Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 24 (16.6.1905)
- Date
- 1905-06-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 „We # weit" Seite 5 vornehmste Grundlage des Zionismus ist vielmehr in der Erziehung in jüdischem Geiste zu suchen, in der Erhaltung und Ausgestaltung der idealen, geschichtlichen Volksgüter, die in einem jüdischen Milieu gewiss leichter und natürlicher Platz, finden können als anderswo. Der Zionismus" hätte aber hiermit auch nur eine in seinem Wesen gelegene ethische Aufgabe erfüllt, wenn er jene Emigration nach der Eichtling zu überwachen übernommen hätte, dass sie national bleibe und die Ansiedler nicht entjudet werden. Geradezu wohltuend nnd grossen nationalen Gewinn bringend wäre es - gewesen, wenn man bei diesem Unternehmen einen Teil unserer nur zu oft in einem Zustande der Ueberschüssigkeit befindlichen Jugend aus den gelernten Berufen, Lehrern, Technikern, Chemikern, Agronomen, Geometern etc. zum Pionierdienste verwendet hätte, in deren Seelen eine unendliche Summe von Opferfreudigkeit und grosse Schätze von idealem und ethischem Wollen aufgespeichert sind, die ungenützt bleiben, die wir aber sonst mit schwerem Herzen aus der Bewegung in dem Momente verschwinden sehen müssen, wo sie die ersten Schritte in den Lebenskampf hineintun, und mit Unrecht der Gefühlsuntreue bezichtigen, wenn wir ihnen nicht innerhalb der Bewegung Beschäftigung und Lebensberuf bieten können. Sowohl bei positivem als bei negativem Resultate der Expedition hätte man so in der jüdischen wie in der nichtjüdischen Welt den Gegnern, ein Paroli bieten und ihre Anklagen wegen Ideologie oder Träumerei verstummen machen können. Nun trat aber etwas ein, was wenigstens die anderen gerade bei den Juden für nicht möglich gehalten halten. Die als Realisten verschrieen und als mit praktischem Sinn begabt gepriesenen. Söhne Israels fingen an Ideologie zu treiben und über Prinzipien zu streiten, wo es sich um Lebensfragen handelte. Die östlichen Zionismen, speziell die Russen, die infolge ihrer Bedrückung und Umgebung dem geraden Wesen der Westler seit jeher mit wenig Vertrauen entgegenkamen nnd von denen manche mit einem besonderen Sinn, für Verratsrieeherei begabt erscheinen, deren Vertrauen aber durch jahrelange ehrliche, zum Teile erfolgreiche, aber immer selbstlose, opfervolle Arbeit nur sehwach gewonnen war, zeigten einen, bedauerlichen. Rückfall in die Verdächtigungssucht. Andere unter ihnen waren kurzsichtig und fürchteten in der Tat, dass dem Zionismus Abbruch geschehen, könnte. Wieder andere sind vermöge ihrer ideologischen Anlage und vermöge der Lust, theoretische Grübelei und theoretischen Streit zu pflegen, als Rufer in dem Kampf um das Prinzip aufgetreten. Alle zugleich aber wurden von einer gewissen Gattung zünftiger und Gelegenheitsjournalisten, die einen willkommenen Anlass zu billigen'Deklamationen und leichtem Bekanntwerden fanden, systematisch verhetzt. Selbst ein sehr verdienstvoller, hochgeachteter, sonst streng logisch denkender und 'schreibender hebräischer Schriftsteller, der aus empirischen Motiven und unbestechlich klaren, durchdringenden Vernunftgrlinden sich in eigenartiger Weise zu einer Art politischen Zionismus zu einer Zeit durchgerungen hatte, als von diesem nicht einmal noch geträumt wurde, der aber eine alte Rechnung mit den Führern des politischen Zionismus auszutragen hatte, fand, es an der Zeit, im „Häsehiloaeh" mit einem Artikel aufzutreten, in welchem er jeneträgische Szene zum Ausgangspunkte seiner Betrachtungen, nahm, in welcher ein Teil der östlichen Delegierten einen Beratungssaal des Baseler Kasinos zum „Platze vor der Klagemauer^ vrwandelten, wo einige hysterische Damen in Olmmacht fielen und es vereinzelte Westler einer gewissen, seither sanft