Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14 „Me * weit" Nr. 24 die grosse Versammluug der „English Zionist Federation" habe genugsam aufgeklärt, warum das Angebot zurückgewiesen wurde. Das Blatt beruft sich hierbei auf das Schreiben Herzls an Montefiore vom Dezember 1905 und fragt, welche von den in diesem Briefe von dem verstorbener Führer als notwendig erachteten Bedingungen Ostafrika nicht erfülle. Wir hoffen, dass die Veröffentlichung des Berichtes der Ostafrikakommission den „Jewish Chronicle" von seinen Zweifeln befreien wird. Jüdische Kriegsgefangene in Japan. Einer Aufstellung der New Yorker „jewish Daily News" zufolge betrug die Zahl der jüdischen Kriegsgefangenen in Japan bis zum 31. März insgesamt 811, und zwar befanden eich 415 von ihnen in Hamadua, 145 in Matsuyana, 93 in Himedsi und 251 in kleineren japanischen Garnisonsorten. Die vorliegende Nummer des „Jewish Gommern*" ist anlässlich des zehnjährigen Bestandes des Blattes in prächtiger Ausstattung als Festnummer erschienen. Das Blatt konstatiert, dass zehn Jahre für pin Blatt kein allzugrosser Zeitabschnitt seien, um so erfreulicher aber stelle sich darum die gedeihliche Entwicklung dar, die der „Comment" genommen. Die vorliegende Nummer wird mit einem illustrierten Artikel eröffnet, der uns den Werdegang eines jüdischen Einwanderers bis zum amerikanischen Bürger zeigt. In einem zweiten Artikel wird das Schicksal eines Fürsten auf dem Gebiete des Handels, der „von unten auf" begann dargestellt. Dann folgt ein Auszug aus dem Werke Elkan N. Ad 1 e r s, der in seinem Buche seinen Besuch verschiedener jüdischer Gemeinden der Welt schildert. In einem Aufsatze wird das Wirken jüdischer Frauen in Amerika geschildert, dann folgt eine Uebersetzung des Artikels Anatole Ler oy-ßeaulies: „Die jüdischen Einwanderer und das Judentum in Amerika" und den Schluss der Nummer bildet ein Essay, der sich mit dem Einflüsse des Judentums auf hervorragende Geister beschäftigt. Feuilleton. Eisik Hirsch Weiss. (15. Februar 1815 — 31. Mai 1905.) Von B. Wachste! n. An Arbeit und Jahren reich, ist I. II. Weiss mehr als OOjährig gestorben. Man kann bei diesem Tode kein persönliches Schicksal beklagen. Dennoch haben wir die Empfindung, dass mit ihm, dem letzten Vertreter der wissejischaftlieheii Haskala, ein ganzes aussichtsreiches Zeitalter zu Grabe getragen wurde. Sie haben alle, die KrochnvaL Pappaport, Luzzatto, Grosses geschaffen, aber noch Grösseres gewollt. Das ganze jüdische Schrifttum wurde von ihnen durchsucht, gesichtet und geprüft. Hier sollten die Spuren des einstigen Lebens entdeckt, der Fluss der Dinge noch in seiner Erstarrung gezeigt worden, um das 1 a t i v e, V e r ä. n d e r u n g s b e d ü r f t i g e in der Lebensweise des Ghetto nachzuweisen. Und wie gaben ihnen die Verhältnisse draussen recht. Haben auch sie, die ■\ n d ere n, die grossen Majoritäten, sich nicht der Macht begeben? .Freiwillig gaben sie einer Minderheit das, was diese sich mit Gewalt nie hätte nehmen können. Das Staatsbürgertum schien die Judenfrage endgültig zu lösen. Nation schien nunmehr, wie wir heute sagen, Privatsache zu werden. Es galt nun. die Arbeit nach innen und aussen aufzunehmen. Und so gingen sie alle, ohne Mandat, ohne äussere Belohnungen, mit dem Glücksgefühle der ersten, die einer grossen Idee zum Leben verhelfen, in den Kampf, von dem Fleischaufseher und Geschiehtsphilosophen Naehman Kroch mal an bis zum Korrektor und Historiker I. H. Weiss. Und glücklich waren sie alle, denn sie kannten keinem Piss in ihrer Persönlichkeit. Pas Judesein war ihnen, den GhoitoabköimnJingvn und Vertretern der liberalen Weltanschauung, etwas so Selbstverständliches, dass sie nicht einmal den Begriff des Xationaljudentums kannten. Ls ist sicherlich ein geschichtlicher Irrtum, in ihnen die bewussten Erzeuger des Verseilinelzungsgedankeas