Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 25 (23.6.1905)
- Date
- 1905-06-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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mm 5ie wtit Seite 13 Kein einziger Teil der Bevölkerung des unermessliche.li Kelches hat.in dem Masse gelitten and leidet noch so sehr wie die Juden. Unsere nationalen Interessen, unsere Bürgerrechte sind auf die sclmiählichste Weise in den Staub gezerrt; unsere ökonomische und soziale Lage ist tief erniedrigt. Es versteht sich, dass das jüdische Volk, das schon vor Jahrtausenden, sogar für den Fremdling Vollbereehtigung proklamiert hat, mit seinen besten Elementen der allgemeinen Strömung sich anschloss. . . Die Zionisten,; als der meist empfängliche Teil des jüdischen Volkes, reagierte natürlich mit grösster Wärme auf diese Bewegung, die sieh so nahe mit den höchsten Interessen berührt. Als A^ertreter der Organisation, in Kusslands halten wir es für unsere Pflicht, uns an Sie mit folgendem Aufrufe zu wenden: . ■'Genossen! Unsere zionistische Weltanschauung, die Grundstromung, die uns alle um sich vereinigt, wird durch diesen Sturm nicht um ein Haar schwankend. Unerschütterlich ist die Basis, die der Zionismus geschaffen hat : die einzige Lösung des grossen Problems des landlosen, zerstreuten Volkes ist n u r auf dem Wege seiner Konzentration und Wiedergeburt in Palästina möglieh. Das Streben, dies zu erzielen, bleibt und wird unsere Hauptaufgabe bis zu der Zeit sein, da dieselbe gelöst sein wird. Wir glauben dem Gerechtigkeitsgefühle der Fortselirittselemente unserer Gesellschaft, wissen jedoch aus bitterer Erfahrung unserer Brüder in anderen Ländern, dass ihre soziale und politische Lage nicht den Ansichten der besten Männer dieser Länder entspricht. Wir wissen auch, dass sogar die Port seh ritt sei emente von ihnen Lossagung von ihrer Nationalität verlangen, welchem Verlangen wir niemals nachkommen werden und können. Das Streben der jüdischen 'Nation zum vollen und freien Leben kann deshalb seine endgültige Entscheidung nur in der Wiederkehr des Volkes zu den Bedingungen seiner früheren, normalen, freien Existenz finden. Diese Unersehütterlichkeit unserer Ziele und der von uns gezeigte Weg schwächt durchaus nicht das Gefühl der innigen Solidarität, das wir mähren und das wir denen offenbaren müssen, die für die bessere Zukunft Eusslands kämpfen. Wir begrüssen diese Bewegung zum Licht und zur Freiheit, wir begrüssen sie als Bürger des Landes, die sieh der grossen Bedeutung dieser Güter für dessen Fortschritt bewusst sind, als Söhne der am meisten gedrückten Nation und besondersals Zionisten, Wenn unser Volk freier aufatmen wird, wenn seine geistigen und physischen Kräfte nicht in so bedeutendem Mlasse durch den ungleichen Kampf mit den Beschränkungen und. Hindernissen, die ihm auf Schritt und Tritt entgegengestellt werden, werden aufgerieben werden, erst"dann wird es voll von der Grösse der vor ihm stehenden historischen Aufgabe durchdrungen sein und genügend gesunde Ivräfte zu deren Verwirklichung ausscheiden. Diese hellere Zukunft wird auch das Licht der Hoffnung in die elenden Hütten unserer Brüder tragen. Indem wir sie begrüssen^ sind wir tief überzeugt, class sie in unseren Reihen feurige Freunde besitzt. Unsere Beinen vereinigen in sich Männer verschiedener politischer und sozialer Anschauung. Natürlich können wir deshalb nicht alle in gleicher Weise unsere Sympathie und Solidarität offenbaren. Wir nehmen an, dass es Sache eines jeden ton uns ist, sich so zu