Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3315709-3316128-3316157--46971-3341842- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 24 „bi* # weit" Seite 15 sehehens nicht ans. Dies gilt jedoch nicht nur für die jüdische Historik allein. Die Kategorien, in die man die Jahrhunderte hineingestopft, die Analogien aus dem Leben der Individualorganismen für Gesellschaftserseheinungen können unser Kausalbedürfnis nicht mehr befriedigen. Ehu^ kann von Weiss gesagt, werden. Er hatte so viel Talent und inneren Judaismus, um das Leben der Diaspora, soweit es sich auf die psychologische Oeartung der Charaktere bezieht, nachzufühlen und nachzubilden. Er weiss mit Würde und Liebe die Persönlichkeit eines Maimonides wie die seines Gegners Eabad, des Glaubensfanatikers Josef Ja wetz, sowie des philosophierenden Staatsmannes Abarknicl zu zeichnen,. Die Verkleinerung konservativer Persönlichkeiten, wie sie der Geschichtsschreibung eines aufklärerischen Zeitalters eigen ist, ist bei ihm nicht zu finden. Er hatte nicht den Scharfsinn 0. IL Schorrs, des besten Kenners der bezüglichen literarischen Quellen, und den Entdeckergeist Nachman Krochmals; aber vor jenem hat er die Charitas und den historischen 'Gerechtigkeitssinn, vor diesem die Fähigkeit für die Erfassung des Persönlichen voraus. Krochmal suchte seiner Natur gemäss die Ideen in der jüdischen Geschichte und hatte deshalb mehr für die grossen Zusammenhänge Interesse, wenn er auch gleichzeitig die Details sich ert schaffen musste. Weiss bringt von vornherein dem Konkreten, dem rein Persönlichen, sein Interesse entgegen, für dessen Erfassung und plastische Darstellung er in hervorragendem M'asse befähigt: war. Die Geldschlacht Der verstorbene Baron Alphonse de Rothschild war eine zu bedeutende Persönlichkeit, als dass sein Tod in Frankreich unbeachtet vorübergehen könnte. Die Presse widmete ihm Nekrologe und Artikel. Wenn ein König stirbt, haben die Kärrner zu tun. Und Rothschild war ein König des Geldes — was sehr, sehr viel ist. Nun kam auch die Todfeindin des Rothschildhauses — die antisemitisch-klerikale Presse — zum Grabe des Milliadärs. Charakteristisch ist der Nekrolog, den der „Gaulois" dem Baron Alphonse gewidmet hat. Der „Gaulois" ist bekanntlich das Blatt der französischen Klerikalen und Royalisten. Sein Leiter ist der „Franzose" Arthur Meyer, der wahrscheinlich Anatole France bei der Skizzierung einer seiner Gestalten in seinem Romanzyklus „Histoire Contemporaine" Modell stand. Diese Gestalt ist Baron Waldstein. Ein Wiener Jude, dem der Antisemitismus der Herren Lueger und Bielohlawek wohl das Leben in der Kaiserstadt an der blauen Donau verleidet hat, lässt sich in Frankreich nieder. Spricht ein entsetzliches Französisch mit einer Wiener Aussprache. Natürlich wird er sofort ein intransigenter französischer Nationalist und Gegner der Republik. Seufzt in seinem Wiener Französisch nach den guten alten Zeiten des „ancien regime", ist Royalist, schwärmt für Philippe d'OrJöans, trägt eine weisse Rose im Knopfloch, subventioniert klerikale französische Blätter, die die Republik befehden, wie z. B. die „Autorit£B von Cassagnac usw. Kurzum er tut alles, um als guter, vollwertiger Franzose anerkannt zu werden. Natürlich Antidreyfusard. Ein solcher Typus ist Arthur Meyer. Man tut, was man kann. Der eine macht in Liberalismus, der andere in Reaktion -— Geschäft ist Geschäfc. Nun, dieser Mr. Meyer und seine Genossen, der „Franzose" Gaston Pollonais usw., haben den alten Rothschild immer aufs heftigste angegriffen als den Vertreter des jüdischen Kapitals, als die Verkörperung des jüdischen Mammons. Und der Kampf des „Gaulois" war von Renegatenhass erfüllt. Nach dem Tode des Milliardärs streckt auch der „Gaulois" die Waffen. Er will mit dem Toten Frieden haben. Er