Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1905-06-16 · 24 (16.6.1905) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
24 (16.6.1905)
Date
1905-06-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316128-3316157--46968-3341839
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 12 flbi$ # W$lt" Nr. 24 rnete sein Reichenauer Schloss einem Stiitungshaus für invalide Offiziere. Heute beherbergt dieses Pensionistenheim 35 Subalternoffiziere und Hauptleute (darunter drei mit Majorscharge ad honores) und bietet seinen Insassen ausser prächtiger UnterkunÜ noch eine monatliche Zulage aus dem Stiftungskapital. In jüngster Zeit hat Baron Rothschild bekanntlich dem Wiener jüdischen (Rothschild-)Spital -eine Spende von zwei Millionen Kronen und der Wiener Poliklinik eine Spende von einer Million Kronen gesandt. Er förderte auch die Wiener Freiwillige Rettungsgesellschaft, zu deren Gunsten er alljährlich seine wundervollen Glashäuser aui der Hohen Warte der allgemeinen Besichtigung zugänglich machte. Vom öffentlichen Leben hielt sich der Verstorbene gänzlich fern. Als sein Obergärtner dem Erzherzog Karl Ludwig den Eintritt in die Gärten auf der Hohen Warte verweigerte, weil er den Auftrag hatte, ohne besondere Erlaubnis niemandem den Eintritt zu gestatten, und für den Erzherzog keine Ausnahme machte, wurde der Baron jedoch zum Zielpunkt heftiger Angriffe. Die Widmung des Reichenauer Schlosses für Lungenkranke wurde mit diesem Zwischenfall in Verbindung gebracht. Alphons Rothschild. Unter grosser Beteiligung hat am 29. v. M. die Beisetzung des Barons ALphonse Rothschild auf dem Pere Lachaise stattgefunden. Präsident Loubet hatte einen Vertreter entsandt. Unter den Anwesenden bemerkte •man die meisten Minister, sowie die Mitglieder des diplomatischen Korps. Nachdem der Grossrabbiner von Frankreich ein Gebet verrichtet hatte, setzte sieb der lange Zug in Bewegung. Auf dem Friedhofe wurden die letzten Gebete verrichtet und Psalmen gesungen (jede Grabrede hatte der Hingeschiedene sich verbeten), sodann der Sarg ini der Familiengruft beigesetzt, welche sich auf der jüdischen Abteilung des Pere Lachaise unweit vom Grabmal der) Tragödin Rachel befindet. Das Kadisch-Gebet sagte der Sohn des Verblichenen, Baron Eduard Rothschild. Jüdische Kolonien in Amerika. Infolge der Bemühungen der jüdischen Agrikultur- und Industrieförderungsgesellschaft in New York hat die Idee, sich als Farmer zu betätigen, in den jüdischen Kreisen Amerikas Wurzel geschlagen, so dass sich nun in fast jedem Staate der Union bereits jüdische Farmer befinden. Im Staate Connecticut gibt es zweihundert jüdische Farmen, dieselbe Anzahl in Southern New Hampshire und auch in Massachusetts finden wir etwa hundert jüdische Farmen. Die genannte Gesellschaft beschäftigt eine grosse Anzahl reisender Agenten, die den für Kolonisationszwecke geeignetsten Boden ausfindig* machen und den Farmern mit Rat und Tat und bei ihrer Etablierung auch finanziell zur Seite stehen. Alle von der Gesellschaft unternommenen Transaktionen! beruhen auf streng geschäftlicher Basis und nur jenen geht man bei der Erwerbung einer Farm an die Hand, die auch über die für einen Farmer erforderlichen Fähigkeiten zu verfügen scheinen. Infolgedessen kommt es fast nie vor, dass mit dem einen oder anderen Farmer ein Fehlschlag gemacht wird. Interessant