Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 29 „bie # weit" Seite 18 jüdischen Territoriums einsehen und wie es zu Palästina führen wird,, obgleich es nicht Palästina ist? Der deutsche Zionistenverband, der jede Kolonisation ausserhalb Palästinas und seiner Nachbarländer als nicht zum Zionismus gehörend bezeichnet, nimmt in sein Programm die Unterstützung aller Mittel auf, die geeignet sind, das jüdische nationale Selbstbewusstsein zu heben. Können Sie sich etwas vorstellen, das besser geeignet wäre, dass jüdische Selbstbewusstsein zu heben, als ein jüdischnationales Territorium? Die Hebung des jüdischnationalen Selbstbewusstseins bildet einen Teil des Baseler Programms, was genügend Grund ist für die Schaffung eines jüdischen Territoriums. Aber wir ziehen Scholaum vor — unseren alten Todfeind. Wie oft haben wir einen unehrenhaften Frieden vorgezogen! Aber ist Scholaum wirklich so notwendig für den Kongress? Nicht im geringsten! Alles, was notwendig ist, ist Konstitutionalismus! Haben Sie schon einmal von einem Parlament mit Scholaum gehört? Wenn das notwendig wäre, bedürfte die Welt keiner Parlamente mehr. Notwendig ist, dass die Minorität die Stimme der Majorität achten soll. Das ist die politische Lektion, die unsere russischen Brüder noch zu bereuen haben. Ich will ihnen daraus durchaus keinen Vorwurf machen. Sie kommen eben von einem Lande ohne Parlamente. Hätten die Nein- Sager sich nicht so hysterisch gezeigt, so würde man zionistisches Geld für unsere Kommission verwendet haben und brauchte nicht Christen anzuschnorren. (Greenberg ruft: Wir haben nicht geschnorrt, sie haben selbst gegeben.) Die Kommission wäre dann frühzeitig fortgefahren und wir hätten das Eisen schmieden können, solange es noch heiss gewesen. Im September 1903 war die englische Presse überfüllt mit Bildern aus Neu-Zion und die „Times" widmete dem Projekte einen recht günstigen Leitartikel, im April 1905 hatte die „Times" wieder einen ausführlichen Leitartikel über die Zukunft Ostafrikas, von dem dort geplanten Judenstaate war aber keine Rede mehr darin. Das Ostafrikagebiet. Als der Bericht unserer Kommission endlich erschienen war, klagte mir mein Freund Herr Joseph Cowen, dass nur zwei Exemplare desselben verkauft wurden. Da sagte ich ihm, dass ich derjenige war, der sie gekauft habe. Das überlaute Benehmen der Nur-Palästinenser hatte aber ein bei weitem schlimmeres Resultat als die Verspätung zur Folge: es denervierte unseren armen Führer und während das Angebot dergestalt war, dass unserer Kommission die Auswahl des Ansiedlungsgebietes freistand, und zwar, wie die „Times" damals erklärten, längs der Ugandabahn, drängte Dr. H e r z 1 — der fürchtete, die spärlichen Mittel auf eine Ungewissheit auszugeben — die Regierung, selbst die Wahl vorzunehmen. Das Resultat wrar — was man angesichts des fürchterlichen Lärms leicht begreifen kann — dass die Regierung ein Gebiet aussuchte, das sehr weit entfernt von der Bahn gelegen ist. Die plötzliche Zufriedenheit Sir Henry Johns tons mit dem Gebiete war höchst verdächtig. Wie sich jetzt herausstellt, ist das Gebiet ein pastorales und kein agrikulturelles Land. Major Gibbons, der Optimist, findet in ihm für den besten Fall nur Platz tür 1000 viehzuchttreibende Familien und 15.000 bis 20.000 Ackerbauer, die noch problematischer Natur seien; Ingenieur Wilbusch kann es nur einer viehzuchttreibenden Gesellschaft empfehlen; Professor Kaiser würde es weder einer Gesellschaft