erinnert an Rothschilds Verdienste um das Vaterland im Jahre 1871, als er M. Thiers die nötigen Summen vorgeschossen hat. Zwar, meint der „Gaulois", hat Rothschild nicht alles getan, was in seinen Kräften war, um Frankreich zu retten. Er hätte nämlich der Sache der Royalisten, mit denen er angeblich sympathisierte, zum Siege verhelfen können, er hätte auch die Dreyfusaffaire aus der Welt schaffen können. Und weil er es nicht tat, hat er Stürme über Frankreich heraufbeschworen. Nun aber heisst es — pax. Aber eine interessante Tatsache aus der Geschichte der französischen „Gründungen" wird vom „Gaulois* gestreift, die hervorgehoben zu werden verdient. Es ist die Geschichte des Kampfes zwischen der „Union Generale" und Rothschild, des Kampfes zwischen dem „Katholischen" und dem „Jüdischen" Geld, aus dem Rotschild als Sieger hervorgegangen ist. Diesen Kampf hat Emile Zola in seinem Romane „L'Argent" verewigt. Es war im Jahre 1882. Rothschilds Einfluss war angeblich übergross. Der Neid und der Groll gegen diese Milliardendynastie wuchsen. Der französische alte Adel, durch und durch klerikal und reaktionär, beschloss, sich irgendwie im Lande Geltung zu verschaffen, den Kampf gegen die Demokratie und deren finanzielle Stütze und Verkörperung Rothschild aufzunehmen. Diese Regungen des Adels wussten nun einige Hochstapler auszunützen. Ein solcher genialer und phantastischer Hochstapler war Eugene B o n t o u x, der die katholische Bank „ Union Generale" gegründet hat. Im Romane Zolas „L'Argent" wird Bontoux in der Person Saccards, des Begründers der „Universelle" gezeichnet. Bontoux-Saccards Feldzug war gegen Rothschild (oder wie er im Romane heisst: Gundermann) gerichtet. Aber die Sache beruhte von Anfang an auf Schwindel. Und zwar bestand er darin, dass die Gründer der „Union Generale" ihre eigenen nicht volleingezahlten Aktien an den Börsen aufkauften, dadurch eine künstliche Hausse herbeiführten und dieselbe zur Emission neuer Aktien benützten. Die Union arbeitete fieberhaft. Sie gründete Versicherungsanstalten, Gaswerke, Transportunternehmungen (Paquets maritimes), dann die Länderbank in Wien usw. Im Roman Zolas träumt Saccard von einer grossen Kulturtätigkeit in Palästina, das dem Papste zuerteilt und das Zentrum des Katholizismus werden soll. Er benützte diese Schimäre natürlich als Köder für naive Gemüter, glaubte aber teilweise auch selbst daran. Nun begann eine Börsencampagne gegen Rothschild. Zwei Systeme kämpften gegen einanander. Die Logik, deren Vertreter Rothschild-Gundermann war, gegen die Phantasie, die Bontoux Saccard börsenfähig machen wollte. Es war ein verzweifeltes Ringen, ein grandioses Schauspiel, der Kampf zwischen zwei unsichtbaren Kräften, ein Kraftmessen zwischen Gegnern, die versteckt blieben. Die Union generale spielte ein Hasardspiel, Rothschild wich nicht von seinem Standpunkt und blieb bei der Baisse. Einen Augenblick schien es, Rothschild sei verloren, die Macht des Milliardärs sei nun gebrochen. Es war ein verzweifelter Augenblick. Bontoux-Saccard spannte alle seine Kräfte an. Die Aktien der Union stiegen. Rothschilds Geld drohte in die Kassen der siegreichen Bank überzugehen. Schon zweifelte er, ob er bei seinem Standpunkte verharren, oder mit der Union paktieren soll, als der grosse Krach kam. Zuerst kam Lyon an die Reihe, dann erfolgte die Generalschlacht in Paris, die von Zola meisterhaft dargestellt ist. Ein Schlachtfeld, wo die Opfer Wertpapiere sind, unter denen zahlloss ruinierte, in den Hungertod getriebene Menschen standen. Es war eine furchtbare Börsen- Schlacht, die grösste unter allen. Und Rothschild blieb Sieger. Am 19. Jänner 1882 sanken die Aktien der Union generale von 3050 auf 1300, am 29. d. M. stellte die Union ihre Zahlungen ein. Der Krach war ein ungeheurer. Bontoux