ist, dass diese Farmer sich zumeist aus eingewanderten russischen Juden rekrutieren. Trotzdem sie fast unmittelbar aus dem Ghetto kommen, assimilieren sie sich doch sehr rasch den neuen Verhältnissen und werden jeiglicher Unbill des Wetters trotzende Landleute. Ein Redakteur der New Yorker „Sunday Post" unternahm einem Ausflug in ein derartiges Gebiet jüdischer Farmen und schildert in seinem Blatte in anschaulicher Weise das Leben und Treiben auf den jüdischen Farmen. In der Nähe von Holliston befindet sich die von dem amerikanischen Journalisten besuchte Absiedlung, die nur ganz wenige christliche Farmer aufweist. In West Medway, so heisst die Ansiedlung, fällt dem Journalisten vor allem das prächtige Aussehen der Kinder auf, das sie ungemein vorteilhaft von den Kindern des jüdischen Viertels in New York unterscheidet. Sie beherrschen alle die englische Sprache und sind in ihrem Gehaben völlig den eingeborenen amerikanischen Kindern gleich. Sie besuchen regelmässig die Schule, sind reinlich gekleidet und den Fremden gegenüber äusserst zutunlich und freundlich. Der amerikanische Journalist beschreibt hierauf einen Besuch bei dem Patriarchen der Ansiedlung, dem siebzigjährigen Moses Burack. Er ist nun bereits vierzig Jahre in Amerika Farmer, doch beschäftigte er sich auch in Russland mit Ackerbau, bis die Regierung den Juden das Recht auf Grundbesitz nahm. Seine Farm prosperiert so gut, dass er imstande ist, zwölf Kühe zu halten, wodurch er eine schöne Einnahme erzielt, abgesehen davon, dass er auch recht erhebliche GetreidequantitäteTi alljährlich verkauft. „Was soll mir die Stadt?" sagte er dem Journalisten. „Ich bin sehr glücklien hier und desgleichen meine Familie." Aber nicht alle Beiwohner der Absiedlung sind Farmer» Es leben auch drei jüdische Hausierer da, die früher in Boston wohnten; als aber das Gebiet von Juden besiedelt wurde, Hessen auch sie sich hier nieder und wohnen nun in eigenen, von-ihnen erbauten Häusern. Das Haupt der jüdischen Ansiedlung ist Jakob B i n s t o c k, der ein; sehr eifriges Mitglied der Agrikulturgesellschaft ist und im Sinne von deren Bestrebungen! bereits sehr erspriesslicto gewirkt hat. Seine tüchtigen landwirtschaftlichen Kenntnisse kommen der Gesellschaft namentlich beim Grundkauf sehr zustatten. Auch die landwirtschaftlichen Hilfskräfte der Farm sind Juden, zumeist solche, die gerade aus Russland kamen. Einer dieser Arbeiter,'der sich in seiner Heimat mit dem Handel beschäftigt hatte, äusserte sich dem Journalisten gegenüber, wenn ihm die ungewohnte Feldarbeit in der ersten Zeit auch hart angekonnmen sei, so habe er sie doch allmählich liebgewonnen und bis er e-rst einmal Weib und Kinder in Amerika und genügende Mittel habe, wolle er sich auch selbst eine Farm kaufen. Zum Schlüsse seiner Exkursion machte der Journalist noch eine interessante Entdeckung. Er kam auch zu einer Farm, die vom einer jüdischen Frau ganz selbständig geleitet wird. Auch Frau M a z u r, dies ihr Name, war ihr Leben lang eine Städterin. Heute ist sie, was man bei uns eine Bäuerin nennt. Sie hat acht Kühe und einen grossen Hühnerstall, die ihr eine gesicherte Existenz garantieren. Ihr Einkommen beläuft sich auf 250 Kronen monatlich im Sommer und 150 Kronen monatlich im Winter. Werf beneidet diese Frau nicht um ihre Energie? Wenn man diese Resultate sieht, dann ist einem