Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 27 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 27 bie «< w^it Seite 1 treibende Neger ist feist unzertrennlich von seiner genügsamen Hausziege; er erweitert seine Zwergwirtschaft durch den Erwerb einiger Schafe und Kinder und lebt dann, wie einst der alte Germane auf seinen Hochäckern und Terrassenbauten, im Dualismus von Ackerbau und Viehzucht. Noch wichtiger sind die Viehherden aber für den Nomaden, dessen ganzes Loben sich an den Viehbesitz knüpft und der verarmt und zum hungernden Paria degeneriert, wenn seine Herden ihm verloren gehen. Wenn die Massai ihre Kaubzüge planen, wenn blutige Kämpfe entflammen, wenn der Jüngling aus dem Kriegerverbande zu der Kaste der Verheirateten übertritt und seine Frauen zu erhandeln hat, wenn Mord und Diebstahl durch materielle Opfer gesühnt werden sollen, so handelt es sich immer nur um Vichbesitz, um grosse, nach h linderten zählende Herden oder um wenige Einzelstücke. Das Streben des Afrikaners, ob Ackerbauer oder Nomade, ist also immer auf Viehbesitz gerichtet; er züchtet aus der Bergziege die zahme Hausziege, aus dem scheuen Mlälmciisehafe das fromme Lamm und aus dem afrikanischen Urrindc die heutigen Kinderschläge. Er nahm auch fremde, aus Asien eingeführte Kassen auf, das grossbucklige Zebu, das Fettschwanzschaf und die ramsnasige Ziege, die zum grossen Teil aber in Degeneration verfielen und nur ausnahmsweise sich vervollkommneten. Zu einer bedeutenden Verbesserang seiner Viehrassen brachte es der Afrikaner eigentlich nirgends und wo wir hinschauen, sehen wir meist nur mageres Schlachtvieh, schlechte Milchlieferanten und minderwertige Fell-, Haar¬ oder Wolltiere. Es ist merkwürdig, dass bei dieser Vorliebe zur Viehzucht und. bei diesen oft schon seit Jahrtausenden ausschliesslich mit Viehzucht sich beschäftigenden Völkerschaften keine grösseren Fortschritte erzielt wurden. Wir dürfen die Ursachen dieses langsamen Fortschrittes und dieser Degenerationserscheimmgen aber nur zum geringsten Teil in der Minderwertigkeit der Viehzüchter oder der Vichrassen suchen. Sie liegen vielmehr in den Klima Verhältnissen und dem. durch sie bedingten Futtermangel, im häufigen Auftrete]! von Viehseuchen und im allgemeinen Mangel eines künstlichen Selektionssystems. Im speziellen ist dies der Fäll bei den Massai und für die von ihnen bewohnten Gebietsteile. Ein Hirtenvolk wie die Massai, an Intelligenz und Findigkeit allen Nachbarvölkern überlegen, mit Expansionssinn und Kriegerkraft so reichlich ausgestattet, würde wohl niemals von Steppen und Grassavannen Besitz ergriffen haben, wenn es nicht die Erfahrung hinter sich hätte, dass hier allein ihre Herden sich zu reproduzieren vermögen. Ihre jetzigen und früheren Weideplätze sind daher die relativ besten und einzig zur Viehzucht geeigneten. Da wir die Massai als frühere Bewohner des Territoriums kennen, sind wir ferner dazu berechtigt, dem Guasso-^gischu-Lande diese Eigenschaften zuzusprechen und dasselbe als ein für Viehzucht geeignetes Gebiet zu halten. Wir werden hierin bestärkt durch den Anblick der unabsehbaren Weideflächen, die im Westen des Elgcyo- Escarpment sich ausdehnen und im nördlichen Teile des Territoriums durch das Vorhandensein ausgedehnter Akazienliaine und Buschwerke in ihrem Werte noch gesteigert werden. Auf manchen dieser Flächen, wie z. B. in der Sirgoi- und Lolaiok-Ebene, finden wir auch jene muldenförmig erweiterten Bodenvertiefungen, in welchen das Kegcnvvasser sich ansammelt und durch nachherige Verdunstung zu dor Entstellung der wertvollen Salzlecken Veranlassung gibt. Die Massai bringen ihre Herden mit Vorliehe zu diesen Lecken und bleiben, solange es die Wasser- und Futterverhältnisse erlauben, in ihrer Nähe. Im Süden des Territoriums sind die guten Weideplätze seltener, doch