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Die Welt · 1905-06-09 · 23 (9.6.1905) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite \\ „kl* o weif1 Nr. 23 In C i n c i n n a t i hat eine neue zionistische Zeitschrift unter dem Titel „The Cincinnaü Zionist** zu erscheinen begonnen. Das Blatt repräsentiert sich trotz seines bescheidercn Urnfanges sehr hübsch und erscheint einmal im Monat als Organ des „Ohavey Zion, Gate Nr. 90, Knights of Zior \ 'm ersten Artikel des ersten Heftes werden die Leser nrt den leitenden Gedanken von Leo Pinskers „Autoemanzipation" bekanntgemacht. Im „American Israelite" (Cincinnati), der wohl zu den journalistisch bestgeleiteten englisch-jüdischen Blättern Amerikas zählt, bringt Herr Horace Wolf wieder die Missionstheorie vor, nachdem er den Zionismus in einigen sympathischen Worten als philanthropische Bewegung für die verfolgten Juden Russlands bezeichnet hat. Es ist wohl unnötig, nochmals gegen solche Sympathien zu polemisieren. —r. Der „Jewish Comment", der als Wochenschrift an jedem Freitag in Baltimore erscheint, feiert das Jubiläum seines zehnjährigen Bestandes mit einer lesenswerten Festnummer. Wir werden auf den Inhalt dieser Nummer, die vom 26. Mai datiert ist, noch zurückkommen. —r. Wie der „Jewish Exponent" (Philadelphia und Baltimore) meldet soll das Komitee, das die Zusammenkunft der amerikanischem zionistischen Federation für die Zeit vom 16. bis 20. Juni in Philadelphia festgesetzt hat, beabsichtigen, bei dieser Gelegenheit eine Ausstellung vonWerken jüdischer Künstler zu veranstalten. Es sollen bereits Anmeldungen vorliegen. Nach demselben Blatte hat sich an der Harvard-Universität ein Zionsverein gebildet, der die Förderung der jüdischen Geschichte und Literatur und des freundschaftlichen Verkehres unter den jüdischen Studenten der Harvard-Universität anstrebt. —r. Feuilleton Tikun. Von David Rothblum. Eine herrliche Juninacht. Heilige Ruhe ist über dem ganzen Städtchen gelagert. Der liebe Himmel mochte schon längst vergessen haben, was mit ihm vor Jahrtausenden vorging, als die herrlichste Erscheinung 'aller Wunder unter Donnergrollen und Blitzesleuchten sich den Augen des der Sklaverei entronnenen Volkes darbot. Er schaut jetzt so freundlich und ruhig und heiter auf das schlafende Städtchen, als würde er keinen Nebelschleier kennen, als hätte nie ein Ungewitter in seinen Regionen getobt. Vollkommene Windstille. In keiner Strasse spürest du einen Hauch. Soll sich vielleicht das merkwürdige Schauspiel nochmals wiederholen? Wie heisst nur die wunderschöne Stelle in jenem alten Folianten? „Als der Prophet mit donnernder Stimme die zehn Gebote verkündigte, da hielt das Weltall-, in seinem Getriebe inne. Kein Stern bewegte sich. Die Tiere hielten inne in ihrem Laufe, der Vogel im Fluge, die Pflanze im Wachstum. Alles war regungslos in der heiligsten Erwartung Doch die Weichsel, diese alte Heidin, zerstört die IlLusion. Man hört sie auf hundert Schritte plätschern. Und immer dasselbe Getöse. So machte sie es vor hundert Jahren und so wird sie es nach hundert Jahren machen. Als der Jordan ver;* nahm, dass das arme, gedrückte Volk aus Mizraim hocherhobenen Hauptes ziehe, da stutzte er einen Augenblick und floss nach rückwärts. Die Psalmen erzählen es. Was für eines Wunders hätte es bedurft, um die Weichsel zum Rückfluss zu bringen? Die Häuser des Städtchens stehen wie regungslose Massen, lichtlos und ohne Bewegung. Die jüdischen Bürger ruhen bereits in den Armen des Gottes, der alles vergessen mächt. Nur die Frömmeren und Edleren, die die irdischen Genüsse ihrem Seelenheil opfern, schlafen nicht in dieser welthistorischen Nacht. Diese .flüchteten sich in jenes ebenerdige Haus, das an der Strassenecke so bescheiden steht, in das Beth-Hamidrasch, wo sie die ganze Nacht die Bibel lesen und den Tikun beten werden, zum Danke dafür, dass ihnen dieses Uchtspendende und allerheiligste Buch gegeben ward. Man findet in dieser