Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 18 #lbi* # W^lt" Nr. 29 stina ist ein sehr hoher Stuhl, den man nur dann erreichen kann, wenn man zuerst den niederen Stuhl, Uganda, erklimmt. Aber die Leute murren noch immer. Sie sagen nämlich, dass der niedere Stuhl zu weit entfernt ist von dem hohen Stuhl. Wenn wir schon Haltestellen brauchen, so sollen sie doch wenigstens dicht bei Palästina sein, rufen sie. Dies hat einen grossen Teil Wahrheit an sich; wir müssen aber nicht vergessen, dass uns nur Ostafrika angeboten wurde und sonst kein anderes Land, und dass ein Land in der Hand viel mehr Wert hat als zwei im Himmel. Auch ist das Plateau bei weitem fruchtbarer als LI Arisch oder irgend sonst ein Land in der Nachbarschaft Palästinas. Wenn die .luden die Kornfelder Ostafrikas gegen die steinige Wüste der Sinai-Halbinsel austauschen, so werden sie das erste Volk in der Geschichte sein, die nach Steinen gegriffen haben als ihnen Brot überreicht wurde. Ich gebe auch zu, dass ein Stein besser ist als gar kein Brot. Ich meine, dass die Zionisten vereint zusammen zu wirken haben, für die Lrlangung eines anderen Gebietes im Lalle der Verwerfung des Ugandaprojektes. Ls muss etwas geschehen, und zwar so rasch als nur möglich. Etwas Ernstes muss unternommen werden, damit der Zionismus nicht verdampfe, in Amerika erzählte man mir, dass das Gros der Zionisten nur für solche Versammlungen zu haben sind, an denen für Erfrischungen und Tänze gesorgt wird. Es ist Zeit, diesen sogenannten Zionisten zu zeigen, dass der Zionismus etwas Reales ist. Oer Zionismus darf nicht zu Literaturkränzchen oder Diskussionsklubs herabsinken, wo die Leute zusammenkommen, ihm einander sprechen zu hören. Es wurde schon zuviel im Zionismus gesprochen. (Vielleicht gebe auch ich heute ein Beispiel.) Denken Sie, dass England durch endlose Diskussionen über jedes neue Gebiet entstanden ist? Nein. Die Engländer sind hingegangen — in den meisten Fällen, auch ohne eingeladen worden zu sein. Sie Überliesseti das Schwatzen den anderen Völkern, sie verwarfen nicht Indien, damit rieht Kanada vernachlässigt würde, obwohl sie zu jener Zeit an Zahl weniger waren, als wir heute sind. In neuester Zeit wollten sie nicht von Südafrika ablassen, um nicht dadurch ihre in Aussicht stellende Suzeränität über Aegypten zu verlieren. Ich bewundere durchaus nicht die englische Kolonialpolitik; ich führe sie nur als Beispiel für Erfolge an. Wenn wir heute abends die Ostafrikafrage betrachten, lasst uns vor allem nicht vergessen, dass es sich nient um E r 1 a n g u n g Palästinas handelt, sondern darum, was dort zu m a c h e n wäre. Das Volk macht das Land und nicht umgekehrt. Hätte Moses die Juden in ein anderes Land geführt, so wäre jenes Land für uns Palästina. Die Gründe für den Zionismus können in gleicher Kraft überall angewendet werden. Diese Gründe können durch die drei Worte Glaube, Hoffnung, Wohltat ausgedrückt werden. Glaube — denn im eigenen Staate, mag er auch in einem beliebigen Erdteile sein, wird der orthodoxe .lüde seine Religion frei und ohne jede Störung ausüben können. Sein Fleisch wird er von einem jeden Metzger beziehen können und sein Sabbat wird der nationale Ruhetag sein. Er wird nicht jeden Samstag der Versuchung ausgesetzt, und vom Dienste seines Schöpfers zu dem Mammons hingezogen werden. Hoffnung — denn wir hoffen