Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 wMc # we»Äi Nr. 29 musste der Einfall, einen solchen Machtfaktor zu schaffen, bei diesem schwächsten aller Völker in greifbarer, verwirklichungsfähiger Form um so mehr zutage' treten, als es diesem Volke an jedem anderen Machtmittel gebricht. Und so sehen wir, dass dieser Gedanke schon in den Verhandlungen des ersten Kongresses seinen ersten, in der Tat grossartigen Ausdruck fand. Die Kongressteilnehmer hatten alle das Gefühl, dass, wenn ein jüdischer Nationalfonds geschaffen werden soll, er sehr bedeutend und achtunggebietend sein rnüsste. Professor S c h a p i r a, der Mathematiker, der gewohnt war, mit Unendlichkeiten zu rechnen, dachte gewiss von der Weltenhöhe hinunterzusteigen, wenn er diesen Fonds in seinem Statutenentwurfe mit mindestens 10 Millionen Pfund statuiert haben und die Antastung des Grundstockes an die Bedingung einer plebiszitären Ab- und Zustimmung geknüpft wissen wollte. Man fühlt geradezu eine schmerzliche Wendung heraus, wenn man ihn in seiner Einleitung in eine kleinkrämerische Anschauungsweise hinabgleiten sieht und nur noch etwa.eine Million Pfund, aber diese als einen eisernen Fonds, begehren hört. Wenn man ehrlich sein will, muss man zugeben, dass diese Summe als Besitz eines einzelnen immerhin einen Reichtum bedeuten mag, dass aber, wenn man einen Staats- und Volksmassstab anlegt und bedenkt, dass zum Beispiel ein kriegführendes Land mit einer solchen Summe, wenn ihm sonst die erforderlichen anderen Mittel zur Verfügung stehen, kaum eine Woche sein Auslangen findet, man selbe wirklich als unansehnlich klein bezeichnen muss. Nun scheinen aber die Erfahrungen bei den Subskriptionssammlungen für die Jüdische Kolonialbank uns viel bescheidener gemacht zu haben, so dass Gg* Kremenezky am fünften Kongresse nur noch von einer Summe von 200.000 £ sprach. Wer sich über die privatwirtschaftliche Anschauungsweise zu erheben vermag und nur einen Augenblick für die Sprache der Erscheinungen auf dem Gebiete von Staats- und Völkerwirtschaft Ohr und Verständnis hat, muss diese Wandlung in den Anschauungen über die Höhe des Jüdischen Nationalfonds mit bitteren Empfindungen begleiten. Bei diesem Massstab angelangt,' muss das Ganze wahrlich als ein Kinderspiel angesehen werden. Aber es kommt nochärger.., Angesichts dieser zwerghaften Schöpfung hätte man sich noch mit dem Gedanken vertraut machen können, dass den Initiatoren das Motiv vorschwebte, man müsse klein anfangen, und sobald eine erkleckliche Summe zusammengekommen sein würde, würde sich auch der kleinbürgerliche Sinn der Beteiligten ebenfalls zu einem staatsmännischen ausweiten und mit dem Wachsen des nationalen Besitzes würde auch der Sammel- und Vergrösserungsreiz zunehmen. Es sei ja eine bekannte Tatsache, dass der Arme kleinere Beträge viel leichtsinniger ausgibt, als der Reiche, weil ersterer, an den Armutssinn gewöhnt, immer und immer wieder nichts hat, wohin das kleine Sümmchen anzufügen und ihm daher die Erfüllung eines nichtigen Wunsches schon mehr wert ist, als der in seinen Händen befindliche kleine Wert, während letzterer sich viel leichter etwas versagt, weil er die kleine Summe einem bereits bestehenden Stocke zuzuschiessen, diesen zu vergrössern in der Lage ist, und bei ihm daher das Entbehren manch kleinen Vergnügens durch die Freude an der Besitzvergrösserung aufgewogen wird. Hätte man nun vermeinen können, dass diese hausbackene Einsicht aus dem wirtschaftlichen Leben