Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 29 „bic # W^lt" Seite 11 Zeit (wer weiss, vielleicht für immer) ein Invalide. Polemik und Kampf können Sie mir aber nicht fernhalten, wenn ich eine amtliche Stellung annehme/ *) Das A.-C. * * Gg. Karl R e s e k, Prag, ersuchte Dr. N o r d a u um Definierung seines Ausspruches, dass ein Zionist auch ein guter Deutscher, Ungar usw. sein könne, und erhielt nachstehenden aufklärenden Brief: „Paris, 2. Juli 1905. „Hochverehrter Herr, Natürlich habeich gesagt und sagen wollen:„Ein Zionist kann auch ein guter Deutscher, Ungar usw. im Sinne von Staatsbürger und Kulturträger sein." Dafür stehe ich ein. Der Jude, zumal der gebildete, ist ein hervorragender Kulturträger und er ist naturgemäss der Träger jener Kultur, in der er aufgewachsen ist und an der er empfangend und schaffend mitarbeitet. Wo Nationalitäten einander gegenüberstehen, die auf Abstammung Gewicht legen, da muss er sich von ihren Kämpfen und Eifersüchteleien streng fernhalten, soll er nicht zugleich lächerlich und tief verächtlich werden. Wo es hauptsächlich um die Sprache, also das Werkzeug einer Kultur, die auch die seine ist, geht, da wird es ihm wohl sehr schwer werden, seine natürlichen Sympathien zurückzudrängen, er muss es aber dennoch tun; nicht aus Gründen der Selbstverständlichkeit, wie wo es sich um Abstammung handelt, denn es wäre einem deutschsprachigen Juden sehr natürlich, für seine Muttersprache auch kämpfend einzutreten, sondern aus Gründen des Taktes und der politischen Opportunität. Im Herzen mag der Zionist im Sprachenkampfe Partei nehmen; unauffällig, als bescheidener, zurückhaltender Gefolgsmann mag er auch für seine Sprache Opfer bringen, aber Rufer im Streite zu sein muss er sich trotz des Drängens seines Temperaments versagen, weil er nicht berufen ist, Offizier eines Heeres zu sein, das ihm die Waffenehre nicht gönnt. Ganz praktisch und konkret gefasst, heisst das in einem Lande wie Böhmen: Der deutsche Jude mag deutsche, der tschechische tschechische Blätter halten, soweit sie nicht ausgesprochen antisemitisch sind, er mag Bücher kaufen, zu Denkmälern und Stiftungen nationaler Art beisteuern, wenn das Herz es ihm befiehlt (am besten allerdings anonym), aber er darf keinen ausgesprochenen politisch-nationalen Kampforganisationen beitreten. Dagegen sehe ich im Zionismus schlechterdings kein Hindernis, dass ein Jude, natürlich unter stolzer Betonung seines Judentums, dort, wo ähnliche rein jüdische Vereine nicht bestehen, nichtjüdischen Vereinen sich anschliesst, die reine Kulturzwecke verfolgen; also Turn-, Gesang-, Vortrags-, Bildungs-, Sportvereinen, Theater- und Konzertgesellschaften usw. Er braucht sich dies auch dann nicht zu versagen, wenn der Verein deutsch- oder tschechischnational ist. Er hat ein Recht, auch als Fremdnationaler — nicht als Feind, denn das ist er nicht! — an den Vorteilen einer Einrichtung teilzunehmen, die er durch seinen Beitritt miterhalten hilft. Das ist mein Standpunkt, den ich immer laut verkündet habe. Jede grosse Armee lässt fremdstaatliche Offiziere zu Ausbildungszwecken zu, die in ihrer eigenen Uniform Dienst tun und mit den anderen Offizieren überaus kameradschaftlich verkehren. Im Kriegsfalle müssen *) Aus einem Privatbriefe de.? Herrn Dr. M.Nordau an Architekt Oskar Marmore k. sie freilich das Heer verlassen, in dem sie hospitieren. Wir brauchen nicht schroffer zu sein als diese Offiziere, die zeitweilig im fremden Heere dienen. Mit zionistischem Grusse bin ich stets Ihr hochachtungsvoll ergebener Dr. M. Nord au.« Die jüngste Rede Israel Zangwills.*) Am 10. d. fand in London ein Massenmeeting statt, das von dem Zentralkomitee der politischen Zionisten in London einberufen worden war. Der grosse Saal des „Jewish Workmen's "Club", der für 2000 Personen Raum hat, war überfüllt. Die Hauptredner an diesem Abende waren Herr und Frau Z a n g w i 11, deren Reden mit grosser Begeisterung aufgenommen wurden. Den Vorsitz führte Herr L. J. Greenberg, der in einer längeren Rede die Haltung der „Zione Zion" und der Kleinkolonisationsfreunde kritisierte und einige interessante, bisher unbekannte Tatsachen der Geschichte des Ugandaangebotes vorbrachte. Nachdem er noch versichert hatte, dass die von den Einberufern der Versammlung vertretenen Ansichten diejenigen Dr. Herzls seien, brachte er eine Resolution zur Abstimmung, die, von Herrn Kopelowitz unterstützt, von der Versammlung einstimmig angenommen wurde. Die Resolution lautet: „Dieses Massenmeeting verpflichtet sich, das ursprüngliche Baseler Programm als das einzige politische Mittel zur Erlangung einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu unterstützen." Doktor I. Salkind schlug in einer kurzen Rede das „Vote of thanks" vor, in dem er Zangwill besonders als einen „ehrlichen" Zionisten hervorhob und Frau Zangwill mit Ruth verglich. Frl. Carmel Goldschmied und Rev. S. A. Adler unterstützten den Vorschlag, der durch einen donnernden Applaus seine Bestätigung fand. Zuletzt ergriff Zangwill wieder das Wort. Er nahm Bezug auf die Ausführungen Dr. Salkinds und versicherte, dass er es mit dem Zionismus stets ehrlich gemeint habe, ohne auf die Unannehmlichkeiten, die man ihm deswegen machte, zu achten. Am meisten fühle er sich glücklich durch die warme Aufnahme, die seine Gemahlin an diesem Abend gefunden habe. Die Menge begleitete den Wagen, in dem Herr und Frau Zangwill wegfuhren, mit Ovationen und Heddadrufen. I. M. S. Die Rede Israel Zangwills. Am Schlüsse des letzten Kongresses besassen wir drei Schätze : Herzl, das Angebot eines Territoriums im Ostafrika, das beinahe so gross ist wie Wales, und eine weitherzige Auffassung des politischen Zionismus, Am Schlüsse des nächsten Kongresses werden wir höchstwahrscheinlich keinen derselben besitzen. Herzl ist tot, und die Zwerge haben nichts Eiligeres zu tun, als den Riesen zu zerstampfen und sein Werk zu vernichten. Nord au, der vielleicht imstande wäre, das Werk fortzusetzen, ist aus Gesundheitsrücksichten verhindert, es zu tun, und es darf uns nicht überraschen, wenn wir ihn als Führer nicht einmal nominell werden behalten können. In der Aussenweltist der Zionismus durch den Tod des Sekretär H ay ärmer geworden, dessen Leistungen zugunsten der russischen und rumänischen Juden und der Gültigkeit der jüdischen Reisepässe in Russland ihn zu einem der grössten *) Gehalten am 10. Juli im „Jewish Workmen's Club" vor dem von der Zentrale der politischen Zionisten in London einberufenen Massenmeeting. Uebertragcn von Dr. J. M. S—d.