eignen sich jene Gebiete sehr gut für die anspruchslosen Ziegen- und Schafherden. Die Guasso-Ngischu-Mlassai sagten mir aber, dass sie, wie überall, so auch auf dem Guasso-Ngischu-Plateau, in steter Wanderung sich befänden und nirgends feste Wohnsitze hätten, wohl aber regelmässig wieder auf alte Lagerplätze zurückkehrten. Jeder der kleinen Unterstämme hatte sein eigenes mehr oder weniger genau begrenztes AVandergehiet und kam nur im Kotfalle, als Gast eines andern, einmal auf die Weidegründe seines Nachbarstammes. Solche Weidcgründ'e waren aber oft mehrere Tagereisen lang und ebenso breit und hatten mehrere Flussläufe in ihrem Bereiche. Sie waren also nicht zu vergleichen mit dem kleinen Areale, das einem europäischen Siedler zur Verfügung gestellt wird, und ermöglichen in Zeiten der Dürre und des Futtermangels eine freie Transferierung der Viehherden. Der Wandersinn der Massai ist keine ererbte Charaktereigenschaft, sondern bedingt durch die wirtschaftlichen Verhältnisse ihrer Wohngebiete. Wären diese Verhältnisse günstigere, so hätten sich die Massai niemals zu Nomaden entwickelt und wäre es ihnen möglich, jedem einzelnen Viehbesitzer seine bestimmten Weideplätze zuzuweisen, so würden sie auch nicht in Stainmesgemeinschaft leben und als eine Art Genossenschaft die Viehzucht betreiben. In diesen Tatsachen liegen Momente, die für den europäischen Neusiedler von grösster Wichtigkeit sind und die ein Siedlungsunternehmen auf dem Guasso-Ngisehu:Plateau, soweit es auf die An Siedlung von 'Viehzüchtern sich erstreckt, auf dem Wege eines Genossenschaftssystem leiten. Die Zuteilung von kleinen, nur etwa 2000—10 000 Acres umfassenden, geschlossenen Weideplätzen ist für diese Wirtschaftsverhaltnisse ein Unding, denn diese Areale sind zu klein, als dass sie partiell gute und genügende Weidegründe enthalten könnten, wenn andere ihrer Teile unter Trockenheit und Dürre leiden. Wenn man auf ein Kind unter normalen Verhältnissen hier vielleicht nur etwa 100 Acres Weidefläche rechnen wird, so ist noch in Betracht zu ziehen, dass in sehr trockenen Jahren auch diese Fläche zur Ernährung nicht hinreicht. Bei einer Erweiterung der Wcidcareale ist aber auch die AVasscrfrage zu berücksichtigen und darauf Bedacht zu nehmen, dass das Vieh auch von den entferntesten Grenzen desWeidelandcs zur Tränke kommen kann. Dieser Punkt ist besonders wichtig im Territorium, wo Wasserläufe selten sind und für ein derartig kleines Weideareal gewöhnlich nur eine Tränkeplätzc bietende Wasserlinie zur Verfügung stünde. Man kann von solchen WasserJäufen aus das Weideareal nicht beliebig weit nach der wasserlosen Eichtling ausdehnen, denn man wird bei einer rationellen Viehzucht den Herden nicht zumuten, dass sie täglich über 1—(J Meilen Weg zurückzulegen haben, um neben hinreichendem Futter auch noch genügendes und frisches Trinkwasser zu haben. Die zugeteilten Weideflächen müssten sich in ihrer Hauptausdelmung daher den nie versiegenden Flussläufen entlang ziehen und die zwischen diesen Weidelandzonen sich findenden Grasflächen kämen auch in regenreichen Jahren nie zur Ausnützung, weil sie ihrer unsicheren Gebrauchsfähigkeit halber wohl von niemandem beansprucht wurden. Diese trockenen und nur zeitweise mit Viehherden zu besetzenden Gebiete sind aber gerade diejenigen, welche die guten Salzleken haben und es ging bei einem solchen Wirtschaftssystem daher ein sehr wichtiger Faktor der Viehzuehterfolgc vollkommen verloren. Ganz anders aber ist es, wenn ein grösseres Viehzuchtgebiet von einer Genossenschaft als Gemeingut betrachtet und die Weideflächen so ausgenützt werden, wie es die natürlichen Verhältnisse mit sich bringen. Dann kann man die guten AVeidegründe, die in rationeller Weise in guten Jahren nur für 100 Kinder die Gewähr einer befriedigenden Entwicklung leisten, bewirtschaften