Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 24 „bk * weit11 Seite 11 des Zionismus die sichtliche Anerkenlueg einer Weltmacht gefunden! Zu bedenken sei auch, dass die englische Regierung das Angebot nicht gemacht hätte, würde sie nicht Vertrauen in die Zukunft des jüdischen Volkes setzen. Der folgende Redner, Herr L. I. Greenberg, schliesst sich der Resolution an, weil er hofft, dass durch sie die Bewegung wieder mit der alten Begeisterung erfüllt werden wird. Der Redner weist dann die Anwürfe Dr. G a s t e r s zurück, als habe er mit der englischen Regierung ohne Wissen Herzls unterhandelt, worauf das Wort Herr D. Wolffsohn ergreift. Redner führt aus, dass der Zionismus an einem kritischen Punkt angelangt sei. Es galt darum erst das Gleichgewicht herstellen, bevor man an Zukunftspläne herantrat. Das Verdienst Herzls sei rieht die Schaffung des lange vor ihm bestandenen Zionismus; aber er war der erste jüdische Politiker, der die Welt für das jüdische Problem zu interessieren wusste. Sein grösster diplomatischer Erfolg aber war das Ostafrikaanerbieten. Denn die zionistischen Ziele, die man bisher als Utopien erklärte, wurden dadurch von einer mächtigen Regierung anerkannt. Am Schlüsse seiner Rede betont Wolffsohn, wer von Zion nichts wissen wolle, habe nichts zu tun im Zionismus; aber weil Zionisten etwas Praktisches für ihr Volk tun wollten, so sei dies doch kein Grund, um sie anzugreifen. Denn nur durch Einigkeit könne das Ziel erreicht werden und nur, wenn der Zionismus wie bisher eine politische Bewegung bleibe. — Die genannten drei Herren sprachen auch in einer am Sonntag abends in Manchester stattgefundenen grossen Versammlung, deren Vorsitzender, Herr Dr. Charles Dreyfus erklärte, eine Persönlichkeit aus der Umgebung des Sultans habe ihm mitgeteilt, die Pforte habe nichts gegen die Ziele des Zionismus, der nur zwei Mächte zu Gegnern habe: Russland und — Oesterreich. — Von sonstigen Versammlungen sind hervorzuheben die Jahresversammlung der Londoner Zionisten Liga; dem Bericht ist zu entnehmen, dass die Liga im Laufe der letzten fünf Monate 166 Schekel verkaufte und 115 Mitglieder zählt. — In einer Versammlung der NewcastleZionistSociety betonte Herr Doktor Samuel D eiche s die Notwendigkeit, nun, da der Ostafrika Rummel erledigt sei, ernste Aufmerksamkeit der finanziellen Seite der Bewegnng zuzuwenden. In einer Versammlung der Schomrei National Fund Society wurde nach einer Rede des Herrn Dr. Gaster eine Resolution gefasst, in welcher es heisst, die Versammlung werde nur solche Delegierte zum Kongress entsenden, die für Palästina eintreten und jede territorialistische Bestrebung perhorreszieren. Erwähnt werden muss schliesslich auch eine Versammlung der Anglo Jewish Association, in welcher beschlossen wurde, dass ein aus Mitgliedern der Association und des Klubs jüdischer Abgeordneter bestehendes Komitee sich in Verbindung setzen möge mit befreundeten Korporationen in Europa und Amerika, und eine Besserung in den Verhältnissen der Juden Russlands anzustreben. New Castle-on-Tyne. 4. Juni, Schekeltag in England, fand eine zionistische Versammlung statt, einberufen von der hiesigen zionistischen Vereinigung. Herr Dr. Samuel Deiches aus dem benachbarten Sunderland hielt einen Vortrag über „Unsere Pflichten auf dem kommenden Kongresse". Redner führte ans, dass wir uns jetzt, wenn es auch scheint, als ob die Wolken sich zu zerstreuen beginnen, indem das grosse A-.C. beschlossen hatte, dem Kongresse zu empfehlen, das Ostafrikaprojekt fallen zu lassen, über das Prinzip, das diesem Projekte unterläge, klar zu werden hätten. Viele Ugandisten hätten bereits gesagt, dass, wenn Ostafrika sich als undurchführbar erweist, wir uns nach einem anderen Territorium umsehen müssten, und viele möchten gar das Baseler Programm ändern. Es sei unmöglich, das Baseler Programm zu ändern. Die, welche glauben, dass „das Baseler Programm kein Gesetz der Perser und Meder sei und vom Kongresse, der es aufgestellt hat, abgeschafft werden kann", irren sich sehr. Das Baseler Programm sei der moderne Ausdruck des Zionismus und in dem Augenblick, in dem der Kongress dieses Programm abschafft, hört er auf, ein zionistischer Kongress zu sein, und der moderne Zionismus existiert nicht mehr. Es sei daher die Pflicht jeder zionistischen Vereinigung, einen Delegierten zum Kongresse zu schicken, der zu allem Nichtpalästinensischen „Nein* sagt. Nach Schluss seiner mit stürmischem Beifall aufgenommenen Rede legte Dr. Deiches folgende Resolution vor: „Diese von der New Castler zionistischen Vereinigung einberufene öffentliche Versammlung hat mit der grössten Genugtuung von dem Beschlüsse des A.