Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 29 l#bit * W*M" Seite 19 Kommen wir zuletzt nach Osteuropa, dem Schwerpunkt der Jüdischen Lage. Hier begegnen wir nicht nur sozialen Leiden wie im Westen, sondern sogar einer physischen Verfolgung. Was dem rumänischen oder russischen Juden droht, ist nicht Ehrenverlust, sondern Lebensverlu.st. Herr Schloss konstatiert, „dass die jüdischen Untertanen Rumäniens als ausserhalb des Gesetzes stehend behandelt werden und dass die Rumänen alle Mittel, die ihnen zugebote stehen, angewendet haben, um die Juden aus dem Lande zu jagen." Nun, sind die Verhältnisse in Russland besser, wo sechs Millionen Juden, die Hälfte des Volkes, leben? In der Tat sind sie noch schlimmer daran. Denn diese sechs Millionen Juden sind in den Städten eines Ansiedlungsrayons eingekerkert, auf eine beschränkte Zahl von Lebensberufen angewiesen und dürfen weder stimmen noch Staatsämter ausfüllen. Ganz in seinem Werke über Russland nennt diesen Zustand ein systematisches Massaker, eine mutwillige Zerstörungs- und Ausrottungspolitik. Er fügt auch hinzu - und dies ist vielleicht die schrecklichsteAnklage.....dass „sogar die eiserne Fanülienmoral der Juden unter diesen Verhältnissen erschüttert ist." Er resümiert seine langen Untersuchungen in dem kurzen Satz: „Die gegenwärtige moralische Lage ist schrecklich^. Abgesehen, von diesen unmöglichen Bedingungen für das russische Judentum, bekommen wir von Zeit zu Zeit von Gewaltausbrüchen zu hören. Ich brauche Sie kaum au Kischenew, Hornel, Schitomir und die Greuel, die dort begangen wurden, zu erinnern. Die Greuel sind so unbeschreiblich grausam, dass wir Abstand nehmen müssen, hier von ihnen zu sprechen. In New York lernte ich zwei Mädchen aus Kischenew kennen. Drei Tage lagen sie in einem Keller verborgen, ohne Speise und ohne Licht, in Eurcht, aber noch zu jung, um zu wissen, wofür sie zu fürchten hatten. Drei Tage mussten sie die Flüche und Wehrufe hören, den schrillen Aufschrei von Frauen und Kindern, die schweren Schritte der Verfolger und die Seufzer, die diese Episode schlössen. Der Pöbel in Kischenew wurde von Menschen, die den höheren Klassen angehören, geleitet, aber veigebens warten wir auf ihre Bestrafung. Die Vorwürfe gelten den Juden — weil sie ermordet wurden. Die Bauern werden unterrichtet, dass die Juden verantwortlich zu halten sind für all die russischen Unglücksfälle. Die Juden hätten den Krieg verursacht und alle Aufstände und Strassenkämpfe hervorgerufen. „Wir haben in Russland nichts zu erwarten," schreibt ein russischer Jude. So sieht die jüdische Lage jetzt aus. Grauenerregend. Wahrlich, Ostafrika oder irgend ein Land würde viel besser sein als das gegenwärtige Elend, die gegenwärtige Unterdrückung, als das ewige ziellose Herumwandern, das eine Strafe ist, als das Golus, das ein Fluch ist. Ich habe diesen Abend über das Wandern und die Verfolgung gesprochen, aber ist nicht all dies bereits in der Bibel geschildert, einem jeden zur Einsicht? „Der Ewige wird dich von deinem Feinde geschlagen lassen werden; wenn du auf einem Wege gegen ihn ausziehest, wirst du in sieben Wegen vor ihm fliehen und allen Reichen der Erde zum Entsetzen werden." „Und du wirst zum Erstaunen, zum Beispiel und zur Warnungslehre allen Völkern werden, unter welche der Ewige dich Verstössen wird." „Und unter jenen Völkern wirst du keine bleibende Stätte finden und. keinen Ruheplatz für deine Fusssohlen und der Herr wird dort dein Herz unruhig, deine Augen verschmachtend und deine Seele voller Kummer sein lassen." „Und dein Leben wird dir gegenüber schweben und du wirst Nacht und Tag in Furcht sein und dein Leben niemals für sicher halten." „Des Morgens wirst du sagen: Ach, wäre es doch schon Abend! Und des Abends: Ach, wäre es doch schon Morgen! so voller Furcht wird dein Herz und so schrecklich der Anblick