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Die Welt · 1905-06-16 · 24 (16.6.1905) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
24 (16.6.1905)
Date
1905-06-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 24 „bie * weit Seite 7 bruch von Feindseligkeiten gegen unsere Volksgenossen mindestens leicht und zur täglichen Erscheinung zu machen .... Und dieses System findet einmütige Unterstützung bei allen Organen der Regierung und bei den Blättern nationalchauvinistischer Richtung., Die „N owoj e Wr e m j a4\ welche sogar am Tage der schrecklichen Katastrophe in der Koreastrasse Zeit und Mut fand, gegen die Juden loszuziehen, brachte eine Meldung aus Odessa, welche an Perfidie und an fiass gegen die Juden nicht zu überbieten sein dürfte. In dieser Meldung erzählte das Blatt, dass Juden in der Nacht vom 25. Mai in den christlichen Friedhof, Abteilung für Militär, eindrangen und dort die Kapelle bombardierten. Nur herbeigeeilten Soldaten sei es gelungen, die nächtlichen Störenfriede zu verjagen. Dieselbe Meldung finden wir auch in dem in Charkow erscheinenden „Suschny K r a j". Die Polizei von Odessa hatte zwar festgestellt, dass die nächtlichem Missetäter auf dem christlichen Friedhofe keine Juden waren, aber niemandem fiel es ein, diese im rechtgläubigen Russland für die Juden gefährliche Meldung zu berichtigen . . . Inzwischen aber wird diese Nachricht von den Antisemiten für ihre Zwecke eifrig fruktifiziert .... Die Polizeiorgane ihrerseits haben in letzter Zeit, offenbar einem Winke von oben gehorchend, die alte Verfolgungspraxis gegen die Juden neuerdings mit grosser Schärfe auszuüben begonnen. Aus Kiew wurden alle Juden aufgewiesen, welche bis jetzt von der dortigen Polizei geduldet waren. Auch die bis jetzt den Juden gewährte Erleichterung, in Kiew auf der Durchreise 48 Stunden verweilen zu dürfen, wurde nun aufgehoben. Die Grausamkeit den Juden gegenüber verblüfft oftmals durch ihre Schändlichkeit. In Petersburg traf vor wenigen Tagen aus dem Niederlassunigsgebiet ein jüdischer Jüngling ein, um dem Leichenbegängnisse seines in einem der dortigen Spitäler verstorbenen Vaters beizuwohnen. In den Augen der Petersburger Polizei ist auch jüdische Kindesliebe ein Verbrechen, daher, überantwortete sie den Juden dem Gerichte, und zwar unter der Beschuldigung, sich in Petersburg ohne Erlaubnis der Behörde aufgehalten zu haben . . . Eine auch auf dem Gebiete der Judenmisshandlung in Russland ohne Beispiel dastehende Episode hat sich jüngst in Siedlec abgespielt. Der dortige jüdische Fuhrmann G r ii nber g, ein älterer und schwerhöriger Familienvater, wurde von einem Offizier zur Reise nach .seinem Garnison- Städtchen bestellt. Infolge seiner Schwerhörigkeit aber hatte Grünberg den tapferen russichen Offizier nicht gut verstanden und die Richtung nicht nach dem Garriiisonsstädtchen, sondern nach Sokolowskoje eingeschlagen. Als der Offizier däesen Irrtum bemerkt hatte, geriet er in Wut und führte den erschrockenen Juden zurück nach Siedlec zum Polizeimeister. Dieser versetzte dem Fuhrmann Grünberg einige Tritte in dia Magengegend . . . Grünberg verlor das Bewusstseiu, aber der Polizeichef liess den „frechen Juden'4 im das Arrestlokal transportieren. Doch im Arreste sassen zwei Trunkenbolde, welche Mitleid mit Grünberg empfanden und die Ueberführung desselben in ein Spital verlangten. Sein Zustand wurde jedoch als derart besorgniserregend erklärt, dass man ihn behufs Vornahme einer Operation nach Warschau schickte. Und nun liegt Grünberg 'im Krankenhause zu Warschau, während seine Frau und Kinder hungern und vergebens die Rückkehr Ums unglücklichen Familienoberhauptes erwarten . . . Das. planmässige Verfolgungssystem drückte sich in den letzten Tagen noch in folgender Tatsache aus: Der Urheber der im „.Regierungsiboten" publizierten falschem Darstellung über die Ursachen der Judenmetzelei im Schitomir hat sich als der Oberstaatsanwalt des dortigen Landesgerichteis erwiesen. Er hat es in seiner amtlichen Eigenschaft unternommen, die Juden zu verleumden, trotzdem der Gouverneur diese Art amtlicher Berichterstattung verurteilte. Und nun kommt erst die Hauptsache: Dieser verleumderische Staatsa in w a 11 wurde mit der Leitung der Untersuchung der Bluttaten von Schitomir betraut.... Man kann sich also denken, welches Material diese Untersuchung zutage fördern wird . . . Sogar jede Kundgebung zugunsten der Juden wird amtlich unterdrückt. Der berühmte russische Hofopernsänger S c h a 1 j a p i m, einer der edelsten Söhne des russischen Volkes, hat in