-C, dem Kongresse zu empfehlen, das Ostafrikaprojekt fallen zu lassen, Kenntnis genommen. Sie drückt gleichzeitig dei Hoffnung aus, dass der Kongress jede territorialistische Tendenz aus unserer Bewegung verbannen und so die Existenz des Zionismus wahren wird. Die Versammlung hofft auch, dass der Kongress alles tun wird, um unsere Arbeit in Palästina zu fördern." Nach einer längeren Diskussion wurde diese Resolution unter grossem Applaus angenommen. * F. Freedmann, Hon. Secr. Cape Town. Eine zahlreich besuchte und enthusiastische Versammlung der „Dorshei Zion Association of Cape Town" fand am Ii. Mai im Saale der Vereinigung statt, um zwei Vertreter zur ersten allgemeinen südafrikanischen Zionistenkonferenz zu wählen. Letztere ist auf den 2. Juli in Johannesburg anberaumt. Die Herren M. L. Genussow (Vorsitzender) und Richard Rosenthal wurde einstimmig gewählt. Personalnachrichten. Unser Gg. Siegmund Wassermann wurde am 2. d. M. in der Wiener Aula zum Doktor der Heikunde promoviert und zum A. H. des Vereines jüd. Hochschüler aus Rumänien „Erez Israel" ernannt. — Vergangenen Mittwoch fand im Seitensteltentempel die Trauung desHerrn Paul Ritter v. Sonnen t ha 1, Sohnes des Oberregisseurs und Hofburgschauspielers Adolf Ritter v. Sonnenthal, mit Fräulein Klara Schwarz in Gegenwart eines zahlreichen und distinguierten Publikums statt. W*lt*@bi»ODili. Die Trauer im Hause Rothschild. Innerhalb weniger Tage hat das Haus Rothschild zwei Trauerfälle in der Familie zu verzeichnen. Vor kurzem starb der Pariser Bankier A 1 p h o n s e und in der Nacht auf den .13. Juni der Wiener Baron N a t h an i e 1 R o t h s c h i;l.d, der schon seit vielen Jahren schwer leidend war. Nathauiel Mayer Anselm Freiherr v. Rothschild war als viertes Kind und als ältester Sohn des Freiherrn Anselm Salomon v. Rothschild und seiner Gemahlin Charlotte geborenen Freiin v. Rothschild (aus der Londoner Linie des Hauses) am 26. Oktober 1836 geboren. Seine Schwestern sind die Freiiii nen Iulie und Mathilde v. Rothschild, beide verwitwet nach Freiherrn v. Rothschild aus der Frankfurter Linie, die dritte. Freiin Luise, vermählt mit Baron Franchetti in Turin, ferner Baronin Alice un vermählt in London. Sein Bruder Albert Freiherr v. Rothschild ist der Chef des Bankhauses S. M. von Rothschild in Wien. Von siebzehn Geschwistern sind nur mehr diese fünf am Leben. Nathaniel Freiherr v. Rothschild war ein als Sammler und Kunstmäcen still für sich lebender Privatmann. Als Wohltäter hat er1 seinen Namen mit einer Reihe hochherziger Wohltätigkeitsakte und Stiftungen verknüpft. Seine körperliche Anlage wies ihm den Weg zu dieser Lebensführung, denn er war in jungem Jahren schon leidend. Fr war zu Frankfurt geboren und in England erzogen und laborierte früh an schmerzhaften Kongestionen zu verschiedenien Organen. Fr machte als achtzehnjähriger Jüngling in Begleitung eines englischen Arztes eine Reise nach Aegypten und Palästina, für welche Länder er nach den ersten lebhaften Jugendeuidnicken auch später grosse Vorliebe bewahrt hat. Sein körperlicher Zustand hatte sich wenig gebessert und mit zunehmendem Alter trotz der. Behandlung durch die hervorragendsten Aerzte der Welt und. der Wanderung nach den berühmtesten Heilstätten so sehr verschlechtert, dass sich der Baron monatelang von jedem Gesellschaftsverkehre ferne hielt und abschloss. Seine Konstitution bestimmte ihn. auch, an der Geschäftsführung des Bankhauses Rothschild keinerlei Anteil, zu nehmen — er lebte zu Hause und auf Reisen allezeit seiner Gesundheit, seiner Kunstliebe und Sammelfreudigkeit, seinen sportlichen Neigungen und der Betätigung seines Wohltätigkeitssinnes. In den achtziger Jahren erbaute sich Freiherr v. Rothschild in. Reichenau-Hinterleithen, unweit von der „Villa Wartholz" des Erzherzogs Karl Ludwig, ein prächtiges Schloss. Als später der grosse Verein entstand, der sich die Errichtung eine!' Lungenheilstätte zur Aufgabe machte, widmete Baron Rothschild seinen Reichenaner Besitz zur Einrichtung eines Tuberkulosenheims. Die Schenkung war schon erfolgt und wäre selbstverständlich mit Freuden, angenommen worden, als sich die Reichenauer Bürgerschaft und Gemeindevertretung dagegen Aussprachen, dass sie in ihrem vielbesuchten Sommerort eine Kolonie von Lungenkranken erhalten sollten. Die Verwahrung geschah einerseits in der Besorgnis, es könnte die Frequenz darunter leiden, andrerseits aus Rücksicht für den Erzherzog, derjnit Familie jahrelang in Reichenau Sommeraufenthalt nahm. Freiherr v. Rothschild zog die Spende zurück, gab als Lrsatz dafür dem Vereine eine sehr ansehnliche Summe, die das Grundkapital zur Errichtung der Heilanstalt Alland bildete, und wid-