betätigen, wie es ihm seine politischen und sozialen Ueberzeugungen vorschreiben. Nur an folgendes Sie zu erinnern, Genossen, halten wir für nötig. Wir sehen, auf die Eechte, die lern Bürger im I^ande gegeben Verden,, nicht wie auf eine B e 1 o h n u n g für ein Verdienst, nie h t wie auf ein Privilegium, sondern wie auf ein una n tastbares Attribut eines jeden, de r i m Lan d e w o h n t u n d seine P f 1 i c h teil e rf ü 111. W i r k ö n n e n u n s des h a 1. b m i t kein en B e s c h r ä n k u n g e n f ü r uns z u f r i e d e n g e b e n u n (1 m ü s s e n st r e b e n, v o 11 e u n d g 1 e i c h e 11 e c h t e m i t a 11 e n B ü r g e r n .11 n s s 1 a n d s z u erlangen. Doch damit allein ist der Inhalt unserer Forderungen nicht erschöpft. Als Söhne einer ^Nation, die ihres Landes verlustig gegangen, die aber nicht aufgehört haben, ein gleichartiges nationales Leben zu führen, müssen wir überall da, wo die Bedürfnisse unseres nationalen Geistes zum Ausdruck kommen können, bestrebt sein, uns diese Möglichkeit sicherzustellen, gleich den anderen Völkerschaften, die .Russland 1)0 wohnen. Warschan, Mai 1905. Die russische n M itglieder des Ak tions- K o m i t e e s. Vierter zionistischer Parteitag Oesterreichs in Prag am 12, und i3. Juni 1905. Das österreichische L.-K. hatte — nach, zweijähriger Pause — den Parteitag nach Prag einberufen, um, dem Ansuchen der dortigen Vereine entsprehend, der Eröffnung des Vereinsheimes durch die Anwesenheit auswärtiger Gesinnungsgenossen eine höhere Weihe zu geben. Schon Sonntag den. 11. Juni, 11 Uhr vormittags, fand die feierliche E r ö f f nun g im grössten IIa um e des prächtigen "Vo rein shei nies, im jüdischen TurnsaaJe. vor einem zahlreichen Publikum statt, worunter auch die Vertretung der Prager Kultusgemeiude unter Führung des Vizepräsidenten Dr. Bendiener sich befand. Von 1 Uhr nach'mittags ab hielt im Vereinsheim gleich der böhmische Distriktstag seine Berat im gen ab und daran reihte sich um 8 Uhr im Gartenlokale des Heimes ein B e g r ü s s u n g s a b e n d. Als am 12. Juni, dreiviertel 10 Uhr früh, im Saale dds Hotel Central der Obmann, des böhmischen D.-K. den Parteitag eröffnete, wies die Präsenzliste bloss 09 (gültige) Mandate auf, darunter 38, also mehr als die Hälfte, aus Böhmen selbst. Besonders schwach waren Galizien und die Bukowina vertreten, nämlich durch sechs Mandate. Da nun nach dem Berichte des L.-K. von den 201 österreichischen Vereinen nicht weniger als 133 auf Galizien und die Bukowina und bloss 10 auf Böhmen entfallen, bot der Parteitag kein Spiegelbild des österreichischen Zionismus. Die schwache Beschickung erklärt sich teils durch die exzentrische Lage Prags, teils daraus, dass die galizisehen Zionisten über die Vereitlung ihres für die gleiche Zeit angesetzten Distriktstages dem L.-K. grollten und nicht zuletzt — was soll das Leugnen? — aus dem geringen Gefühle des Zusammenhanges der nach Provinzialdistrikten organisierten österreichischen Zionisten. In das Präsidium wurden gemäss Vorbesprechung zwischen L.-K. und D.-Ks. und nach, parlamentarischem Brauch nur Gesinnungsgenossen gewählt, die dem Parteitage nicht rechenschaftspflichtig waren, und zwar zu Vorsitzenden Ernst Bechert (Töplitz), Dr. Eischel Waschitz (Krakau) und Max Markus (Wien), zu Schriftführern wurden gewählt Dr. E. M. Zweig (Wien), Jul. Löwy (Prag), Dr. Ch. Hilfstein (Krakau) und Professor Jak. Wertheimer (Prag) und in den Legitimationsausschuss Isidor Gewitsch (Wien), Ing. Leuchter (Krakau) und Dr. Leop, Meisel (Prag).