sein, den du vor Augen haben wirst.'4 Wie lange noch soll der Jude diese Strafe auskosten müssen! Wie lange noch diesen Fluch tragen? So lange er nicht den Mut hat, seine Unterdrücker zu verlassen, so lange er nicht von dem Wunsche beseelt ist, auf den Bergen seine Fahne flattern zu lassen, so lange er nicht auf Gott vertraut und mit eigener Hand sein eigenes Land aufbaut. * * * Die Versammlung zählte zu den grössten und bedeutendsten Londoner Versammlungen seit dem Tode unseres unvergesslichen Führers. Die Redner wurden stürmisch bejubelt. Es herrschte die beste Stimmung und neues Zutrauen in die Zukunft der Bewegung wurde allseitig fühlbar. Der Jüdische Nationalfonds. *) Es handelt sich auf den ersten Blick um eine Geldsache, um eine Geldsammlung und um eine Geldanlage — scheinbar also um etwas recht Materielles. Wohl, es ist etwas Materielles. Dieses Materielle aber wird geadelt durch den Zweck, dem es cfient. Das sind nicht Münzen, die als Almosen hingewprfen werden sollen - das ist kein Kapital, das gewinnbringenden Unternehmungen einzelner, kein Geld, das kleineren oder grösseren philanthropischen Bestrebungen dienen soll Das Geld, das im Jüdischen Nationalfonds zusammengeflossen ist und in Zukunft ihm zufliessen wird, dient den reinsten und schönsten Zwecken; Mit diesem Gelde soll in Palästina Boden angekauft, sollen in dem alten HeimatUnde der Juden jüdische Bauern ansässig gemacht werden. Der Nationalfonds soll mithelfen, dass zur Ehre des jüdischen Volkes von freien Juden in rüstiger, friedlicher Arbeit ein neues Gemeinwesen im Lande der Väter begründet wird. Zur Ehre des jüdischen Volkes, für seine Zukunft soll der Jüdische Nationalfonds wirken. Darum wurde von Anfang an festgesetzt, dass er dem jüdischen Volke gehört, dass der Grund und Boden, der durch den Nationalfonds erworben wird, Eigentum des jüdischen Volkes bleibe für alle Zeiten, dass das Volk selbst, so wie es für den Fonds beiträgt, auch immer die Verfügung über den Fonds und seine Zwecke behält. Das ist ein Werk, zu dem alle Juden beizutragen als eine Ehre, als eine rühmliche Pflicht betrachten sollen. Welch grosser, herrlicher Ausblick in die Zukunft, wenn — nach 1800 Jahren, während welcher das j üdische Volk die grössten Verfolgungen erlitten, während welcher es mit unsagbarer Standhaftigkeit gegen alle Feindseligkeiten, Entehrungen und Unterjochungen sich behauptet hat — wenn nun vor aller Weit auf unserem alten Boden wieder die jüdische Flagge aufgerichtet werden soll! Wenn Männer und Frauen, befreit vom schmählichen und schrecklichen Ghetto, den Pflug in die Erde senken und das Feld der Urväter bestellen, sie, denen vorher im Osten Europas unbeschreibliche Barbarei jedes Stückchen Licht und Luft zu rauben suchte. Schon ist im Lande der Väter eine Reihe blühender jüdischer Kolonien erstanden. Heisse, patriotische Liebe hat dem Boden, der durch Jahrhunderte brach lag, reiche Frucht entlockt. Mit stolzer Freude blicken wir auf die ersten Pioniere, die das geheiligte Land von neuem für jüdischen Fleiss und jüdische Arbeit eroberten. Mit stolzer Freude erfüllt es uns, dass a,uf ihrer Arbeit Segen ruht und dass sich das Lob ihres Fleisses und ihres Könnens unter Juden und Nichtjuden aller Länder verbreitet. Aber diese ersten Pioniere und ihre Kolonien sind nur ein Anfang und ein kleiner Anfang. Es ist durch sie erwiesen worden, dass Juden zur landwirtschaftlichen Arbeit taugen. Es ist durch sie erwiesen worden, dass Palästina nicht das wüste, unfruchtbare Stück Erde ist, für das es oft gilt, dass es vielmehr ein entwicklungsfähiges und verheissungsreiches Land ist. *) Alle jüdischen Zeitungen werden ersucht, diesen Artikel nachzudrucken. Dieser Artikel erscheint gleichzeitigen einer separaten Broschüre und dies steht den Vereinen und KorporaüoDfn für Propagandazwecke gratis zur Verfügung.