noch privater Unternehmungslust empfehlen. Die Entwicklung eines solchen Territoriums würde England grossen Nutzen bringen — seine Bekanntmachung allein verhalf bereits der Ugandabahn, zum ersten Male seit ihrer Gründung, dazu, ohne Defizit zu arbeiten — aber als Zentrum für die Ableitung des Stromes der jüdischen Immigration ist es ganz ungeeignet. Es kann im besten Falle 20.000 oder 30.000 Seelen ernähren, während ungefähr 100.000 Juden jedes Jahr Russland verlassen. Ich würde daher an das Colonial Office appellieren, das Angebot aufzufrischen durch die in Aussichtsstellung eines anderen Territoriums zum Zwecke der Expansion, im Falle, dass der Versuch gelingen sollte, und ich bin überzeugt, dass es das Angehen nicht unberücksichtigt lassen wird. Unser Volk darf durch ein solches Angebot nicht zum Narren gehalten werden, so dass, wenn es dasselbe verwirft, man ihm sagt, dass die Fremden sich weigerten, das angebotene Asyl anzunehmen und daher nicht klagen können, wenn sie zum Teufel geschickt werden. Mr. Chamberlain und Dr. Herzl. Ich bin überzeugt, dass Mr. Chamberlain ursprünglich nicht an ein so zusammengepresstes und unpassendes Land dachte. Als er am letzten Dezember imLimehoux sprach, sagte der grosse Staatsmann, dessen wohlwollender Phantasie wir das Angebot zu verdanken haben: „Ich hatte mehrere Zusammenkünfte mit dem verstorbenen Dr. Herzl, dem Manne, der auf mich den grössten Eindruck machte und dessen Aufrichtigkeit, Patriotismus und Fähigkeiten einem jeden, der mit ihm in Kontakt kam, tiefe Verehrung abzwingen mussten. Im Prinzipe waren wir einig, dass es die beste Lösung der Judenfrage ist, irgend ein Land ausfindig zu machen, das unter dem Schutze der englischen Fahne stünde oder unter der eines Konzerts der Mächte, wenn sie es so haben wollen, und in dem diese aus ihren Heimatländern vertriebenen Auswanderer, die dieselben nicht aus irgend einer Laune verlassen oder weil sie uns schaden wollen, in Sicherheit ihrer Religion und ihren Idealen leben könnten . . . „Das war unser Gegenstand/ sagte er und fügte hinzu: „Jetzt hat die Sache zwar sehr viel gelitten durch den Tod des Dr. Herzl, aber seine Pläne werden fortgesetzt und wenn ich mich nicht irre, wird noch diese Woche eine Kommission nach Ostafrika abgehen, wo tausende und hunderttausende von Meilen unbewohnten Landes vorhanden sind, um zu sehen, ob dort nicht ein Asyl für diese Verfolgten zu gründen sei/ „Tausende und hunderttausende von Meilen unbewohnten Landes." Da können Sie sich eine Idee bilden von dem Räume, der zu unserer Verfügung gestanden hat. Gewiss ist dieser Handel nicht einseitig. Zur Bearbeitung und Kultivierung seiner ausgedehnten Territorien braucht England Menschen. Das ist der Handel, auf den Dr. Herzl eingehen wollte. Der Zionismus sollte die Arbeitskräfte stellen und eine blühende Kolonie für England schaffen, wofür er nur ,,Self-Government" erhalten sollte. Und jeder vernünftige Zionist versteht, dass Self-Government uns viel näher zum Endziel des Zionismus bringt als all die Pläne wegen Kleinkolonisation unter der vom Bakschisch beherrschten Regierung der Türkei. Der Boden für einen solchen Versuch muss fruchtbar sein und eine Zukunft haben. Er muss an und für sich eine Anziehungskraft ausüben und darf nicht zu einem Puppenheim für die Kreaturen der Philanthropie herabsinken. Es muss, um mit den einfachen, aber beredten Worten eines rumänischen Appells zu sprechen, „Brot und eine Zukunft für die