Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „bis # weit11 Nr. 29 Kinder" anbieten. Fügen sie zu „Brot" noch eine Fahne und ein Ideal hinzu, so erhalten sie Doktor He[rzls Bedingungen für eine erfolgreiche Kolonisation. Das ist es, worin sich diese Kolonie von allen nichtzionistischen Kolonisationsversuchen unterscheiden würde, und der Grund, warum ich sie in den Händen der Zionisten und nicht den anderen jüdischen Körperschaften ausgeliefert wissen möchte, die ihre Seele töten würden. Als ich einst davon sprach, dass die Kolonie nicht zu einer Zufluchtsstätte für auswandernde Paupers werden dürfe, zitierte mich Major Evans Gordon freudeerfüllt zur Bekräftigung der Anti-Alien-Massnahmen, zum Jubel des Unterhauses. Aber ich dachte, dass auch das Unterhaus den Unterschied einsehen könnte zwischen der Politik, die für eine junge Kolonie, die noch nicht recht auf ihren Beinen stehen kann, notwendig ist, und der eines grossen alten Reiches. Ich wünsche mir nichts Besseres, als dass der Tag heranbrechen möge, an dem unser Staat stark genug sein wird, die Aliens und Paupers der Christenheit zu absorbieren. Das sephardische Banner und die zionistische Fahne. Ich wurde des Verrates angeklagt, weil ich Antizionisten eingeladen habe, unseren Reihen sich anzuschliessenund diejenigen diedas Ugandaprojekt verwerfen wollten, zu überstimmen. Antizionisten, wirklich! Wenn diejenigen, die das jüdische Volk auf einein eigenem Territorium und unter seinen eigenen Gesetzen lebend wissen wollen, Antizionisten sind, welcher Namen dann für diejenigen, die die Autonomie als eine Todesgefahr betrachten? Welcher Name bleibt dann für Herrn Lucien Wolf, der während der ganzen Zeit den „Advocatus diaboli" gespielt hat? Wenn Sie ein Getränk auf seinen Alkoholgehalt prüfen wollen versuchen Sie es an einem, der nicht trinkt, und nicht an einem alten Saufbold. Wenn Sie wissen wollen, wieviel Zionismus in dem Ostafrikaprojekt enthalten ist, wachen Sie darüber, wie es auf die sogenannten nüchternen und praktischen Männer wirkt. Herrn Lucien Wolf ist die Sache sehr zum Kopfe gestiegen» Auf der letzten Versammlung der „Anti (Anglo) Jewish Association" schlug dieser Herr vor, sich der Konferenz in Basel nur dann anzuschliessen, wenn die zu gründende Kolonie jedes politischen Charakters bar wird. Einige Tage später sprach er in der Jüdischen Historischen Gesellschaft und forderte die Gemeinde auf, die 250 jährige Einwanderung der Juden in England zu feiern. Im Dezember anno 1655, sagte er, ereignete sich das Bemerkenswerteste in der englisch-jüdischen Geschichte — die nationale Konferenz, die sich mit der Zulassung der Juden in England beschäftigte. Die Richter beschlossen, dass der Rückkehr der Juden nach England nichts im Wege stehen solle. Dies,.sagt Herr Lucien Wolf, ist das imposanteste Ereignis, das unsere Geschichte hier in einer bei weitem würdigeren Weise eröffnet als die einer anderen Gemeinde in Europa. Armes jüdisches Volk! Ich weiss, dass wir degradiert sind, aber dass eine solche Konferenz, die gesagt hat: „Die Tür ist nicht mehr geschlossen vor den Bettlern" als der würdigste Anfang einer jüdischen Gemeinde in Europa bezeichnet werden könnte — das geht doch über die blödsinnigsten Träume. Wenn Herr Lucien Wolf dies als imposant und würdig betrachtet, so ist es ebenso möglich, mit ihm über Zionismus zu sprechen, wie es möglich, ist mit einer farbenblinden Person über die Farben im Regenbogen zu diskutieren. Sein Weiss ist mein Schwarz und was für ihn Würde heisst, betrachte ich als Schmach. Wenn die