Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „bi* # W$li Nr. 28 schaffen und zu stärken, bemitteile Juden aus Russland und Rumänien, aus Galizien und anderen Ländern sich in Palästina ankaufen, ihren Landbesitz als ottom a n i s c Ii e Staatsbürger auch selbst bearbeiten und so die jüdischen Arbeitskräfte dort vermehren. Beider Stellung, welche die Juden in jenen Emigrationsländern innehaben, würden sie als türkische Untertanen noch immer g e Winnen, keineswegs verlieren, der Volkssache aber würden sie unschätzbare Dienste erweisen. Sie wären die wahren Pioniere, da sie zur Zerstreuung des Misstrauens in der Türkei, zur Erweckung des Vertrauens und der Ueberzeugung beitragen würden, dass der Jude einen ruhigen, staatserhaltenden und fördernden Faktor abgibt. Wenn sie sich dann unter dem religiösen Titel des Chacham Baschi ein taugliches, auch von den Juden des Galuth unterstütztes Oberhaupt schaffen, das mit dem erforderlichen Glanz eines Patriarchen oder Exarchen auftreten könnte, so würden sie auch einen politischen Faktor bilden **u n d wichtige politische Rechte und Privilegien erwerben. Wer die Verhältnisse im Orient kennt, wird mir recht geben« Ich würde es ferner gerne sehen und es wäre eine der schönsten Aufgaben der Chowewe Zion-Vereine der ganzen Welt, dahin zu arbeiten, dass die Judenschaft in Jerusalem, Safed und Tiberias aus dem Luftmenschentum, dem Schnorrerismus und der Ghaitikabetteiei zur Erdarbeit, zum Kunst- und sonstigen gesunden Gewerbe und zur Hausindustrie herangezogen würde. Letzteres ist eine Ehrensache des jüdischen Volkes, damit nicht die Wallfahrer aus allen Ecken der bewohnten Erde immer wieder den Eindruck gewinnen, dass der Jude im eigenen Lande — und dass es sein ist, bezweifelt ja doch niemand — auf der Stufe der Lazzaroni und Bettelmönche sich behaglich fühlt, während Glieder anderer Völker sich um die Wiederbelebung des verödeten Bodens mühen und Verdienste erwerben.2} In diesen zwei Punkten erschöpft sich mein Chowewe-Zionismus, den ich für ehrlich und praktisch durchführbar halte, und diesen könnte der politische Zionismus durch Schaffung aligemeinster Institutionen, wie Miisterfarm, meteorologischer Anstalten, Auskunftsbureaus, Beteiligung an Industrieunternehmungen durch die Banken etc., fördern. — Auch die Territorialsten haben zum grossen Teile und unter gewissen Beschränkungen3) recht, Man möge mich wieder im „Haschiloach" scharf kritisieren und als Apostaten hinstellen. Ich beharre bei meinem Standpunkte, dass, wenn wir schon Palästina hätten, es aus mehr als einem Grunde nicht nur gut, sondern notwendig wäre, auch andere Nebenzentren zu haben, welche in der in Palästina zu schaffenden jüdischen Gemeinschaft ihr II auplkulturzent r u m, ihr Herz zu erblicken, mit dem sie in fortwährendem Kontakte zu stehen, wohin sie zur Kräftigung desselben materielle Güter und die Jugend zur Ausbildung und Erhebimg zu schicken und woher sie nebst manchen materiellen Dingen auch vorzüglich ihre geistigen Güter zu beziehen hätten. Und wenn man mich mit überlegener Miene des Staatsmannes belächelt und darauf hinweist, dass bei anderen Völkern zuerst eine Metropole existierte und dann erst in der Fremde Kolonien gesucht und gegründet wurden, und dass es die Arbeit 2) Ussisch kin „Die vier Wächter" im Jahrbuche des „Achiasaf" 11)04/5, Seite 245—250. aj Die Beschränkungen bestehen in der Nichtinanspruchnahme der für Palästina gesammelten Mittel. Hierüber eine besondere Studie. am