Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 28 (14.7.1905)
- Date
- 1905-07-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 „bl* & W$ltM Nr. 28 gerügt hat, dass man alles immer wieder von neuem anfangen will, keine Achtung vor dem Bestehenden hat und auf solche Weise viele wertvolle Fonds von Wissen und Erfahrung geradezu vergeudet. Um jene Auffassung von der Sachlage und die Notwendigkeit sofortiger Demolierung des Vorhandenen zu begründen, konnte man sich nicht genug daran tun, jene Männer, die mit dem seligen Führer jahrelang zusammengearbeitet, die ihm in guten und bösen Tagen mit Rat, mit Opfer an Zeit und Geld für die Bewegung beigestanden waren, möglichst tief einzuschätzen. Sie seien ja ohnehin zur höchsten Bürde und Würde im Zionismus nur aus dem Grunde berufen worden, weil sie zufällig am Orte des verewigten Führers wohnten. Ohne sich die Frage vorzulegen, ob dieser Zufall auch anderswo eingetreten wäre, dass der Führer einige gereifte, bereits in Lebensstellungen und bestem Mannesalter befindliche Mitarbeiter gefunden hatte, die sich aus ihrer Jugend in den Daseinskampf noch so viel Idealismus herübergerettet haben, und so viel Ergebung für die Person des Führers als Wärme für die Sache selbst aufbrachten und denen er als erprobten Freunden so viel Vertrauen entgegengebracht hat, hat man sogar diesen letzteren Umstand anzuzweifeln gewagt. Natürlich musste das der stärkste Trumpf sein, der in diesem Moment ausgespielt werden konnte. Wenn die betreffenden Männer aus eigenem Verdienste nichts und alles nur durch die Gnade und das Vertrauen des Führers waren, so mussten sie zu reinen Nullen herabsinken, wenn ins Treffen geführt wurde, dass dieses Vertrauen gar nicht existierte und dass der verewigte Führer gar angeblich einzelne politische Demarchen und diplomatische Verhandlungen ohne deren Mitwissen unternommen und ausgeführt hätte. Das wurde natürlich von jenen behauptet, welehe für die taktischen und politischen Züge des Führers nicht gerade das umfassendste Verständnis hatten und seine Aeusserungen, mittels welcher er ihnen bei ihrer Verwendung zu irgend einer Mission besonderes Vertrauen entgegenzubringen erklärte und strenge Diskretion selbst den engern A.-C.-Mitgliedern gegenüber einschärfte, wörtlich auffassten, ohne zu merken, dass dies nichts anderes als eine äusserste Vorsicht auch ihnen gegenüber war» Das engere A.-C. nun, welches ohnehin von dem grossen Schlage tief erschüttert war und worin einzelne auch von persönlichem Ungemach ereilt waren, das aber, seiner Verantwortlichkeit bewusst, den Frieden aufrechterhalten wollte, hat nun, zumal es in den eigenen Reihen eine gewisse Unverlässlichkeit wahrnehmen musste, darein gewilligt, dass man ihm einen grossen Teil seiner Verantwortung, wenn auch nichts von seinen Lasten und Sorgen, abnehme. So wurde der unblutige Verfassungsbruch begangen, dass man in zwischenkongresslicher Zeit die neue Institution des Dreizehner-Ausschusses gegen nachträgliche Indemnität schuf. Was dieser Dreizehner - Ausschuss, der gleich anfangs ein Zwölfer-Komitee geblieben ist, in seinen drei Tagungen geleistet hat, darüber wird er ja dem Kongresse Bericht erstatten. — Das engere A.