wohl um die Zukunft des jüdischen Volkes nicht bange. Wenn wir in fremdem Lande so wacker unseren Mann stellen und selbst Mutter Erde ihre Gaben abzugewinnen vermögen, dann werden wir wohl auch in der ersehnten Heimat nicht versagen. K. Die „Gesellschaft zur Verbreitung des Christentums unter den Juden" hat, wie in der Generalversammlung mitgeteilt wurde, im abgelaufenen Jahre 40,349 Pfd. St. (806.980 Mk.) eingenommen und 37.227 Pfd. St. (744.540 Mk.) ausgegeben. Sie unterhält an 49 verschiedenen Plätzen Missionäre, von denen jeder im Durchschnitt das anständige Einkommen von 3572 Mk. hat. Ueber die Zahl der Juden, welche sich „bekehrt* haben, schweigt der Berieht. Oer spanische König und die Juden. Gelegentlich seiner Anwesenheit in London empfing der spanische König eine Deputation der spanischen und portugiesischen Juden, die ihm eine Sympathieadresse überreichte. Die Deputation wurde von Sir Francis Montefiore geführt. In der dem jugendlichen Monarchen überreichten Adresse wird der glänzenden Epoche in der jüdischen Geschichte, die sich an den Aufenthalt der Juden in Spanien knüpft, gedacht und die unter dem gegenwärtigen Könige bestehende Glaubensfreiheit hervorgehoben. Eine jüdische Kolonie auf Kuba? Die kubanische Regierung erklärte sich angeblich bereit, tausend jüdischen Familien in verschiedenen Industriegebieten Beschäftigung zu geben. Daraufhin bildete sich in Bukarest ein Komitee, um die Namen von Emigrationslustigen aufzunehmen. Aus Braila sollen sich bereits 250 Familien angemeldet haben und auch aus anderen Orten trafen Anmeldungen ein. Wir glauben, dass, so liebenswürdig das Anerbieten der kubanischen Regierung auch ist, doch einige Vorsicht am Platze wäre. Man sollte sich denn doch nicht so leicht entschliessen, jüdische Maasen nach Kuba zu befördern, ohne zu wissen, weiche Chancen der Auswanderer in Westindien als Industriearbeiter hat, wie die hygienischen Verhältnisse sind usw. usw. Man kann doch diese armen Leute nicht so geradewegs ins Verderben rennen lassen. Die Stimme des Volkes. Unter diesem Titel erhalten wir von Israel Z angwill die folgende Zuschrift: »Angesichts der gegenwärtigen Krisis in der jüdischen Politik ist es vielleicht vonnutzen, Ihren Lesern den Inhalt zweier Briefe mitzuteilen, die mir fast gleichzeitig zugingen. Der eine kommt aus Braila in Rumänien von der ,Brüderlichen Handwerkergruppe* und ist durch zwanzig Unterschriften beglaubigt. Er enthält die klägliche Bitte von zweihundert Arbeiterfamilien, nach Ostafrika oder an irgend einen Ort in der weiten Welt befördert zu werden, der sie mit Brot versorgen könnte und wo die Zukunft ihrer Kinder gesiohert wäre. Der zweite Brief kommt aus der Jehudakolonie in Palästina und trägt acht Unterschriften. Zusammengepfercht in einige tür und fensterlose Hütten, ohne Gross- und Federvieh, ohne irgendwie über eine Einnahmequelle, mit Ausnahme eines gelegentlichen Verdienstes in Pethach Tikwah, zu verfügen, mit ihren Kindern, die nach Brot schreien, rufen diese unglückseligen Kolonisten das Mitleid des jüdischen Volkes an/ Die amerikanischen Juden und die russischen Ereignisse. In Philadelphia nahmen die Poale Zion-Arbeiter zu den Judenverfolgungen in Russland Stellung. Sämmtliche Redner erklärten, nur der Sieg der zionistischen Idee könne die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.