Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1905-07-14 · 28 (14.7.1905) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
28 (14.7.1905)
Date
1905-07-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316128-3316161--47047-3341922
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 28 „h\% * Weit Seite 3 auflösten, während Taten und Schritte nach vorwärts immer seltener wurden. Nur auf zwei Gebieten wurde positive Arbeit geleistet. Der vielfach angegriffene und angefeindete, aber um so verdienstvollere Gesinnungsgenosse Greenb e r g hat die, wenn auch nicht imposante Expedition nach Ostafrika veranlasst und hierdurch die zionistische Bewegung vor der Schmach eines politischen Desaveu bewahrt, was auch von der weiteren heilsamer! Wirkung begleitet war, dass ein klares Bild von der Grundlage des sogenannten Ugandismus gewonnen und man allen Phantasien und der Qual der Wahl entzogen ward. Andrerseits wurde in Palästina selbst manches geplant und unternommen, was mit der grossen politischen Idee im Einklänge steht und für die Folge segensreich werden kann; leider aber auch vieles, was mir, als rückläufig und zweckwidrig, unbändiges Misstrauen einflösst und worauf ich noch in einem besonderen Artikel zurückkommen werde. Der sogenannte Ugandismus ist tot und harrt noch auf ein anständiges Begräbnis am Kongresse. Dagegen ist der müssige Programmstreit um so stärker entbrannt. Von beiden Seiten wird eifrig, intensiv und extensiv wie zu einer grossen Entscheidungsschlacht gerüstet. Als wenn wirklich das Leben und Schicksal des jüdischen Volkes durch den Triumph des einen oder des anderen Prinzipienstreiters am nächsten Kongresse, geregelt, gehoben oder gar sichergestellt werden könnte. Und so steht man bange vor der Frage : „Was soll es nun werden?" Mir ist davor nicht bange. Es mag sein, dass ich ein schlechler Prophet bin, aber der mir innewohnende jüdische Optimismus, der unser Volk aus so mancher grausamen Lage seiner blut- und tränenreichen Geschichte immer wieder ins Hoffnungsvollere hinübergerettet hat, gewinnt selbst angesichts dieser ernsten Schwierigkeiten die Oberhand, Ich kann durchaus nicht glauben, dass eine Auslese von Männern im 20, Jahrhundert sich über den Streit nach Art von „Homusios" oder „Homojusios" auch nur moralisch die Köpfe blutig schlagen körnte. Wir werden, weil wir müssen, uns wieder zusammenfinden und nur das suchen, was einigt, und nicht das, was trennt Je grösser das Gefühl der Verantwortlichkeit vor der Geschichte des eigenen Volkes, dessen Wohl doch jedem der Delegierten oberstes Gesetz sein muss, desto leichter wird der Zusammenschluss erfolgen. Die an der Spitze aufgestellte Frage ist ja tatsächlich eine Lebensfrage nicht nur des Zionismus im engeren oder weiteren Sinne, sondern, was nicht ganz dasselbe bedeutet, die Frage nach der Möglichkeit einer Organisierung des jüdischen Volkes zur Selbsthilfe und zur Selbsterhaltung als Volk überhaupt Wenn die Palästinisten einerseits und die Territorialisten andrerseits die gewaltige Persönlichkeit des verewigten Führers für ihren Standpunkt reklamieren, so haben sie beide recht und beide unrecht. Sein weiter Gesichtskreis wie sein realer Sinn mussten ihn ebenso verhindern, sich in das enge Gehäuse des Chowewe Zionismus einzuspinnen und das Auge vor den momentanen und dauernden Notwendigkeiten zu verschliessen, wie in das Nebelhafte des Territorialismus sich zu verlieren. Er gehörte beiden zugleich und keiner Richtung ganz und ausschliesslich an. Man könnte mit Recht sagen, dass sein wahres geistiges Erbe zum grossen Teil in dem Aufrufe der Warschauer politischen