Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 „bie $ weit11 Seite 15 nale oder sonst mit dem Zionismus unvereinbare Tendenzen verfolgen, als Miidestprograrnm aufrecht bleiben. Der Korreferent Dr. Isidor Margulies schreckt selbst vor der nur grundsätzlichen Billigung einer einheitlichen jüdischpolitischen Betätigimg zurück. „Jedem österreichischen Zionisten mnss es gestattet sein, sich nach seiner freien Ivntschliessung politisch zu betätigen. Doch darf damit keine Verleugnung des zionistischenProgrammes und desjüdischen Volkstums verbunden sein. Doch seien die Juden über politische Zeitfragen aufzuklären und zu politischem Denken zu erziehen und politisch relevante Daten über die Juden und die politischen Parteien zu sammeln . . . Dr. Emil Margulies-Teplitz führt aus, die beiden Referate seien zu gross, um der Debatte zur 6 r u n d 1 a g e zu dienen, und schlägt hierzu folgende, lange bereit gehaltene Resolution vor: „1. Der Parteitag spricht sich dafür aus, dass die österreichische zionistische Partei keine österreichisch p o 1 i _ t i sehe ist und dass die Beteiligung an innerpolitischen Fragen jedem einzelnen Gesinnungsgenossen freisteht. Gefordert wird jedoch, dass nichts geschieht, was mit dem Baseler Programm, dem fortschrittlichen Geiste des Zionismiis und dem jüdischen Kationalgefühl unvereinbar ist. 2s Innerhalb dieses prinzipiellen Rahmens nähere Direktiven zu treffen, ist Sache der Distriktsorganisationen." Nachdem die Mehrheit diese Resolution zur Grundlage der Debatte genommen, wurden aus den einigen zwanzig vorgemerkten Rednern je zwei Genoralredner pro und kontra gewählt. Dr. Kadisch (kontra) tritt für die Thesen Zweig ein nüt-Adoptierung der ErziehungsVorschläge Dr. Margulies-Wien und greift das Prager deutsche Kasino als Pflanzstätte der Völkerverhetziuig scharf an. Dr. Wasch itz (pro) erklärt, für Galizien und die Bukowina sei der Grundsatz der Xmvereinharliehkeit etwas Selbstverständliches, doch müsse man dem böhmischen Distrikt bei der wirtschaftlichen Abhängigkeit der dortigen Juden auch hierin Autonomie zubilligen. Arthur F r e u d (kontra) legt die Schwierigkeiten der politischen Frage dar, warnt vor übereilten Beschlüssen und befürwortet die Aufrechtcrhaltung des bisherigen Zuslandes. Dr. Margulies-Teplitz (pro) meint, die authentische Interpretation des Baseler Progranimes stehe nur dem Kongresse zu. Man solle die politische Freiheit der Zionisten nicht knebeln und sie von innen heraus sich entwickeln lassen. Hierauf wird, gegen 2 Uhr nachts die. Tcplitzer Resolution angenommen, der erste Teil ohne Widerstand, der /weite 'Feil bei namentlicher Abstimmung mit 2\ gegen 11 Stimmen. Der Zusatzantrag Zweig, den D.-Ks. den Passus der Fnvereinbar]ichkeit aus § 2 des Organisationsstatutes als Anleitung ausdrücklich mitzugeben, wird, als durch die letzte Abstimmung erledigt, vom Vorsitzenden Dr. Waschilx nicht zugelassen. Dr. Zweig beantragt, den künftigen Parteitag auf wahrhaft jüdischem Boden, in Krakau, abzuhalten. Lobel Taubes tritt für eine Stadt im Herzen (udiziens ein. Da die anwesenden. Krakauer ihre Zustimmung erklären, entscheidet der Parteitag für Krakau. Zum Beschluss sangen die Delegierten und Galerie- Lmste unser Lied „Hatikwoh". ' AI i c h a e 1. Der Krakauer Verbandstag des Verbandes der jüdischen Arbeiter und Handelsangestellten Oesterreichs „Poale Zion" am 17, und 