Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 28 „bis # weit" Seite 5 wenn nicht gerade geförderten Schlächtereien und Ausrottungen in Russland und anderen Ländern als gefährliche Träumer einfach hinweggefegt werden. Wozu also der Kampf ums Prinzip? Männer, die politisch denken und politisch tätig sein wollen, dürfen doch nicht an das junge Ehepaar im Schauspiel erinnern, das sich um die prinzipielle Frage herumstreitet, ob die zu erwartenden Kinder kalt oder warm behandelt werden sollen, zu einer Zeit, wo noch nicht die geringste Aussicht für die Ankunft der zu erziehenden Nachkommenschaft vorhanden ist. Fehlt den Herren Territorialisten von der Genfer oder Warschauer Observanz zur Realisierung ihrer Idee wirklich nicht mehr, als die Entbindung vom Baseler Programm oder gar die Demolierung dieses letzteren? Haben sie sonst schon alles: das geeignete Territorium, die Bewilligung und die Garantie der es beherrschenden Regierung, die hierzu erforderlichen Mittel und das Menschenmaterial, welch beide letzteren sich noch am leichtesten werden finden lassen, und steht ihnen auf dem Wege zur Rettung und Glückseligkeit nur noch die Prinzipienfrage hindernd entgegen? Es ist ja, wie oben gezeigt, gar nicht wahr, dass «das Baseler Programm irgend einer Hilfsaktion und schon gar einer so umfassenden, entgegensteht! Ein Prinzip durchsetzen, ohne dass demselben eine Wirklichkeitgegenübersteht, wo es Anwendung finden soll, gehört wohl in ein Seminar oder Beth- Hamidrasch, nicht aber in eine zur Verhandlung grosser öffentlicher Angelegenheiten berufene Körperschaft, wie der Kongress es ist. Die Annahme des Territorialismus als Programm würde manchem als politische Windbeutelei erscheinen. In Tat und Wahrheit würde aber hierdurch der Boden für politische Abenteuer geebnet werden. Darüber können und dürfen doch ernste Männer nicht streiten. Allein es heisst in einer Nebenwendung: „alle Hoffnung sei für absehbare Zeit verloren" und da leiteten die einen die Notwendigkeit ab, mutig rückwärts zum alten Chowewe-Zionismus zu schreiten, und die anderen, überhaupt ein anderes Territorium zu suchen. Beide Richtungen erblickten darin die Unmöglichkeit, den Charter für die Dauer eines ganzen Menschenalters zu erlangen. Ich gehe aber weiter, ich sage der Charter wird nie zu erlangen sein. Ich meine nämlich den vollkommen ausgewachsenen Charter, wie er sich in der Phantasie vieler darzustellen scheint, die geneigt sind, zu glauben, dass wir noch im Zeitalter der Wunder leben. Leider hat eine diesbezügliche Aeusserung meinerseits, dass man einen Staat nicht wie ein Kleidungsstück aus einem Stoffe herausschneiden könne, sondern dass ein solcher sich organisch entwickeln und aus wachsen müsse, zu einem Missverständnis und zu einer Verstimmung geführt, deren Beseitigung ziemlich viel Zeit und loyale Aufklärungen erforderte. Ich bin aber andererseits überzeugt, dass ein langsam und natürlich werden der Charter z w e if e 11 o s zu erreichen ist. Es gibt grosse Länderstriche, wohl mehr in Syrien als in Palästina, die einer mit "grossen Mitteln auftretenden Landgesellschaft seitens der Türkei gerne zur Kultivierung und Kolonisation put den erforderlichen Wegbau- und Wassernutzungsberechtigungen überlassen werden würden, wenn die Kolonisten die ottomanische Staatsbürgerschaft annehmen und nicht bei jedem gehörigen und ungehörigen Anlasse zu den Konsuln fremder Mächte laufen und der Türkei nur Ungelegenheiten