Charkow ein Konzert zugunsten der Arbeiter veranstaltet. Am Schlüsse des Konzertes hielt er eine Ansprache an die Arbeiter, in welcher er in rührenden Worten die Volksgenossen aufforderte, die Juden wie Brüder zu lieben, ihnen nichts böses zu tun, weil sie ebensolche Menschen sind wie alle anderen. Diese Ansprache konnte in den Blättern nicht publiziert werden, weil die Zensur es nicht erlaubt hatte. . . . Was Wunder also-, dass dieses System für die Sicherheit und das Leben der Juden verhängnisvolle Früchte zeitigt. Auf dem flachem Lande, in der Nähe von Berditschew, werden, wie die „Moskowskija Wjedomosti" melden, jüdische Wohnhäuser in Brand gesteckt und Juden überfallen und getötet . . . Und doch hat die ,,N o w o j e W r e m j a" noch den Mut, zu erklären, dass die J uden überall Unruhen stiften, um Vorteile daraus zu ziehen. . . . Das Blatt versichert deshalb, dass die Juden sogar von der künftigen russischen Volksvertretung nichts zu erwarten hätten. Liegt denn nicht darin eine beherzigenswerte Mahnung für unsere Volksgenossen? Gt. P. S. Der dieswöchentliche Bericht war schon geschlossen, als plötzlich die Nachricht von blutigen Exzessen gegen die Juden in Minsk eintraf. Einzelheiten fehlen wohl noch, aber schon aus den vorliegenden Daten ist ersichtlich, dass in Minsk ebenfalls viel jüdisches Blut vergossen wurde. Soldaten waren es, welche jüdische Häuser überfielen und die Juden plünderten und mordeten, wobei sie in ihrer Zerstörungsarbeit Unterstützung bei der Polizei fanden. Als die Juden in ihrer Notwehr einige Schüsse in die Luft abfeuerten, schössen die Polizisten auf die Juden und verwundeten 40 Personen, darunter 16 lebensgefährlich. Die Panik in der Stadt ist unbeschreiblich, die meistem jüdischen Familien liegen in den Kellereien und auf den Hofböden versteckt und wagen vorderhand nicht die Strassen zu betreten. Wir werden über die Bluttage von Minsk noch berichten. Gt. Neue Judenexzesse in Russland. Aus Brest-Litowsk wird berichtet: Sonntag mittags waren etwa zweitausend R e serviste n, die zumeist aus Bessarabien, aus der Gegend von Kischenew stammen, hier eingetroffen; sie sind zur Komplettierung des 19. Armeekorps bestimmt, das nach dem Kriegsschauplatze abgehen soll. Die Reservistein begannen hier ihre Tätigkeit damit, dass sie über die jüdische Bevölkerung, die sich vollständig ruhig verhielt, herfielen, in sechs Gassen deren Läden und Wohnungen demolierten und die Warenvorräte raubten; bis dahin blieb die Polizei durchaus passiv. Als sich schliesslich eine Anzahl Juden g e gj e n die andrängenden betrunkenen Reservisten zur Wehr setzen wollte n, 1 i e s s ein Polizeikommissä i\ der e i n e Patrouille von zwölf Infanteristen befehligte, o h n e jede War u u n g zwei Salven auf sie abgeben. Die Wirkung war furchtbar: 9 Personen wurden sterbend in die Spitäler gebracht, 15 Schwerverletzte nahmen die Hilfe von Privatärzten in Anspruch, ausserdem werden noch etwa 30 leichter verwundete Personen gezählt. Ein junger Jude, D a r e t z k i mit Namen, der tödlich verletzt niedersank und in einer Droschke nach dem Hospital gebracht werden sollte, wurde noch auf der Fahrt von Reservisten misshandelt und starb infolge dieser Ruchlosigkeiten. Gestern wurde er unter grosser Teilnahme seitens der Bevölkerung auf dem jüdischen Friedhofe beigesetzt. Die Beraubung der Wohnungen und der Läden wurde bis in die Nacht hinein fortgesetzt, ohne dass die Uebeltäter daran gehindert oder festgenommen wurden. Die dritte Landeskonferenz der ungarischen Zionisten- (Schluss.) Ingenieur Beregi referiert über Agitation. Er weiss das trockene Thema durch eingestreute Apercus über die gesellschaftlichen Zustände in der ungarischen Judenheit auch für das grössere Publikum interessant zu machen und erntet reichen Beifall. Er empfiehlt Systemisierung der Agitation, Gründung einer Agitationskasse, Stärkung des Parteiorganes, Edierung ungarischer Broschüren. Im Kreise der studierenden Jugend sei die Gründung von Turn- und Fechtklubs notwendig aber auch aussichtsvoll, weil auch in Ungarn schon Juden von Turnvereinen ausgeschlossen werden. E i s e n b e i g - Budapest teilt den des Ungarischen unkundigen Delegierten des Budapester Vereines russischer Arbeiter „Chajole Ziontf den Inhalt des Referates in heb äischer Sprache mit. Dr. Ronai beautragt, mit dem Schekel noch weitrre zwei Kronen für den Agitations- und Pressfonds einzuheben. Nach längerer Debatte, woran sich Dr. Abrahamsohn, Weber, Lebowitsch beteiligten, wird be -

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