Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 26 (30.6.1905)
- Date
- 1905-06-30
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316128-3316159--47014-3341887- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hrodna 1× ep/1044655
- Tarnów 1× ep/1048131
OCR text
Seite 16 wbi* & Wf II" Nr. 26 stimmige Evolution gefasst, dass der Verband die obligatorische Selbstbesteuerung seiner Mitglieder vornimmt, und zwar in der Form., dass der Verband zwei Prozent seiner Gesamteinnahmen dem Nationalfonds zuführt. Unbeschadet dessen verpflichtet der Verband alle seine Mitglieder, für den Nationalfo-nds die grösste Propaganda zu machen und bei jeder Gelegenheit Sammlungen für diesen Fonds zu veranstalten. Nebst der Klärung und Begründung der Fragen prinzipieller und programmatischer Natur, die durch die Referate und Vorträge der Gesinnungsgenossen Gross und Ben-Berachel in hervorragender Weise herbeigeführt wurden, verdient auch besondere Berücksichtigung der Ausbau der wirtschaftlichen und Kampf Organisation, die durch die Referate des Gesinnungsgenossen Schmidt über Konditionslosenversichemng, Stellenvermittlung, Rechtsschutz etc. bewerkstelligt wurde. Diesen Referaten widmeten die Delegierten nicht mit Unrecht ihre grösste Aufmerksamkeit, weil der Verbaiudstag sich dessen bewusst war, dass nur durch Aktivierung und Kräftigung seiner wirtschaftlichen Organisation die jüdischen Proletarier für uns gewonnen und in unseren Reihen dauernd erhalten werden können. Und so glauben sie durch die- Aktivierung der Stellenlosenversicherung, Stellenvermittlung und Rechtsschutz etc. Instrumente in die Hand bekommen zu haben, die den Erfolg ihres Verbandes im voraus sicherstellen. Der offizielle Verbandstag fand am 18. Juni a. c. statt, der .17. Juni wurde Vorkonferenzen gewidmet, in welchen ein grosser Teil der Tagesordnung erledigt wurde. " In der Vorkonferenz wurden die Wahlen des Bureaus und des T^gitimationsausschnsses für den Verbandstag vorgenommen. In das Bureau wurden folgende Herren gewählt: Vorsitzender B a n d e t, Stellvertreter H e r z, Schriftführer K a. t z, B e n zion, F e 11 uri(KFrl. H e r & t e i n. Legitimationsaussehuss: X u s s b a u m, Stein m e t z und F r a i n d. Gg. Fraind erstattet den Tätigkeitsbericht für die verflossene Periode. Diesem Bericht entnehmen wir ein stetiges Wachstum und Erstarkung des Verbandes sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht. Der qualitative Fortschritt drückte sich in der Stärkung des zionistischen und proletarischen Bewusstseins, in politischer Schulung und Klärung der Weltanschauung der Poale- Zion aus. In quantitativer Hinsicht sind die Fortschritte seit dem vorigen Jahre als sehr befriedigende zu bezeichnen. Von neun Vereinen und vier Sektionen mit einer Gesamtmitgliederzahl von zirka 1200 Mitgliedern im Vorjahre ist der Verband gegenwärtig auf 20 Vereine und 15 Vertrauensmänner und Ortsgruppen mit einer Mitgliederzahl von über 2000 organisierten Mitgliedern gewachsen. Die j u g e n d 1 i c h e n. Poale-Zion sind in dieser Zahl nicht inbegriffen. Vereine und Ortsgruppen des Verbandes existieren in Krakau, Lemberg, Czernowitz, Wien, Brody, Rzeszow, Brzezany, Zolkiew. Stanislau, Przemvsl und anderen Orten Galiziens und Bukowinas. Jugendliche Ortsgruppen existieren in Brody, Lemberg. Tarnow, Wien, Brünn und vielen anderen Orten Oesterreichs. Die unglaublich gedrückten Löhne (24—34 Kronen in o n a 11 i c h für erwachsene männliche Handelsangestellte und Arbeiterinnen) und eine erschreckend lange Arbeitszeit (14—16 Stunden) in Galizien machten es notwendig, dass der Verband in mehreren Orten Galizien eine Streikbewegung inaugurierte, die trotz vielfacher Schwierigkeiten mit einem Erfolg endete. Streiks wurden; in Krakau, Stanislan, Bolechow und anderen Orten Galiziens mit Erfolg durchgeführt. In vielen Fällen genügte bloss eine friedliche Intervention