alle fest, dass dieser neue Staat viel besser sein wird als die bereits existierenden. Denn wir werden mit der Erfahrung der alten Länder beginnen und auf den Schultern der alten Welt stehen. Und so hoffen wir, dass in unserem Staate das Volk besser regiert, Reichtum besser verteilt werden wird, UnSittlichkeit und Verbrechen rarer sein werden und die Trauen eine gerechtere Behandlung finden werden, was ich als Er au natürlich am meisten wünsche. Unser Staat muss ein Musterstaat sein, ein leuchtendes Beispie! auf den Gipfeln der Berge. Sei es Sinai oder das Ostafrikaplateau, wir richten unseren Blick gegen die Berge, woher unsere Hilfe kommen soll. Wohltat. — Dies ist der dritte Grund für die Annahme des Angebotes Englands, und zwar der Hauptgrund. Die ganze Zeit sprach ich. als ob die Wahl des einen oder des anderen Landes eine reine politische Frage wäre, als ob das Los der .luden glücklich wäre, als ob sie kein Elend, keine Leiden kennten. Betrachten wir einmal kurz die Lage der .luden. Beginnen wir mit Amerika, dem Lande der Freiheit. Hier gemessen sie zwar alle politischen Rechte, aber ganz anders verhält es sich mit ihrer sozialen Gleichheit. In viele Privatschulcn finden jüdische Kinder keine Aufnahme. Später werden an den meisten Universitäten die jüdischen Studenten zu keinem Collcgeclub zugelassen. Wenn ein Jude zufälligerweise in einem Society Sommerhotel nach einem Zimmer fragt, erklärt man ihm, dass es überfüllt sei, so tadellos sein Leben oder seine Banknoten auch sein mögen. Eine Antivcrfolgungsgesellschalt musste heuer in Chicago gegründet werden, um die armen Hausierer gegen die rohen Angriffe der Strassenbuben dieser Stadt in Schutz zu nehmen. Noch schlimmer ist, dass die Massregcln gegen die Einwanderung in die Vereinigten Staaten immer mehr verschärft werden. Wie dürfen die Juden ihre Augen vor der Tatsache schliesseu, dass eines Tages ihnen der Eintritt dort überhaupt untersagt werden kann? Verlassen wir Amerika und betrachten einmal England. Hier kennt man ebenfalls keine gesetzlichen Ausnahmen, auch sind der sozialen Vorurteile viel weniger. Aber es gibt noch immer einen grossen Teil, wahrscheinlich viel mehr, als die Juden, selbst ahnen können. Niemand kennt die richtigen Gefühle seiner Nachbarn gegen ihn selbst und seine Familie. Kreuzen wir den Kanal, so kommt uns bald die Dreyfus- Affäre in den Sinn. In Paris gibt es mindestens eine Tageszeitung, die sich einzig und allein damit befasst, die Juden zu beschmutzen. Ich habe selbst auf der Wand einer französischen Festung „Mort au Juifs!'4 („Tod den Juden!44) gelesen. Es wur Weihnachten — wahrlich, eine sonderbare Weise, den Juden zu ehren, dessen Geburtstag dieses Fest feiert. Von Spanien, wo es keine Juden gfc)t, begab ich mich nach Marokko. Hier, wo alles so sonderbar ist, fand ich nur einen Zug, der allgemein bekannt ist, den Antisemitismus. In Mogador existiert ein regelrechtes mittelalterliches Ghetto, das sie Mcllah nennen, mit einem grossen Tore, das jeden Abend abgeschlossen wird und ausserhalb dessen kein Jude wohnen darf. Was einen aber am meisten missstimmt, ist nicht das Verhalten der Mauren gegenüber den Juden, sondern umgekehrt, das der Juden gegen die Mauren. Die Juden bilden dort 30 Prozent der Bevölkerung und stehen zweifellos höher als ihre Umgebung in Gehirn und Bildung, warum lassen sie sich