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Die Welt · 1905-07-21 · 29 (21.7.1905) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
29 (21.7.1905)
Date
1905-07-21
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „Me *> W*!tM Nr. 29 Freunde, welche die Juden je hatten, stempelte. Aus einer langen Unterredung, die ich mit ihm im vorigen Dezember hatte, erfuhr ich, dass er am eifrigsten ein Konzert der Mächte zur Lösung der Judenfrage unterstützt haben würde. Er erlaubte mir sogar, seine Ansicht bekanntzumachen, dass die Beteiligung an der zionistischen Bewegung den Ruf der ameiikanischen Juden als Patrioten unter keinen Umständen beeinträchtigen wird, Zu einer Zeit solcher Trübsal und Verluste für den Zionismus erschallt in unserem Lager ein sonderbarer Jubeischrei. Auf der amerikanischen zionistischen Konvention, die soeben in Philadelphia stattgefunden hat, begegnete man solchen Szenen von Begeisterung, Jubel, Gesang und Tanz, die unbeschreiblich sind. Was ist los? Friede ist eingezogen! Das Aktionskomitee verwarf das Ostafrikaprojekt. Unsere Brüder in Amerika hatten noch nicht einmal den Bericht der Kommission gelesen, aber das war belanglos — es herrschte Friede. Ein Friede um jeden Preis. Ein Friede ohne Fortschritt. Das alte Motto lautete: „Alles ist verloren nur nicht die Ehre.tt Das unsrige soll heissen : „Alles ist verloren, nur nicht der Friede." Herr W o 1 f f s o h n*), einer unserer neuen Führer, gesteht, dass er nicht frei aufatmen konnte, bis das Ugandaprojekt verworfen wurde. Es ist derselbe Mann, der, als es zuerst vorgeschlagen wurde „Sehe hechejonu" sagte. Jetzt singt er „Scheprotani". „Gesegnet sei, der mich von dieser Last befreite!" Eine grosse Gelegenheit ist dem jüdischen Volke verloren gegangen. Wir sind noch immer ausserhalb der Tore Palästinas, aber das tut nichts; wir haben Schalom. Und die amerikanische Konferenz jubelt und tanzt vor Freude und unsere Führer sprechen den „Schepotrani"-Segen. Der Friede — kein gesunder Friede. Aber herrscht wirklich Friede? Nein. Der Umschlag dieses Blaubuches trägt ein zionistisches Zeichen und die Ueberschrift: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina." Das Blaubuch jedoch handelt nur über Ostafrika. Der Zionismus gibt hiermit zu, dass das Ostafrikaprojekt in den legitimen Bereich seiner Operationen hineingehört. Herr Wolffsohn sagte im vorigen Monat am Schekeltagmeeting in London, dass die Erlangung des Ostafrikaangebotes die grösste Schöpfung Herzl s gewesen sei, da die englische Regierung durch dieses Angebot das zionistische Prinzip gutgeheissen habe. Ja, aber zu gleicher Zeit hatte das zionistische Prinzip die englische Regierung anerkannt. Das Aktionskomitee selbst gibt in der Resolution, die das Ugandaprojekt verwirft, zu, dass der Zionismus die Möglichkeit hatte, dasselbe zu akzeptieren, denn es heisst in der Resolution : „Nachdem das Komitee den Bericht der Ostafrikakommisson geprüft hat usw." Ja, welches Recht hatte es, den Bericht zu prüfen, wenn es unberechtigt war, das Angebot anzunehmen? Das A.-C. und all diejenigen reinen Palästinenser, die so gerne von dem Unwert Ugandas sprechen, benahmen sich wie jener Rabbi, der, nachdem er schon sein Mittagessen zu verzehren begonnen hatte, ausrief: „Nehmen Sie mir diesen trefenen Braten weg — er ist zu hart!tt *) Herr Zangwill irrte hier, denn es war nicht Herr Woffsohn, sondern ein Mitglied des russischen A.