des Verbandes bei den Arbeitgebern, um eine Eeduzierung der Arbeitszeit durchzusetzen. Durch diese Bewegung wurde in vielen Städten die 8 Uhr-Sperre erwirkt. Ausserdem hat der Verband Poale- Zion Streiks in Grodno (Schereschewsky und Buchbinderstreik) mit grösseren Geldspenden unterstützt. Auch in zionistischer Richtung hat sich der Verband sehr fleissig betätigt, so dass die Poale-Zion Oesterreichs bei den Wahlen zum VII. Kongress sieben selbständige Kandidaten aufstellen und bestimmt darauf rechnen können, dieselben durchzusetzen. Das Presskomitee erstattete hierauf einen Bericht über den Stand des Verbandsorgans „Der jüdische Arbeite r". Es wird mit Befriedigung konstatiert, dass, während das Blatt im Vorjahre ein. Defizit von einigen hundert Kronen aufwies, es nun trotz verdoppelter Auflage aktiv geworden ist. „Der jüdische Arbeiter" ist nicht nur in den Grenzen Oesterreichs, sondern auch in der ganzen Welt, wo Poale-Zion existieren, verbreitet und hat nicht wenig zur Herstellung des interterritorialen Kontaktes der Poalei- Zion aller Länder beigetragen. Unter der Aegide des Verbandes und des Presskomitees wird jetzt ein Werk über die Theorien und Praxis der „Poalei-Zion" von einem hervorragenden Kenner der Verhältnisse und Lage des jüdischen Proletariates verfasst. Dieses Werk wird nicht wenig zur Klärung der Ansichten der Poalei-Zion in der ganzen Welt beitragen. M: Sch. (Fortsetzung folgt.) Die Opfer der Judenmetzelei in Brest-Litowsk. Einzelheiten über die Katastrophe von Brest-Litowsk fehlen noch immer. Die. Zensur scheint alles unterdrücken zu wollen, was irgend welches Licht über das Blutbad von Brest- Litowsk verbreitern könnte . . . Ein Verzeichnis der während der blutigen Tage vom 11. und 13. d. M. in Brest-Litowsk getöteten Juden liegt in den „Nowosti" dennoch vor. Am 11. ds. wurden getötet: 1. Abraham B a r e k, Tischler, 31 Jahre alt. Er wurde auf einer Entfernung von 600 Metern erschossein. Die Kugel durchlöcherte das von Barek getragene dicke Brett und drang in die Bauchgegend. Er hinterlässt eine Frau und drei unmündige Kinder. 2. Abraham Darewskij, 17 Jahre alt. 3. Josel W i n o k u r, Hafner, 25 Jahre alt. Er hinterlässt eine Frau und zwei kleine Kinder. 4. Josel Eisen bäum, Zuschneider, 18 Jahre alt. 5. Jakob B a f, Steinklopfer, 20 Jahre alt. Am 13. ds. wurden getötet: 1. Froim Zibu lja, 25 Jahre alt. Er wurde durch einen Schuss auf einer Entfernung von 1000 Metern getötet. Er befand sich in der Nähe der Badeanstalt Piel und ging seiner Beschäftigung nach, als eine Kugel ihn hinstreckte. 2. Schmul S c h u h m a c h e r, Wasserträger, 20 Jahre alt. 3. Srul Rosenfeld, Steinklopfer, 20 Jahre alt. 4. Abraham Soli man, 18 Jahre alt. Zusammen also 9 Personeni. Doch die Zahl der Schwer- und Leichtverwundeten beträgt nach Privatmeldungen über 80. Auch diesmal beeilten sich die antisemitischen Blätter, die blutigen Vorgänge in Brest-Litowsk zu verdrehen und.die Juden als die Schuldigen hinzustellen. Da die Publikation einer sachgemässen Darstellung der blutigen Ereignisse in Brest- Litowsk unmöglich gemacht wird, so1 nehmen die Lügen der antisemitischen Blätter ihren Weg, um überall den Hass gegen die Juden zu vertiefen. Wie a,ber Polizei und Militär sich den Juden gegenüber benehmen, das kann man aus den Beschlüssen der Munizipalitäten von Minsk und Dünaburg (Dwinsk) deutlich ersehen. Die Duma von Minsk hat-vor wenigen Monaten mit Rücksicht auf die Gerüchte von bevorstehenden. Exzessen gegen die Juden um Einquartierung eines Kosakenregirnentes ersucht. Dem Ersuchen wurde auch stattgegeben. Nunmehr aber hat die Duma den einstimmigen Beschluss gefasst, die schleunige Zurückziehung der Kosaken zu verlangen, weil diese zum Schutze der Einwohner Berufenen tatsächlich durch ihr bestialisches Vorgehen gegen friedliche Einwohner der Stadt eine unbeschreibliche Panik erzeugt haben. Desgleichen geschah