Zionisten zum Ausdrucke gelangte. Er hing mit allen Fibern seines Herzens am wirklichen Zion als Endziel der von ihm organisierten Volksbewegung. Er war aber durchaus nicht abgeneigt, solange jenes nicht als öffentlichrechtliche Heimstätte zu erreichen wäre, als Zwischenziel, als Mittel zur Verbesserung der Lage grosser Gruppen von Juden und zur Vermehrung und Stärkung der auf jenes Endziel hinwirkenden Kräfte auch anderweitig Kolonisationen auf Basis öffentlichrechtlicher Freiheit zuzulassen und zu fördern. Nur sollten hierzu nicht in vertrauensmissbräuchlicher Weise die für das Endziel gesammelten materiellen ^Mittel verwendet, sondern neue Mittel, wenn auch, und sogar hauptsächlich, von nichtzionistischer Seite herbeigeschafft werden. Dabei sollte sich nur ein zionistisches Instrument, die Kolonialbank, in tunlichst geringem Masse insoweit beteiligen, als es notwendig wäre, dem Zionismus ein massgebendes Votum hierbei zu sichern, um nicht eine Entjudung und eine Entfremdung für das Endziel in jenen Kolonisationen zu gestatten. Dass er rücksichtlich der für Palästina gesammelten und diesem Endzweck geheiligten Mittel sehr strenge dachte, geht daraus hervor, dass er, nachdem am sechsten Kongresse rücksichtlich des Nationalfonds der unglückselige Beschluss gefasst wurde, dass sofort mit dem Ankaufe von Fetzen Landes in Palästina begonnen werde, in der folgenden Aktionskomiteesitzung den Standpunkt vertrat, dass von den bis zum sechsten Kongresse gesammelten Geldern nichts verwendet werden dürfe, weil diejenigen, die dazu beigetragen haben, dies nur unter der statutarischen Zusage taten, dass erst beim Erreichen einer Summe von 200.000 Sß zum Kaufe geschritten werde. Nun der Führer tot ist, wird der Zionismus nur dann seine Mission im jüdischen Leben erfüllen können, wenn er im Geiste desselben von weit überblickenden Gesichtspunkten aus weitergeleitet und geführt wird. Wenn das Dreimännerkollegium, welches an Stelle des e inen von der letzten Aktionskomiteesession gewählt und berufen wurde, auch am Kongresse durchdringt, so kann man ruhig erwarten, dass neben den Spezialisten für das finanzielle und kolonisationsfördernde Element auch die höheren Gesichtspunkte und der weitere Horizont nicht fehlen werden. Und das ist notwendig, wenn wir nicht in die retrograde Richtung verfallen sollen. Wir haben nicht zu dem Zwecke eine Bewegung auf allen Erdteilen entfacht und sind nicht mit stolzen Segeln unter Bewunderung der Machthaber und der Intelligenz aller Völker vom unsicheren Port des Galuth ins Weltmeer gestossen, um dann mit genügsamer kleiner Seele im Hafen von Odessa zu landen. Das mögen die Chowewe alten Schlages sich immer vor Augen halten. Sie selbst wären nicht zu uns gestossen, wenn sie nicht nach jahrelanger Tätigkeit angesichts des geringen Erfolges ein Jammer darüber erfasst hätte, dass die ganze Freude ihres Mühens nur darin bestehen konnte, dass sich irgend ein Kolonist in Palästina noch eine Ziege angeschafft und so den nationalen Besitzstand vermehrt hat oder nicht von der Tatsache angeekelt worden wären, dass ein anderer Schnorrer aus dem Gefühle seiner Pionierschaft das Recht ableitete, dass ihm in Dankbarkeit für das grosse Opfer, sich in Palästina von Vereinsgcldernaushalten zulassen, auf Kosten von Klal Israel das zerbrochene Dach repariert werde.1) Man missverstehe mich nicht. Ich habe Achtung vor der Kleinarbeit. Ich halte es für erforderlich und äusserst zweckdienlich, wenn, um ein massgebendes Judenelement in Palästina zu ]) Siehe Achad-Haams Bericht über seine letzte Palästinareise.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.