umgekehrten Ende beginnen hiesse, wenn man erst die letzteren schaffen und dann zur Bildung des Zentrums schreiten würde, so antworte ich, dass das Leben des jüdischen Volkes im Galuth sich niem als n orm al entwickeln konnte, dass wir schon manches beim umgekehrten Ende anzufangen gezwungen waren und dass wir ja durchaus nicht, aufhören müssten, ja auch nur dürften, unsere Bemühung um und in Palästina ununterbrochen fortzusetzen, wenn sich auch ein Teil des jüdischen Volkes mit der Lösung des anderen, ihm genehmer scheinenden Problems erfolgreich beschäftigen würde. Es verrichten so viele Gruppen von Juden die Arbeit der Assimilation, andere wieder machen neue Kulturfelder bei fremden Nationen urbar, wofür man ihnen nie einen Dank wissen wird; lauter Tätigkeitsgebiete, -die für uns Zionisten ein nagendes Defizit vorstellen. Warum sollten wir nicht solche Juden mit idealem Streben dulden und sympathisch behandeln, die sich doch in den Dienst des jüdischen Nationalismus stellen und ihren Blick auf die Gesamtheit der Stammesgenossen, insbesondere auf die verelendeten Massen richten? Wäre es nicht richtiger, anstatt Konkurrenz und Ablenkung der Kräfte zu befürchten, in ihnen viel lieber Bundesgenossen zu erblicken, die gleiche Ziele, wenn auch auf anderen Wegen verfolgen, die aber ebenso wie die von ihnen zu erreichenden Resultate schliesslich doch der einzigen grossen Volkssache dienen werden? Freilich, ein grosser Fehler der Territorialisten ist, wenn sich einzelne Hitzköpfe dahin versteigen, unser Endziel Palästina zu bekämpfen. Doch zu dieser Verirrung brachte sie nur der Trotz infolge der Aechtung seitens der Eiferer unter den Gegnern, die wie im Mittelalter gleich mit Exkommunikation und Gherem dahergezogen kamen. Selbst die Extremen unter den Territorialisten ahnen, dass sie mit dem Bekämpfen der Palästinaideeden Ast absägen, auf dem sie sitzen. Sie können es ja auch nicht vergessen, dass Zion das Zauberwort war, welches die Nationaljuden aller Länder und Erdstriche zusammenbrachte, und dass das darin liegende historische Moment mit allen seinen Gefühlsimponderabilien eben dasjenige war, welches viele tote Glieder des Judentums galvanisierte und zu neuem jüdischen Leben erweckte. Darum ist denn auch ihre Forderung darauf gerichtet, die jüdische Organisation föderativ zu gestalten, wobei sie vergassen, dass jede Bundesorganisation im Völkerleben zu ihrer Basis die Bodenständigkeit, den Autochthonismus hat, dessen Fehlen vorläufig den hervorragendsten Mangel des jüdischen Volkes bildet. Das wäre die Anwendung einer Form aus einem wildfremden Gebiete. Wenn die Territorialisten ein bestimmtes Gebiet und mit denselben Rechtsbefugnissen, wie etwa Ostafrika, bevor man es näher kennen lernte, im Auge hätten und damit auf den Kongress kämen, dürfen sie versichert sein, dass es einer ehrlichen Prüfung unterzogen werden und bei Gutbefinden Förderung erfahren müsste. Der Zionismus als Regenerationsbewegung des Judentums könnte und kann ein solches Ansinnen nicht von der Hand weisen, ohne gleichzeitig von seiner Stellung in den Augen des jüdischen Volkes und der ganzen Welt zu abdizieren. Wenn da die ideologischen Grundsatzreiter im Namen des Prinzips dagegen kämpfen wollten, so würden sie angesichts der den Juden zuteil werdenden Behandlung, des gegen sie mit grausamer Konsequenz durchgeführten Aushungerungssystems in Galizien, der Herabdrückung zu Parias in Rumänien, der von der Regierung wenigstens nicht verhinderten,