des Privaten auf das Machtwerben eines Volkes in Anwendung gebracht werden sollte, so musste man gleich beim nächsten, dem VI. Kongresse bei Annahme des Antrages Tschlenow, wodurch man selbst von den beispielsweisen 200.000 Pfd. Sterl. abgekommen und sofort zum Landankauf zu schreiten beschlossen hat, in schmerzlicher Weise darüber belehrt werden, dass im Kongresse jene Elemente prävalierten, bei welchen von einem staatsmännischen Sinne, ja auch nur von der Möglichkeit einer staatsmännischen Auffassung ganz entschieden nicht die Rede sein kann. Während jeder einzelne schon im Privatleben nur zu gut weiss, dass die Erwerbung im kleinen, der sogenannte Kauf en detail, viel teurer zu stehen kommt, als wenn man Anschaffungen im grossen macht und Zwischenunternehmer und Vermittler sowie deren Bemühungsvergütung und notwendigen Gewinne hierbei erspart, hat selbst dieses Minimum von Einsicht bei Verwaltung eines werdenden Nationalgutes in den nicht rechnenden 'Momentstimmungen sich zum Durchbruch nicht verhelfen können. Freilich übten da das alte Misstrauen der Oestier gegen die Westler, die Nachwirkung des Minsker Kongresses, bei welchem ganz entschieden das nichtpolitische Element überwogen hatte, der Inzidenzfall des ostafrikanischen Projektes*) eine so traurige Wirkung, dass man die nichtssagende Summe des Gesammelten am besten dadurch zu sichern glaubte, wenn man dieselbe wohl nicht auf das Ziel verwendete, sondern neben dasselbe verschwendete. Auch der Umstand, dass Glieder und Gesellschaften anderer Völker einzelne Besitze in Palästina erwerben, wirkte in der schwülen Angst, um das Ganze zu kommen, auf Sinn und Gemüter der Teilnehmer am Kongresse wie ein grosser Brand — verwirrend. Man pflegt bei solchen Unglücksfällen sehr oft wahrzunehmen, dass irgend eine Frau, die ihren Kopf verloren hat, anstatt wertvolle Güter, Schmuck, bessere Kleider und Geld den Flammen zu entreissen, der Brandstelle mit einem Ofenbrettel entflieht, welches sie vor verheerendem Feuer gerettet hat Ich möchte aber zur Veranschaulichung noch folgende Anekdote mitteilen: Von einem armen Juden in Brody, dem sein Weib fortwährend mit dem Wunsch in den Ohren lag, dass er für die Wirtschaft eine Kuh anschaffe, wird erzählt, dass er in auffälliger Aufeinanderfolge an einem Tage vier Kuhfüsse, am anderen Tag einen Kuhkopf und dann wieder eine ganze Lende, sodann zusammen Lunge und Leber nach Hause brachte, welche das Weib immer wieder in der Küche zu den besten Mahlen und Leckerbissen verwendete. Als sie ihn hierauf fragte, warum er so viel Geld auf massenhaft Fleisch ausgebe, erwiderte er: „Mein Kind, es ist dein Wunsch, dass wir eine Kuh haben. Mit einem Male können wir uns eine solche nicht anschaffen, aber nach und nach werden wir es dahin bringen/ Der Arme merkte nicht, dass, bis die Kuh auf diese Weise zusammengefügt werden sollte, es erst eine krepierte Kuh sein könnte, die aber schon auf dem Weg ihrer Zusammensetzung verzehrt sein würde. So werden sich in der Tat die Folgen des von Dr. Tschlenow am VI. Kongresse provozierten Beschlusses darstellen, und das will ich in folgendem beweisen. Man gestatte mir aber, zuerst einen Seitenblick auf eine andere zionistische Institution zu machen, welche ebenfalls in der Idee gut, in der Ausführung aber und insbesondere durch die in der Praxis vor sich gegangene Verquickung mit der Verwendung des Nationalfonds auf ein verfehltes Gebiet gedrängt wurde. *) VI. Protokoll. 287. Dizeugoffs Äusserung.