-G. war depossediert und hat daher nicht mehr den Mut und die Berechtigung gehabt, auf einzelne dringende Anfragen aus den verschiedenen Ländern eine autoritative Antwort zu erteilen, konnte aber auch auf dem Gebiete der Politik, selbst wenn sich wo eine Aussicht eröffnete, nicht das geringste unternehmen, zumal auch die Mittel infolge der Wirren in Russland und der Meinungskämpfe in den Reihen der Bewegung viel spärlicher flössen, so dass man zufrieden sein musste, wenn man nur die Maschine der Bewegung selbst notdürftig in Gang erhalten konnte. Eine unter Kuratel gestellte Zentrale konnte auch selbstverständlich nicht einmal den Versuch einer Ausgleichung der Gegensätze unternehmen, die sich zwischen den einzelnen Richtungen immer mehr zuspitzten, und so dauerte auch der Kampf zwischen den Palästinisten, Ugandisten und Territorialisten, welch letztere insbesonders bei der russischen Jugend und bei den Poale-Zionisten immer mehr Anhänger gewannen, ungeschwächt fort. Hierbei konnten und mussten folgende Wahrnehmungen gemacht werden: Die Position des Chowewe-Zionismus erfuhr im Laufe dieser Zeiten eine besondere Stärkung bei den Westlern, welche vermöge ihrer realeren Gemüts¬ und Geistesanlage einerseits und angesichts des ins Uferlose sich verlierenden Territorialismus andrerseits der Ansicht zugedrängt wurden, dass die Bewegung überhaupt nur dann aufrechterhalten werden könne, wenn sie den Palästinismus umso stärker betonten und den unbestimmten Landgebieten im Mond oder in Wolkenkuckucksheim den festen historischen Boden entgegenhielten. Manche taten es wohl auch noch aus dem Grunde, weil sie hierdurch am besten ihre so oft verdächtigte Gesinnungstreue zu beweisen und ihren Zionismus als unverfälscht zu dokumentieren glaubten, aber auch nicht minder im Hinblick darauf, dass sie bei den Chowewe-Zionisten neben der inneren Macht der historischen Idee, vielleicht irrigerweise, auch die Majorität vermuteten. Die Chowewe-Zionisten selbst hingegenfühlten sich angesichts der emporstrebendenZahlder Gegner und der in ihren Reihen ausgebrochenen Desertion imm-er unsicherer und man konnte von so manchem tapferen Recken derselben hin und wieder kleinlaute Aeusserungen und Befürchtungen wegen der Zukunft der Bewegung vernehmen. Auch das in den Resolutionen der Wilnaer Konferenz auffällig hervorgetretene, im Organe dieser Parteirichtung gerügte starke Betonen des politischen Momentes ist, da man jenen Herren nicht zumuten kann, dass es bloss eine taktische Diversion war, als Sühne für die Sünden in Charkow anzusehen, womit sie auch der Fahnenflucht aus ihrer Mitte Einhalt tun wollten. Man musste es manchem ansehen, dass es ihm selbst nur ein schwacher Trost war, wenn er den Ausspruch tat, dass eine reinliche Scheidung ja gesund wäre und dass auch nur eine kleine Schar von Zuverlässigen besser sei als die grosse Masse der in hellen Haufen zuströmenden Menge. Diese Ansicht, die nur eine Markierung von Mutfülle bei nicht gelinder Verzweiflung ist, ist nur zu sehr geringem Teile richtig. In jeder grossen Bewegung muss es eine Schar von zuverlässigen, der Sache sogar fanatisch ergebenen Elementen geben, welche die Arbeit der Agitation zu verrichten und die Menge fort heranzuziehen und warm zu halten berufen ist. Es muss auch noch eine zweite geringere Schar von zuverlässigen und gesinnuhgstüchtigen Elementen geben, welche die Eignung haben, still, unverdrossen und unentwegt die ZLeiarbeit zu leisten, nach jeder Richtung hin ein offenes Auge zu haben und die besten Mittel und Wege zu erspähen! Damit ist's aber nicht genug! Eine grosse Volkssache erfordert auch grosse moralische und materielle Mittel und grosse Massen von Anhängern, welche dieselben beizustellen und in ununterbrochenem Zuflüsse zu erhalten haben. Bei der geschilderten Konstellation der letzten Zeitläufte vor dem kommenden Kongresse war esnatürlich, dass immer neue Rettungsarbeiten unternommen wurden und dass sich dieselben in ein^m Regen von Programmen