zu sehen. Die ganze Diaspora, insofern sie sich von anderen Kulturkreisen anregen liess, kannte keine bedeutenderen Volljuden, als diese Vertreter der wissenschaftlichen Haskala es waren. Ihr Kampf gegen das Bestehende trug ungefähr denselben häuslichen Charakter, wie etwa der Kampf der griechischen Aufklärer gegen die Volkssitte, der doch sicherlieh nicht gegen das griechische Nationalwesen gerichtet war. Dass sie sich aber selbst keine Fragen stellten, hierin liegt ihre Beschränkung. Die Freiheit des Individuums, in seinen wirtschaftlichen und geschichtlichen Traditionen zu leben, war ihnen ein naturrechtliches Postulat, das, einmal eingesehen, immer praktische Geltung haben müsse. Die Bedeutung des aufstrebenden allgemeinen Kationalismus, des modernen Wirtschaftskampfes erkannten sie nicht und übersahen deshalb die sich daraus ergebenden Möglichkeiten für ein unter den abnormalsten Bedingungen auf dem ganzen Erdenrund zerstreut lebendes Volk. In I. H. Weiss sehen wir nochmals die Charakteristika dieser Periode vereinigt. Die Kenntnis der Quellen und d'as Erfassen derselben aus dem noch selbst Erlebten, der Optimismus der liberalen Weltanschauung, der Autodidaktenstolz und das Bestreben, das Absolute des Ghetto zu relativieren und zu historifizieren. Der Anteil des Individuums an dem gemeinsamen Kulturgute, die Einwirkungen der Aussenwelt auf die Gestaltung von Leben und Sitte wurde nur dunkel empfunden. So gross der Respekt und sogar die persönliche Liebe zu den einzelnen Grossen der Kation war, so wenig traute man sich, anderen, minderen; Persönlichkeiten gegenüber, die ein geschriebenes oder gedrucktes Wort hinterlicssen, etwa kritische Stellung zu nehmen. Unterschiede im Wesen konnten hier nicht gemacht werden, denn auch der Grösste, „die Leuchte der Diaspora", konnte nur das bereits Feststehende für die anderen entziffern und beleuchten. Kur nach Zeitaltern erlaubte man sich Wertungen zu inachen, die freilich aus demselben Gesichtspunkte flössen, die Amoraim waren alle gross und heilig, aber die Tanaim waren alle noch grösser und heiliger. Sie waren der Quelle des Absoluten näher, denn auch eine Magd sah am Koten Meer beim Auszug aus Aegypten mehr von der Herrlichkeit Gottes als die Propheten. Geschichte zu schreiben war nun den Haskalamenschen nichts anderes als Geschichte zu machen, das Judentum zu verweltlichen und es auf eigene Füsse zu stellen. Die Historie soll eine neue Weltanschauung beibringen. Man würde der Persönlichkeit des Verfassers des „Dor dor \v\lorschow;t nicht gerecht werden, wollte man in ihm lediglich den gelehrten Geschichtsschreiber der jüdischen Tradition sehen. Nichts nötigt uns heute, bei einem Teilhistoriker ein grosses Können oder gar Wollen vorauszusetzen. In vielen Fälleji kommen bei diesem Geschäfte Dokumente, Lücken und Rührigkeit in Betracht. Der „Dor dor w'dorsohow" ist nicht nur ein. Produkt immenser Gelehrsamkeit und ausdauernden Fleisses, sondern auch der Ausfluss grosser Bestrebungen und Tendenzen. Deshalb wirkte dieses Werk mehr als ein blosses Buch. Wie wurde da das Absolute mit seinen Zeitaltergradationen in einen einheitlichen Kausal nexus historischen Geschehens aufgelöst. R. Akiba war nicht bloss der Grosse und Heilige aus dem Geschlechte der Tanaim, sondern der so und so geartete Mensch, der grose Patriot, der Syllogistiker, der dem jüdischen Leben ein bestimmtes Gepräge gegeben usw. Das jüdische Leben wurde nicht mehr vom Isolierschemel aus betrachtet, sondern in Gemässheit der von ihm empfangenen und gegebenen Wirkungen. In letzterer Zeit wurde viel an der Weisssehen Geschichtsschreibung ausgesetzt, die neuere Geschichtsforschung des Judentums hat eben vieles ans Licht gebracht, was ihm nicht bekannt war. Aber auch die Gesichtspunkte des vorigen Jahrhunderts reichen für die Verständlichmaehung historischen Ge-