Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316128-3316162--47073-3341949- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 8 „ble # w^it11 Nr. 29 machter wertvoller Entdeckungen, die Ursachen und demzufolge auch die Behandlung der meisten schädlichen Einflüsse noch nicht ans Tageslicht gefördert werden konnten. In seinem Kampfe gegen die zahlreichen Widerwärtigkeiten, die ihm in Afrika entgegentreten, behandelt der Mann der Wissenschaft, ohne sich dessen bewusst zu sein, die produktive Fähigkeit des Weltteils in oberflächlicher Weise. Ich bekenne, dass meine Ansichten über die allgemeinen Fragen der Entwicklung 'Aifrikas viel optimistischere sind, als dies mit Herrn Kaiser der Fall zu sein scheint. Ich habe zwei Hauptgründe für meine Ansichten. Der erste derselben beruht auf meiner eigenen Erfahrung in den meisten Teilen von Afrika. Ich erinnere mich vieler Beispiele erfolgreicher Experimente im Ackerbau, wo Sorgfalt und Intelligenz Beweise dafür geliefert haben, wie ausserordentlich geeignet für Feldfrüchte der afrikanische Boden sein kann, besonders wo ihm das Klima zuhilfe kommt. Wo Mineralien vorgefunden werden, wie z. B. in Südafrika lassen leider meistens die Einwanderer in ihrer Hast, sich zu bereichern, die Oberfläche des Bodens brach liegen, aber ich habe Strecken von scheinbar unfruchtbarem Lande durch Kultur in fruchttragende Obstgärten verwandelt gesehen. Dies war das Besultat eines einzigen Brunnens, der gebohrt war, um den Wasservorrat herbeizuschaffen, bis die Wurzeln der Bäume tief genug wuchsen, um! sie instand zu. setzen, die Feuchtigkeit auf natürlichem Wege einzusaugen. Südlieh vom Kivo-See, auf einer Höhe von über 6000 Fuss und in einem Klima, das dem des Guasso-^gisehu-Plateau sehr ähnlich ist, zeigte mir Dr. Kandt, ein bedeutender deutscher Forscher, in einem kleinen Garten, den er zum Zwecke von Experimenten an- <rele£t hatte, die ausserordentlichen Kesultate, die er erlangt hatte, in diesem Falle, ohne zu künstlicher Bewässerung greifen zu müssen. Am Kivo-See bauen auch die Eingeborenen Erbsen, Bohnen und Feldfrüchte. Sie haben Pflanzungen in grossem "Massstab angelegt, in einer sauberen und intelligenteren Weise, als wir dies bei den Bewohnern irgend eines anderen. Teiles von Afrika" gesehen haben. Ich könnte noch viele Beispiele anführen, als Beweise meiner Behauptung, dass sogar unter bestehenden "Verhältnissen viel in dieser Richtung getan werden kann, und es wird gewiss noch viel mehr getan werden, wenn der Gelehrte uns die Geheimnisse der lokalen Verhältnisse, eines nach dem nudern. enthüllt und uns "Mittel bietet, gegen, die einheimischen epidemischen Krankheiten und Seuchen anzukämpfen. "Mein zweiter Grund für meine optimistischen Ansichten beruht auf den Erfahrungen der Geschichte: Afrika steht nicht allein da als ein Beispiel eines beharrlichen Kampfes gegen natürliche und ökonomische Schwierigkeiten in den ersten Stadien der Entwicklung. Wir haben in Europa unsere Epidemien gehabt und werden sie zweifellos auch in Zukunft haben, aber die Wissenschaft ist den industriellen Erfahrungen zuhilfe gekommen und hat uns gelehrt, dieselben zu bekämpfen. Auf dieser Basis behaupte ich*, dass. weil heutzutage die ökonomischen Verhältnisse es dem Kolonisten in Ostafrika unmöglich machen, in europäischen Märkten mit Feldfrüchten und ähnlichen Produkten zu konkurrieren, dies noch kein Grund ist, anzunehmen, dass mit dem Wachsen der Produktion die Frachten nicht sinken und die Verbindungswege nicht erweitert und verbessert, werden sollten. So haben wir z. B. binnen 200 oder 300 TVfeilen vom Guasso-Ygischu-Plateau den schiffbaren "NTil mit nur einem einfachen und leicht zu. überschreitenden Hindernis zwischen Uganda und Fnterägypten. Aegypten wird wahrscheinlich hinnen kurzer Zeit seine verlorene Stellung als