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Die Welt · 1905-07-21 · 29 (21.7.1905) · page 17

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
29 (21.7.1905)
Date
1905-07-21
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 29 „bis # weit" Seite 17 Schulen, aber da gibt es russische Klöster. Wir eröffnen Banken, aber da gibt es eine Deutsche Bank. Da gibt es nichtjüdische Eisenbahnen, französische und italienische Dampfschiffe und britisches Kapital. Wenn wir Palästina durch einen industriellen Feldzug gewinnen wollen, welche Hoffnung haben wir, in der Konkurrenz gegen die anderen Gesellschaften aufzukommen, hinter deren Rücken solche mächtige Regierungen stehen? Besonders noch, wenn der Sultan nicht nur keine jüdische Autonomie zugeben will, sondern sogar von einer jüdischen Immigration nichts wissen will. Denken Sie, meine Freunde, dass ich keine schönen Phrasen wie die anderen über das Land der Väter, über sich nicht nach rechts oder linkswenden schmieden könnte? Denken Sie, dass ich Herrn Greenberg nicht böswillig wegen Verführung angreifen könnte? Denken Sie, dass ich nicht tanzen und singen kann? Diese Sachen sind leicht, aber erleichtern nichts» Wo's schwierig ist, ist etwas zu tun. Wir hatten bereits einen Kongress in Palästina unter dem Vorsitze des feurigen Ussischkin. Welches Resultat hatte er aber? Welchen Fortschritt machte dadurch unsere Sache? Mit grosser Majorität wurden die Frauen von der Arbeit ausgeschlossen! Dies können Sie in Palästina unter dem Regime der reinen Palästinenser erleben. Zurück zum Baseler Programm. Es ist leicht einzusehen, dass sie nicht viele gewinnen könnten für den Anschluss anderer Länder ausser Palästina aus dem Kreis ihrer Operationen. Denn wohin würde ein solcher Schritt führen? Da das eigentliche Palästina nur eine Minorität unseres Volkes aufnehmen kann, so wären wir für immer von jeder Expansion, auch im Falle des Erfolges, abgeschnitten. Denn nicht nur Mesopotamien und die Sinaihalbinsel und die Nachbarländer Palästinas müssen unseren Operationen offen bleiben, kein Boden und keine Methode darf uns unmöglich gemacht werden. Wir wollen nicht das Baseler Programm verschmälert wissen. Wir wollen nicht, dass unsere Fonds abgeschlossen seien. Denn wenn die Anhänger der Kleinkolonisation am Kongresse zu Macht gelangen, so wird die Zukunft des Zionismus wie die Gegenwart der „Ica" aussehen. Einmal jährlich werden wir einen Bericht veröffentlichen — 180 Kühe hier und 416 Bruthennen dort usw. Wir werden feine Reden halten, singen und tanzen und dann zurück nach Hause gehen. Die andere Politik aber ist am besten in dem Berichte des Herrn W i 1 b u s c h angedeutet : „Verlassen Berlin mit dem Baseler Schnellzug. Angelangt in Basel. Auf nach Ostafrika. Verlassen Ostafrika. Angelangt in Palästina." In Ussischkins Broschüre ist das Programm für die zollweise Erlangung Palästinas niedergelegt. An Stelle der grossen diplomatischen Methode Doktor Herzls soll jeder Mann sein eigener Diplomat werden. Ein Chaos von Schwatzen, Handeln, Intrigieren und Ränkeschmieden, durch eine unendliche Zahl von Löchern soll Israel zurück in sein Land hineinkriechen. Wir wollen aber nicht kriechen; das haben wir bereits genug getan. Wir wollen hineinmarschieren mit flatternden Fahnen und unsere Gesichter gegen den Himmel gewendet. Denn so heisst es in unserem Gebetbuche: „Er wird das Joch der Verbannung von unserem Halse werfen und uns erhobenen Hauptes in unser Land führen.« * * * Die Rede der Mrs, ZangwHl. „Und Moses sandte sie, das Land Kanaan auszuspähen, und sprach zu ihnen: Begebt euch nach dem Süden und besteigt den Berg," Und sie kehrten von Erkundigung des Landes nach 40 Tagen zurück." „Und sie überbrachten den Kindern Israels von dem Lande, das sie ausgekundschaftet, falschen und widrigen Bericht, indem sie sagten: Das Land, welches wir durchreist haben, um es zu erkunden, verzehrt seine Einwohner.4' „Und der Ewige sprach zu Moses: Wie lange soll mich dieses Volk noch erzürnen? Wie lange noch wollen sie nicht an mich glauben bei allen Wunderzeichen, die ich unter ihm getan habe?" Diese Verse oder die drei ersteren mögen ziemlich das Ostafrika-Blaubuch