bereiten würden und wenn ferner in erweislicher Art die tatsächliche Schaffung von auch der Türkei nützenden, weil die Steuern vermehrenden Reichtumsquellen durch Fleiss und Betriebsamkeit in Aussicht gestellt werden würden. In einem solchen Falle und bei loyaler Haltung der Immigranten, denen man im übrigen nach ihrer Fasson zu leben gewiss nicht verwehren würde, wäre es auch ganz gewiss erreichbar, rücksichtlich der Einhebung der Steuern gewisse Konzessionen, sei es durch Pachtung oder Pauschalierung zu erlangen und so dem gefürchteten Steuerdrucke seitens unbesoldeter Beamten entzogen zu werden. Eine solche Kolonisation hätte schon die notwendigsten Ansätze zu einem Charter in sich und müsste bei fortwährender Wachsamkeit darüber, dass das Vertrauen in die Loyalität der Kolonisten gestärkt werde, sich nach und nach vervollkommnen und zum Segen beider ehrlichen Kontrahenten gereichen. Wer den Türken und die Türkei kennt, weiss nur zu gut, dass es schwer und sehr langsam geht, von ihnen eiue bindende Zusage zu erlangen, dass aber die Heiligkeit des gegebenen Wortes und geschlossenen Vertrages dort beinahe höher steht als bei allen anderen, mit ihrer Kultur paradierenden Völkern. Hier also ist der Hebel anzusetzen und es muss unsere Haupttätigkeit darauf gerichtet sein, mit einem solchen Projekt im Jildiz durchzudringen. Die politische Tätigkeit bei den anderen Mächten müsste sich darauf beschränken, ihr Wohlwollen in dem Sinne zu erlangen, dass sie nicht hinderlich, im Gegenteile, nach Mögli chkeit förderlich werden, weil daraus auch für sie durch Entlastung mancher mit Juden überfüllten Landteile politisch ein Nutzen herausschaut, den sie zu würdigen wissen werden. Also, nicht „khine Konzessionen nach Massgabe der vorhandenen Kräfte", wie es im Programme mancher Vereinigungen anempfohlen wird, weil dies nur eine Zersplitterung und Aufsaugung der Kräfte und Mittel durch kleinliche Ei folge bedeuten müsste und die kleinen Konzessionen unverhältnismässig höhere Opfer erfordern würden, als eine einzige grosse, die alle anderen involvieren würde. Aber auch nicht die phantasievolle, rasche Inbesitznahme des Landes, wie sie ein Kollege aus der alten Schule der Infiltration in »Unser Programm* so malerisch zeichnete, und der einzelnen jüdischen Organisationen, wie Ica, Rotschildadministration, und dem JüdischenNationalfonds ihre Funktionen zuwies, dem letzten gar die Bestimmung, auf öden und toten Gebieten verschwendet zu werden, weil erstens die erwähnten Faktoren sich zu einer solch programmatischen Arbeit nicht finden lassen würden und weil diese Arbeit zweitens ohne alle flechte gedacht und daher wertlos wäre, ein Kartengebäude, das beim geringsten rauhen Hauche zusammenbrechen und unter seinen Trümmern eine Unmasse von Existenzen und zugleich die Hoffnung Israels begraben würde. Der politische Zionismus kann nur ein grosszügiges Unternehmen beginnen und dies nicht schleichend und im Dunkel der Nacht, sondern im Lichte der Sonne und der Oeffentlichkeit. Achtung gebietende Ansätze und Geleise sind ja da, aber noch immer unzureichend. So wie zum Kriege, so gehört auch zu dieser Arbeit des Friedens Geld, Geld und wiederum Geld. Je mehr wir die Kolonialbank stärken, je mehr wir für den Nationalfonds sammeln und ihn zu einer imposanten Z;ffer bringen, desto mehr werden diese Institutionen in der Lage sein, eine solche Landkompagnie ins Leben zu rufen und derselben als machtvolle Teilnehmer bei-