einer der grossen Kornmiärkte der Welt wiedergewinnen, und wenn dieser Fall eintritt, so wird die Konkurrenz mit Amerika die Frachten vom Mittelmeer nach England niederdrücken. So wird also dieser Teil von Afrika nur mit dem noch grösseren Hindernis billiger Frachten zu wetteifern haben, welches noch vor einigen Jahren durch die 2000 Meilen amerikanischer Erde gebildet wurde, die zwischen den westlichen Staaten und der östlichen Küste liegen. Es ist mir also unmöglich, Herrn Kaiser darin beizupflichten, dass die Fahrpreise der Uganda-Eisenbahn jetzt mässig sind, weil die Produktion gegenwärtig nur eine geringe ist und dass, „wenn diese Umstände wegfallen und wenn ein Profit aus diesen ausländischen Transportwaxen zu machen ist, die Verwaltung die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen wird". Wir müssen nicht vergessen, dass diese Eisenbahn für strategische und ökonomische Zwecke gebaut wurde, und dass man schon in diesem Jahre, nachdem sie nur einige wenige Jahre existiert hat, erwartet, dass die Betriebsausgaben lokal gedeckt werden. Die selbstmörderische Politik,' die Herr Kaiser vorschlägt, könnte von der Verwaltung einer privaten Eisenbalm, die genügend unintelligent und nicht durch Konkurrenz gehindert ist, erwartet werden. Man könnte auf eine solche auch gefasst sein, wo Engländer im allgemeinen und Begierungen im besonderen in Kolonien nur unliebsame Hindernisse sehen. Ich bin jedoch überzeugt, dass das heutige Kolonialministerium sich nicht a\if eine so reaktionäre und ökonomisch unhaltbare Politik einlassen wird, weder im Interesse von Eisenbahnen noch von Kolonien. Ich stimme mit Herrn Kaiser in seiner Behauptung überein, dass die Umgebung des Mosigioi sich nicht als von grossem ackerbaulichen Wert erweisen wird. Eine Höhe von 8000 Fuss in der Nähe von Flussquellen ist zugleich zu hoch und zu wasserarm für ackerbauliche Zwecke. Ich stimme jedoch nicht mit ihm überein, wenn er die Buren ein ackerbautreibendes Volk nennt und infolgedessen die Erfahrungen der van Bredas als ungünstiges Beweismaterial anführt. Die Buren sind zweifellos ein Hirtenvolk, und ihre Vernachlässigung des Ackerbaues ist ein beständiges Hindernis grosser ökonomischer Entwicklung in Südafrika gewesen. Gold und Diamanten haben eine grosse Anziehungskraft für Einwanderer, die Befestigung und wahre Entwicklung einer Kolonie beruht jedoch auf Ackerbau mit den zahllosen Industrien, die daraus hervorgehen. Die 'van Bredas handeln nur vernünftig, wenn sie, wie sie selbst zugeben, jeglichen Versuch einer Entwicklung ihrer Farmen aufschieben, bis ihr Hecht auf dieselben bestätigt worden ist. •Herr Kaiser gibt zu, dass „einigen" Europäern — ich möchte lieber sagen, allen gesunden und den meisten nicht gesunden Weissen — die kalten Nächte des afrikanischen Plateaus zuträglich sein würden, leugnet aber das gleiche für das Vieh. Ich glaube nicht, dass wir irgend einen praktischen Beweis für diese Behauptung liefern können. Extreme der Temperatur machen sich in einem trockenen Klima nicht in. demselben Grade fühlbar, als in. tief er! legenden und feuchteren Gebieten. Auf den Plateaus in Barotseland gedeiht das Vieh und dennoch haben meine. Eingeborenen (Boys) das Eis brechen müssen, um am frühen Morgen Wasser zu schöpfen. Um 2 Uhr nachmittags stand das Thermometer auf 75—80° P. Lungenkrankheiten kommen in jenem Gebiete nicht vor. Wir dürfen überhaupt nicht annehmen, dass diese Krankheit durch Külte verursacht wird; sie hat einen rein mikrobischen Charakter und durch die strengen Gesetze gegen das Kreuzen von Vieh aus Südafrika jenseits des Zambesd ist Barotseland noch frei von dieser Krankheit. Ich bin selbst nicht der Ansicht, dass Einderpest uns irgendwelche ernstlichen Befürchtungen für die Zukunft zu verursachen braucht. Diese verheerende Krankheit, die in