-C, worauf ihn der Vorsitzende Herr L. J. Greenberg aufmerksam machte. (Anmerkung des Uebersetzers.) Ich denke jedoch, dass der Braten, so hart er auch sein mag, koscher ist und einem Hungernden lieber sein wird als gar kein Fleisch, indem er ihn kräftigen wird, um sein Endziel zu erreichen. Und wenn auch zugegeben würde, dass dieser Braten ungeniessbar sei, ist es denn ausgeschlossen, einen schmackhaften Bissen zu bekommen? Solange es noch nicht feststeht, dass das Ugandaprojekt zu verwerfen sei, weil es trefa ist oder weil es ungeniessbar ist, kann es unmöglich einen wahrhaften Frieden geben. Die eine Partei schreit: „Nur Palästina* und möchte alle Mittel nur diesem Erdenwinkel zuwenden, die andere glaubt, dass einTerritoriummitautonomenRechten uns der Aneignung Palästinas viel näher bringen würde als die Gründung von kleinen Kolonien in Palästina selbst. Wenn nun eine dritte Partei aufgekommen ist, die Territorialisten, die für die Gründung eines Judenstaates in irgend einem Lande sind, so sind die fanatischen Palästinenser einzig und allein daran schuld. Ihre zelotische Engherzigkeit hat diese Reaktion hervorgerufen. Ein kleines Beispiel: Herr Ussischkin, ihr Chef, sandte mir sein Werkchen „Unser Programm" betitelt mit der Widmung: „Von Ussichkin, dem Zionisten, an Zangwill, den Territorialisten" — zu einer Zeit, wo ich den Territorialismus noch nicht einmal dem Namen nach kannte. Ich glaubte und glaube noch jetzt, dass wir kein Bedürfnis empfinden für Sekten und Fraktionen. Wenn die Territorialisten imstande wären, einen Judenstaat zu gründen, so wäre es das beste für die reinen Palästinenser, denn im Judenstaate wäre ihnen ein Machtzentrum geboten für ihre Bestrebungen. Vergleichen Sie einmal die Macht, der zionistischen Sache zu helfen, die die Juden in New York besitzen, mit der der Juden in Palästina oder sogar in Russland. Je grösser die Freiheit der Juden ist, desto grösser ist der Einfluss, den sie auf die Verhältnisse ausüben können. Im schlimmsten Falle: welchen Schaden würde der Zionismus erleiden, wenn die seit 19 Jahrhunderten geschändete jüdische Fahne auf jüdischem Boden wieder wehen könnte? Welchen wunderbaren moralischen Aufschwung würde sie hervorrufen, wenn sie auch nur auf einem unfruchtbaren Felsen gehisst werden könnte! Eine jüdische Ruhmeshalle. Jetzt aber besitzen wir nichts — nichts. Sie haben vielleicht von dem jüdischen Bildhauer Galizenstein gehört, der in Rom wohnt und dessen neuestes Werk unlängst von dem König von Italien für seinen Palast im Quirinal angekauft wurde. Dieser Bildhauer, der ein Zionist ist, arbeitete einige Jahre an einem kolossalen Bilde, welches den Genius unseres Volkes darstellt, schlafend, aber in der Hand ein Schofar und jeden Augenblick bereit, den Auferstehungsruf zu blasen. Dieses monumentale Werk soll den Zionisten gewidmet werden zum ewigen Andenken an Herzl und der Künstler ersuchte mich, ihm ein jüdischnationales Gebäude anzuzeigen, wo es untergebracht werden könnte. Ich antwortete ihm, dass wir, leider, kein derartiges Gebäude besitzen. Bei all den Millionären, die wir in jedem Lande in Massen haben, besitzen wir keinen einzigen Platz, kein einziges Gebäude, das der ganzen Judenheit eigen wäre und in dem wir einen solchen nationalen Schatz aufbewahren könnten. Das Beste, das ich ihm raten konnte, war, einen Abguss des Bildes in einen der hinteren Räume des Baseler Kasino zu plazieren. Aber auch das Baseler Kasino ist unser nationales Gebäude nur für eine Woche. Können Sie nicht die Notwendigkeit eines

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