apanischen Juden unter diesen würdigen Bedingungen in England eingezogen sind, so ist es kein Wunder, wenn sie so bereit waren, die Füsse des spanischen Königs zu lecken, dessen glorreiche Vorfahren sie aus Spanien vertrieben. Wie ich hörte, soll mit der geplanten Feier eine kleine Ausstellung, natürlich in erster Reihe sephardischer Gegenstände, verbunden sein. Den interessantesten Gegenstand dieser Ausstellung soll ein Paar Kniehosen bilden, die ehrfurchtsvoll im Beratungszimmer der Bevis Marks Synagogue aufbewahrt gewesen sind. Der zentrale Charakter dieses Kleidungsstückes ist ein Kotfleck, gebildet durch einen spanischen Stiefel, dessen man sich zum Herausjagen seines ursprünglich Eigentümers aus Spanien bediente. Diese Trophäe soll seit 400 Jahren nicht mehr gebürstet worden sein und ein ruhmreiches Banner bilden, im Vergleich mit welchem Herr Lucien Wolf die blau-weisse Fahne des Zionismus ein Ghettozeichen nennen wird. — Aber auch die „A. J. A." ist nicht so närrisch oder so armutsbrotliebend wie Herr Wolf und hat soben der „Ica" geraten, sich an der Ostafrikakonferenz zu beteiligen. Die Grossfürsten der „Ica". Man spricht jetzt so häufig von den Grossfürsten in Russland. Ich sage Ihnen, die Grossfürsten der „Ica" sind nicht besser. Da sitzen sie und missbrauchen den jüdischnationalen Schatz, verbergen sorgfältig ihre Bilanzen und kommen nur einmal jährlich für zehn Minuten in Paris zusammen. Ihre letzte Versammlung fand vor einigen Tagen statt und mit Entsetzen las ich die Reden des Präsidenten Herrn Narcisse Leven, in der er zwar die Lage der Juden in Russland als so schrecklich, dass sie nicht mehr schrecklicher werden kann, schildert, von dem Ugandaprojekt aber kein Wort spricht, da er sich mit der Hoffnung tröstet, dass die russischen Juden eines Tages nützliche Bürger in Rt:ssland werden, nützlich jenem Russland, aus welchem sie Baron Hirsch, dessen Gelder Herr Leven jetzt verwaltet, so rasch als nur möglich herausreissen wollte. Ja, nützlich für Russland als gute Zielscheiben für die japanischen Kugeln. Derselbe Bericht erzählt, dass die jüdische Jugend in Argentinien zu richtigen Argentiniern wird, die spanisch spricht und sich dem Leben, den Sitten und Gewohnheiten der Landesbevölkerung anpasst. Und über die Hirsch'sche Schule lesen wir diese Woche, dass der Maj or Washington Steven den Zöglingen eine kanadische Fahne schenkte, damit sie als gute Kanadier aufwachsen. Und so geht es in der ganzen Welt zu, auf jedem neuen Gebiet erfinden die „Klugen" neue Tricks. Als der verstorbene Sir Charles William Siemens, der Begründer der Firma Gebrüder Siemens, von Deutschland nach England herüberkam, arm und unbekannt, brachte er eine Erfindung für Wollepressen mit, für die er hier einen Kapitalisten zu gewinnen glaubte. Als er in seiner Verzweiflung durch die Strassen Londons wanderte, bemerkte er über einem Laden die Ueberschrift „Undertaker"*). „Das ist mein Mann!" rief er plötzlich freudestrahlend aus, „der unternimmt's sicherlich." Ich fürchte, dass die „Ica* in diesem Sinne die Rettung des jüdischen Volkes unternimmt. Die Sammlung aber aller ihrer Emigranten auf einem Boden unter einer Fahne würde ein neues jüdisches Volk ins Leben rufen, anstatt das alte zu zerstören. Dieses Jahr kamen Emigranten aus eigenem Antriebe nach Argentinien, ohne dass die „Ica" für ihre Importierung grosse Summen, wie gewöhnlich, auszugeben hatte. Warum soll sie nicht aus der Er- *) Unternehmer im allgemeinen, gewöhnlich aber nur zur Bezeichnung der Totenbestattungsunternchmer. Anmerkung d. Uebers,