grossen Stube Greise, denen die Barte silberweiss über die Brust wallen, schwarzbärtige Männer in ihren besten Jahren und Jünglinge mit merkwürdig ernsten Gesichtern. Keiner entweiht die Feierlichkeit der heiligen Nacht. Alle sind sie über die Gebetbücher und über die Bibeln gebeugt, darin gegen ihre Gewohnheit still lesend. Sie finden fast alle in diesen Blättern den Trost, den ihnen das Leben versagt hat . . . In der Ecke des Beth-Hamidrasch sitzt ein Jüngling und blickt gestützten Hauptes \n die Bibel. Sein Gesicht ist bleich und seine Augen glühen. Er ist der tüchtigste aller Bachurim. Er hat schon manches „auswärtige" Buch gelesen, hat auch in die Geheimlehre hineingeblickt, ohne dass seine Frömmigkeit nur im geringsten berührt worden wäre. Er liest schon seit einer Stunde in der Bibel und noch nie in seinem Leben befand er sich in einer solch gehobenen, verzückten Stimmung als heute. Gott, wie recht hatten doch unsere Weisen, als sie sagten, es gäbe nichts, das in der heiligen Schrift nicht enthalten wäre! Er liest die Schöpfungsgeschichte. Jedes Wort erinnert ihn an eine Talmudstelle. Manches ist dunkel, man darf aber auch nicht allzuviel grübeln. „Und am sechsten Tage erschui er den Menschen." Natürlich. Sonst würde sofort der freche Erdensohn gesagt haben, er hätte mit dem Ewigen an der Schöpfung teilgenommen. Abraham. Was für ein Mann! Und Gott sprach zu ihm: Bringe mir deinen Sohn, den einzigen, den du liebst, zum Opfer. Und er gehorchte, ohne mit der Wimper zu zucken. Wie sich der blinde Isak durch die List seines Sohnes täuschen lässt. Alles Bestimmung Gottes. Und die Leidensgeschichte Jakobs. Gibt es etwas, das im menschlichen Leben vorkommen könnte und in der heiligen Schrift nicht verzeichnet wäre? Der Jüngling atmet tief. Der greise Jakob liegt auf dem Sterbebette in Mizraim und ersucht seinen allgewaltigen Sohn, den Vizekönig, seine sterblichen Ueberreste nach Palästina zu führen. „Und ich, als ich aus Paddan zog, verlor deine Mutter Rahel auf dem Wege. Ich begrub sie in Beth-Lehem, auf der Strasse, die nach Ephrat führt ... 4 Der alte Patriarch mochte bei diesen Worten seine letzte Träne dem Andenken seiner Jugendliebe geweiht haben. Und der Jüngling weiss viel mehr als' der Patriarch auf seinem Todesbette gewusst hat. 0, sie musste ja in Beth-Lehem sterben. Denn einst sollten ihre gedrückten und ihres Landes beraubten Kinder an der Strasse von Beth-Lehem ihr Grab aufsuchen und die alte Mutter aus dem ewigen Schlafe rütteln, auf dass sie den allgütigen Vater um Schutz anflehe und um Hilfe für ihr Volk! Der Jüngling liest weiter. Es folgen die schmählichen Bedrückungen in Aegypten. Er denkt zurück. „Vierhundert Jahre soll deine Nachkommenschaft in ägyptischer Sklaverei liegen," sprach der Ewige zu Abraham. Ja, warum? Was hat denn Abraham verbrochen, dass diese fürchterliche Strafe über seine Kinder kommen sollte? Was ist das für eine Gerechtigkeit? Er erschrak über diesen Gedanken. Er richtete energisch sein Haupt empor und blickte schweren Herzens in die Bibel. Moses. Wiederum ein Mann. Dieser Mut, diese Unerschrockenheit, diese Selbstüberwindung. „Schicke mein Volk aus deinem Lande, sonst schlage ich dich und die deinigen mit argen Plagen." So sprach ein Jude zu einem König. Und der König gehorchte nicht. Da ward das Wasser zu Blut. Es kamen Frösche, Ungeziefer, das Wild des Waldes und andere Flägen, von denen die Menschheit keine Ahnung hatte. Urd immer blieben die Juden verschont. Wunder Gottes! denkt der Jüngling. Und dann starben die Erstgeborenen. Jetzt erst jagte man sie aus dem Lande. Wozu denn eigentlich so viele Wunder? Hätte nicht e i n grosses, starkes Wunder genügt, um sie aus dem Lande der Sklaverei zu führen? Wozu betörte der Ewige nach jeder Plage den Verstand des ägyptischen Königs? Der Jüngling reckt seine Glieder. Was ist denn für ein Geist heute in ihn gefahren, dass ihm Gedanken und

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