verschiedenen Parteirichtung als würdig erachteten, mit in den Weinchorus einzustimmen und die deprimierten. Gemüter in dem Wahne zu bestärken, dass nun wirklich Jerusalem zum. dritten/ Male in Feindesland gefallen sei. Im genannten Artikel kam der verehrliche Schriftsteller, diesmal mehr auf dem Pfade von Gefühlsgründen als auf der geraden Linie der Logik, zum Schlüsse, dass den Weinenden-erst durch ihre Tränen die Schuppen, von den Augen und damit ihre Verblendung weggeschwemmt -wurden und sie erst jetzt — natürlich zu spät — zur Einsicht kamen, dass ihr Zionismus längst seines Inhaltes entleert worden sei ... ' Das war Oel ins Feuer und die Wirkung all dieser zusammenwirkenden Geschehnisse musstc natürlich eine unheilvolle werden. .Xicht nur die Führer im Westen, wurden unerhörten grundlosen Anwürfen, ja niedriger Verleumdung unterworfen, sondern sämtliche westindischen Zionisten wurden geradezu als Verräter stigmatisiert. Jetzt, hiess es, haben sie ihre wahren Absichten gezeigt, jetzt haben sie sich entpuppt. In der so geschaffenen Atmosphäre trat man dann, im Xamen der Idee, gegen den Kon gross auf und gegen das ohnehin nicht stahl feste Organisationsgebäude wurden wuchtige Schläge geführt. Selbst Generäle der Bewegung wurden, zu Meuterern. Sie wurden aber von einem bestimmten Kreise aus, den ich naher zu beschreiben nicht nötig habe, hierzu immer mehr ermutigt und. als ein sonst treuer Gesinnungsgenosse sich mit einem das Ansidien der Bewegung schwor schädigenden. Aufruf an. die Ocffeii.ilichkeil; wendete.wurde aller Welt verkündet, dass man die „ehernen Schritte der Opposition schon vernehme", welche das Gottesgericht über die Westler herabzuboschwöreii und. deren Untreue zu bestrafen berufen sei. Und so wurde Zwietracht und Misstrauen gesäet und ein Terrorismus in Szene gesetzt, der nicht nur zum Widerspruche, sondern geradezu zum Trotze herausfordern musste. Gegenüber dem Ostrazismus Weniger, der es sich herausnahm, über die Jasager das Anathema zu. sjpre/ehen und jeden noch so verdienten Gesinnungsgenossen, wenn er nur nicht dem Ugandaprojekte mitfluchte, als Abfälligen zu verdammen und ihm. als Unzuverlässigem die Zugehörigkeit zur Gesinnungsgenossenschaft und. zum Zionismus abzusprechen, entwickelte sich, wie einst der Sanseulottismus, das, was die Eiferer zu einem Schmähruf stempelten, zu einem System — zum Ugandismus. Dieser ist freilich noch zionsf roundl ich gewesen und. trat auch nicht unbescheiden, auf. Seine Anhängel1 wollten durchaus nicht auf Palästina, verzichte]], suchten auch nicht Mängel in der Idee und deren Ausführung, sondern erklärten, dass sie, der Not gehorchend und nicht dein eigenen Triebe, eine Zufluchtsstätte für diejenigen niitgründen helfen, wollen, die nicht warten, können, bis das Endziel als „in absehbarer Zeit"' erreichbar sieh erweisen wird. Gegenüber den unausgesetzten Anfechtungen wussten auch sie auf gewisse Güter hinzuweisen, die durch, eine freie Heimstätte für den. jüdischen. Nationalismus zu erringen wären. Die einen stellten sich geradezu auf einen sogenannten praktischen Standpunkt, dass mau doch das Land, nicht über das "Volk stellen könne und dürfe, indem ja auch unsere Weisen in der alten schweren Zeit, gerade um das Volk zu erhalten, den. fortwährenden Aufrühren,, den Gut und Blut umsonst verzettelnden Empörungen zur Rückeroberung des Landes mit religiösen. Gründen entgegentraten und tatsächlich so das Judentum erretteten. Gegenwärtig sei wieder eine ähnliche Erscheinung in der Geschichte des jüdischen Lebens, dass das Volk schier dem Untergange nahe ist. Es fallen die einen ab aus Mangel, an Kenntnis ihres eigenen Volkes, aus Assimilationssueht, die anderen aus bitterer Not und: die Verbleibenden müssen verkommen und verelenden, so dass, wenn man nicht