summarisieren. Der Urteilsspruch jener alten Kommission hat eine auffallende Aehnlichkeit mit dem jetzigen Bericht. Von den 12 Männern, welche Moses südwärts aussandte, das Land auszuspähen, kehrten nur zwei zurück mit einer günstigen Beschreibung. Die Ostafrikaexpedition zählte nur drei Mitglieder; von dieser ist nur Major Gibbons mehr als zur Hälfte der Sache günstig, wodurch dieselbe Proportion erhalten wird — ein Sechstel. Wenn ich von Major Gibbons sage, dass er nur zur Hälfte günstig, so glaube ich, unterschätzend zu handeln. Ich hörte ihn in einem Privatgespräch sagen, dass er bereit wäre, aus eigener Initiative etwas in Ostafrika anzufangen für den Fall, dass die Juden das Projekt verwerfen sollten. Ich glaube, dass man kein günstigeres Urteil mehr braucht. Fürwahr, das Entmutigende an unserem Urteil ist nicht, weil es ein schlechtes Licht auf Ostafrika, sondern auf die Juden wirft. Man fühlt, dass, wenn auch das angebotene Land buchstäblich von Milch und Honig flösse, die Juden dennoch zu murren hätten — über die Schlüpfrigkeit des Bodens und die Kostbarkeit der Drainage. Der Jude ist so beschäftigt, dem geschenkten Gaul ins Maul zu gucken, dass er nicht nur vergisst, dass es ein Geschenk ist, sondern auch vergisst, dass es ein Gaul ist. Es gibt gewiss ernste Einwürfe, die man dem vorgeschlagenen Gebiete machen kann. Es soll zu klein sein, um eine endgültige Lösung der Judenfrage zu bringen. Dies ist jedoch ein Vorwurf, den sie selbst fabriziert haben. Wären sie am Anfange mächtig und einig, so würde ihnen die englische Regierung zweifellos ein grösseres Territorium gewährt haben. Sogar jetzt wäre es närrisch, das Angebotene aus dem Grunde, weil winicht mehr bekommen konnten, zu verwerfen. Wenn Sie einem zerlumpten Jungen einen Anzug anbieten, so wird er ihn nicht refüsieren, weil er in ein paar Jahren ausgewachsen sein und einen weiteren Anzug brauchen wird. Das Guas Ngischu- Platenu würde uns jetzt ganz gut passen: vielleicht noch besser als ein grösseres Gebiet. Ein Volk, das 2000 Jahre kein Land besessen hatte, ist in bezug auf Selbstregierung ein Kind und braucht auch kein grosses Gebiet. Eine rabbinische Legende erzählt, dass während der 40jährigen Wanderung in der Wüste die Kleidungsstücke zusammen mit den Kindern wuchsen. Vielleicht fördert das Plateau eine gleiche Elastizität an den Tag. Wie dem auch sein mag, in Ostafrika würde der Jude eine Lektion in Kolonisatiouswesen und Verwaltung erhalten. Was noch wichtiger ist, ist das moralische Zentrum, das der Judenh^ii in ei rem Judenstaate, und wenn er auch noch so klein sei, geboten wäre. Das Plateau würde ein Anfang sein, niemals ein Ende. Denn in der Zukunft, hoffe ich, wird der Jude sein eigenes Land bewohnen und niemand über ihm — ausser Gott. Der grösste Einwurf, den man gegen Uganda erheben kann, ist nicht der Mangel an Fläche, sondern dass es nicht Palästina sei. Gewiss ist es nicht Palästina; es ist zweimal so fruchtbar. Bei dieser Gelegenheit möchte ich noch bemerken, dass das eigentliche Palästina kleiner ist als das Plateau. Palästina selbst wäre auch nicht imstande, die Judenfrage zu lösen; es könnte nur ein Anfang sein. Was man aber nicht vergessen darf, wenn man die Frage von Ostafrika gegen Palästina erwägt, ist, dass wir keine Wahl haben, da uns Palästina vorläufig noch nicht angeboten wurde. Wenn dies geschieht, haben wir noch immer Zeit genug, Uganda aufzugeben. Wir haben eine zionistische Fahne, die in St. Louis unter den Fahnen aller Nationen flatterte, obwohl sie noch nicht über dem Tempel weht, wir haben ein zionistisches Parlament, das nächsten Monat in Basel einberufen wird, obwohl es noch nicht in Jerusalem abgehalten werden kann. Warum sollen wir nicht auch einen zionistischen Staat haben, obwohl wir ihn nicht in Palästina errichten können? Aber wenn die Leute auch das einsehen, haben sie noch immer etwas auszusetzen. Sie behaupten, nämlich, dass mit Ostafrika und Palästina der Zionismus zwischen zwei Stühle fallen würde. Sie vergessen aber, dass Palästina und Ostafrika als zwei Stühle verschiedener Höhen darzustellen sind. Palä-

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