18. Juni 1905. Zum. fünften Male sind die Vertreter der zionistischen Arbeiter und Handelsangestelltcn Oesterreichs zusammengetreten, um ihre Organisation weiter auszubauen und auszugestalten, die ihre Leiden und Sorgen lindern und ihre Lage verbessern soll. Schon in den Anfängen des politischen Zionismus, ganz instinktiv, von der allgemeinen Begeisterung hingerissen, sehen wir die zionistischen Arbeiter- und Handel sangest eilten-Vereine sich immer mehr und mehr entwickeln und nach zwei Richtungen hin sich immer mehr differenzieren: Wir sehen in ihnen immer stärker den Kampf zwischen Gegenwart und Zukunft entstehen, den Kampf um das tägliche Brot, um Verkürzung der Arbeitszeit, Erhöhung des Lohnes und um ihre soziale Stellung als Arbeiterklasse einerseits und den Kampf um unsere nationale, wirtschaftliche und sozial sichergestellte Zukunft andrerseits. Die Frage stand so: Sollen die jüdischen Arbeiter und Ilandolsangestellten in erster Linie Arbeiter und in zweiter Linie Zionisten oder in erster Linie Zionisten und in zweiter Linie Arbeiter sein, d. h. soll, der Klassenkampf das Primäre und der Zionismus das Sekundäre, oder umgekehrt, der Zionismus das Primäre und der Klassenkampf das Sekundäre sein? Die ersten vier Parteitage in Prag, Brünn, Wien und Krakau und auch der heurige Verbandstag standen im Zeichen dieser Gegensätze und Kämpfe. Stufenweise, von Parteitag zu Parteitag, haben sich die Ansichten und Weltanschauung der Poale Zion immer mehr abgeklärt und herauskristallisiert und sie sind auf dem heutigen Verbandstage in Krakau fast einstimmig zu der Anschauung gelangt, dass für die jüdischen Arbeiter und Handelsangestellion diese zwei Begriffe gleichwertig sind, und. dass gleich unseren Vätern, die beim Aufbau des zweiten Tempels in Palästina mit einer Hand ihre Arbeit verrichteten und in der anderen das Schwert sich gegen die Störer und Feinde wehrten, die zionistischen Arbeiter und Handelsangestellten mit einer Hand an unserer Zukunft bauen und mit der zweiten Hand gleichzeitig gegen Ausbeutung, wirtschaftliche Not, soziale und politische Unterdrückung kämpfen müssen. Diese Anschauung ist in einer Programmthese festgehalten worden und dient gleichzeitig als Ausgangspunkt für ihre Tätigkeit und Taktik mit Bezug auf den Zionismus einerseits und den Klassenkampf andrerseits. Kaehdem sie im Zionismus „die berufene Repräsentanz aller Klassen, und Schichten des jüdischen Volkes erblicken", der Zionismus sich also mit den Anschauungen und Interessen einer Klasse nicht identifizieren kann und sie auch den politischen Zionismus durch unseren Klassenkampf nicht beeinträchtigen wollen, haben sie beschlossen, innerhalb des Zionismus eine Partei zu bilden, und zwar so, dass sie in bezug auf den Zionismus vollständig „auf dem Boden des Baseler Progranimes und des vom Kongresse geschaffenen 0rganisationsrahmensu stehen. In sozialwirtsehaftlicher Hinsichtist ihre Organisation vollständig autonom und dem Kongrosse nicht verantwortlich. Der Zionismus kann demnach wegen ihres sozial wirtschaftlichen Kampfes ebenfalls nicht verantwortlich gemacht werden. In bezug auf den Zionismus ist beschlossen worden, nur diejenigen Institutionen zu fördern und zu unterstützen, die auf demokratischer Basis aufgebaut sind. Als eine1 Institution des Zionismus betrachten sie den N a t i o n a 1 f o n d s. Der Verbandstag hat die ein-