimpften. Jeder andere hätte an dieser ersten Erfahrung genug gehabt. Nicht Herzl. Er stutzte nur, sammelte sich aber bald. Sein fruchtbares Hirn trieb sofort einen neuen Plan hervor. Mit der Finanzmacht, den geistigen Kräften, dem mannigfaltigen Einfluss der jüdischen Oberschicht konnte selbst ein mittelmässiges Organisationstalent das zionistische Befreiungswerk ohne besondere Schwierigkeiten verwirklichen. Da diese Schicht auf Herzls Anruf taub blieb, da sie ihm ihr Geld vorenthielt, ihren Geist gebrauchte, um ihn zu verspotten, ihren Einfluss benutzte, um ihn überall zu hemmen und seine

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