denn so behandeln? Die Korruption und die Sinnlichkeit der Mauren sind allgemein bekannt; im besten Falle können sie sich nicht über den Stand der Polygamie und des Haremlebens erheben. Und von solchen Leuten lassen sich die Juden mit ihrer stolzen Geschichte und wclteiierobern.dcn Religion, ihren moralischen Genius und ihren Karnpfestraditionen, als Verbrecher nicht nur regieren, sondern auch behandeln? Es ist wirklich Zeit für ein Erwachen. Sehen wir uns einmal Deutschland an. Hier geniesst zwar der Jude die bürgerlichen Rechte, dagegen wird er immer mehr von den sozialen Rechten ausgeschlossen. Die moderne eh ristliche Gesellschaft schliesst ihre Tore vor dem Juden wenn er sich auch taufen lässt, um Eintritt zu erlangen. Ein deutscherOffizier wird kein Haus betreten, wo ein Jude weilt.(?) In einem antizionistischen Buche las ich neulich als Bestätigung dieser Gefühle, dass, wenn das Darncnkomitee einer deutschen Wohltätigkeitsinstitution eine Jüdin in seine Mitte aufnimmt, es unter keinen Umständen auf den Schutz der Behörden rechnen darf. Der Deutsche will nicht einmal das jüdische Geld berühren. Dies erinnert mich an eine kleine Anekdote, die ich einst hörte. Ein Mann starb und klopfte an das Tor des Paradieses um Einlass. Er war so zudringlich, dass der Engel Gabriel endlich auf ihn zukommen musste und. ihn vor den heiligen Petrus führte. „Was haben Sie getan, um den Einlass in den Himmel zu verdienen?" fragte ihn der heilige Petrus. Der Mann dachte und dachte und rieb sich die Stirn. „Eure Heiligkeit44, stotterte er endlich hei vor, ,,einst, vor vielen Jahren, sah ich einen kleineu Knaben barfuss im Schnee herumlaufen und schenkte ihm einen Heller'4. „Hm; und was haben Sie noch getan?44 fragte Petrus wieder. Der Mann dachte und dachte und rieb sich die Stirn. „Einst, als ich noch sehr jung war44, sagte er, „sah ich eine aUc Frau an einem heissen Sommertag von einer schweren Last niedergebeugt und gab ihr einen Kreuzer.44 „Was noch?" fragte Petrus immer weiter. Der Mann dachte und dachte und rieb sich die Stirn, konnte sich aber an nichts mehr erinnern. „Wcisst du was, Gabriel,44 rief Petrus zornig, „gib dem Kerl seine paar Heller zurück und schmeisse ihn. zum Teufel hinaus." In dieser Weise behandelt Deutschland den Juden, der, im Gegensatz zu dem, von dem wir eben erzählten, wirklich wohltätig ist. Man wirft ihm seine paar Groschen zurück und schickt ihn zum Teufel. In Gesterreich ist die Lage der grossen jüdischen Bevölkerung so ziemlich gleich der in Deutschland, dass wir es überspringen können und uns zu Palästina wenden. Palästina, das für den Juden eine solche Bedeutung hat, das ihm einst gehörte, das Land, wo er einst lebte und zu Hause war, wo er regierte, wirkte, neue Gesetze und eine neue Moral der Welt schenkte, wo er einer Religion lebte, die der Welt einen anderen Anblick verliehen, das Land des Moses und David, Jesaias und all der grossen Juden des Altertums, ist jetzt von 80 000 Juden bewohnt, deren grösster Teil — Schnorrer sind. Sie sind so arm, dass sie für einen Kreuzer für einen jeden zu beten bereit sind, da sie dort beim besten Willen keine Arbeit finden können. Von all der Herrlichkeit, die sie einst besassen, ist ihnen nur die Klagemauer geblieben. Der einzige Gefallen, den ihnen der Sultan je erwiesen hat, ist vielleicht das Verbot, in Palästina einzuwandern.