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Die Welt · 1905-06-09 · 23 (9.6.1905) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. id O Weit' Seite 15 Fragen einfallen, die die Bücher unserer Weisen längst beantwortet haben? Warum ist es ihm so, als wenn es auf all diese Fragen keine Antwort gäbe? Er schliesst für einen Augenblick die Augen, um sie wieder zu öffnen und sich in die heilige Schrift zu vertiefen. Wieder ein Wunder. Die Juden ziehen durch das Rote Meer. Dann sollen sie vierzig Jahre durch die Wüste wandeln, damit das schwache, niedrig gesinnte, an die Sklaverei gewöhnte Geschlecht in der Einöde zugrunde gehe und nur eine gesunde Nachkommenschaft in das gelobte Land einziehe. Und auf der Wanderung wurden sie mit dem Kleinod der zehn Gebote beschenkt. Das geschah ja in dieser Nacht. Der Jüngling denkt nach: Das muss ein Anblick gewesen sein! Leviticus. Lauter Opfergesetze. Für jedes Vergehen ein Opfer. Brandopter, Friedensopfer, Speiseopfer. Der Jüngling denkt nach. Wenn diese Opfer so deutlich gefordert werden, wie konnte nur jener unvergesslichste aller Propheten in der Ekstase seiner Prophezeiung den Ausruf tun: „Wozu eure Opfer, ihr Sodomiten? Ich mag keine Widder und keine Schafe, weder Ochsen noch Lämmer! Eure Feiertage sind mir zur Last! Dem Worte Gottes folget! Mit euren bösen Taten fort! Ich brauche keine Opfer!" „Gott will keine Opfer, Gott will das Herz," sagte Samuel. Und ein berühmter Gelehrter meint, der Opferkultus wäre nur eingeführt worden, um die Masse, die sich über das Alltägliche nicht zu erheben vermag, in ihrem Glauben zu betätigen. Denn die Leute müssen in eine körperliche Beziehung bringen, was sie im Geiste verehren. Dass die Propheten und die grossen Gelehrten die Worte der heiligen Schrift so zu deuten wagten! Sie waren eben grosse Geister — wozu darüber nachdenken . . Blutwellen steigen ihm zu Kopf und er liest weiter. Er liest andächtig und lässt jeden aufkeimenden Gedanken ersticken. „Da spaltete sich die Erde und liess in ihrem Rachen Korah und seinen ganzen Anhang verschwinden." Er liest rasch und leidenschaftlich weiter, immer weiter, nur weiter . . Er weiss selbst nicht, wie es gekommen ist, er ist mit der Bibel zu Ende. Das fünfte Buch pflegte ihm immer amSchebuothabend die grösste Freude zu bereiten, in seiner Kürze und seinem poetischen Schwung. Der Mann, der die Masse zu einem Volke gestaltet hatte, wiederholte vor seinem Tode seine besten Lehren und liess die Vergangenheit seines Volkes Revue passieren. Und er sagte die Zukunft voraus, die er mit seinen eigenen Augen nicht schauen durfte . . . Der Jüngling liest. Er hat nichts von all den Schönheiten diesmal empfunden. Und er ist schon bei den letzten Kapiteln. „Und Moses schrieb diese Bibel nieder und gab sie den Priestern ..." Auch sein letztes Lied schrieb er nieder, seinen Schwanengesang. „Und Moses, der Knecht Gottes, starb im Lande Moab auf des Ewigen Befehl. Und man begrub ihn im Tal, im Lande Moab, gegenüber Beth-Peor, und kein Mensch kennt sein Grab bis auf. den heutigen Tag.' Noch einige Zeilen, dann schlägt er die Bibel zu. Er erhebt sich, um sich bald wieder zu setzen. Seine Augen glühen unheimlich. Er fährt mit der Rechten über die Stirn. Er schlägt abermals hastig die Bibel auf. „Und Moses schrieb die Bibel —" „Und Moses starb ..." Ist das möglich? Wie wird er das selbst geschrieben haben? „Und niemand kennt sein Grab ..." Wie wird er das selbst geschrieben haben? Es ist ihm so schwül, dass er nicht recht denken kann. Dieses Buch ist ja die Quellealles Wahren. Das ist ja der Boden, auf dem sein ganzes Sein aufgebaut ist. Dieser Boden — schwankt er? „Und Moses schrieb die Bibel —" „Und Moses starb . . .4i Er erhob sich rasch und durchmass das Beth-Hamidrasch mit seinen Schritten. Die Betenden schauten auf. Und abermals setzte er sich nieder. Grosse Schweisstropfen traten ihm auf die Stirn. Gebrochenen Blickes schaut •er auf die Bibel. Dieses Buch — er konnte sein Leben damit identifizieren. Ihm ist es ja etwas ganz anderes, als es der ganzen Menschheit ist. In diesem Buche konzentrierte sich sein ganzes Fühlen und Denken. Auf dieses Buch gründen sich ja jene grossen Folianten, die ihm von der Höhe der Stube zuwinken. Und nun soll es in diesem Buch einen unaufhörlichen Widerspruch geben, eine Unmöglichkeit? Uebermenschlich strengt der Jüngling sein Gedächtnis an, ob ihn nicht irgend eine Talmudstelle aus diesem schmerzvollen Zweifei retten könnte. Richtig. „Und Moses starb — Gott diktierte ihm die Worte in die Feder und der Prophet schrieb sie weinend nieder ..." Die Stelle steht ihm deutlich vor Augen, er sieht jeden Buchstaben, aber seine Erregung hat sich nicht gelegt. Ein Hauch von Unwahrscheinlichkeit weht ihm aus dieser Erklärung entgegen. Und die Bibel liegt noch immer offen. Und drin steht zu lesen: „Und Moses schrieb die Bibel —4 „Und Moses starb ..." Ein unsäglicher Schmerz drückt ihm die Brust zusammen. Er weiss, wie gross die Sünde eines Zweiflers ist . . . aber wie ist das möglich? Es war ihm, als wenn etwas Würgendes an seinem Körper kinanschliche. Es würgte ihn gewaltig. Im Beth-Hamidrasch herrschte eine tiefe Stille, jeder blickte in seinen Tikun. Und der Jüngling rang mit einem unseligen Dämon, der an seiner Seele riss ... Und als ein Streifen Morgenrot durch das Fenster blickte, war er ganz erschöpft. Er warf sich auf die Bank und schluchzte. Und als er keine Tränen mehr hatte, war es in seinem Kopfe ganz hohl . . . Briefkasten. Joh. Guttzeit, Wohlau. Dass Sie kein Antisemit sind und dass eine im Jahre 1903 veröffentliche Noliz dies fälschlich behauptet, dürfte ursere Leser zu wenig interessieren. Ihr „Eingesendet" sei hiermit bestätigt. Dr. Ch. Wortsmann. Wir bestätigen den Empfang Ihres Schreibens. An die österreichischen Zionistenl Wegen räumlicher Unzulänglichkeit des „Zion" musste <1i» Redaktion der „Welt" viele Nachrichten aus der Bewegung zur Veröffentlichung übernehmen. Wir bitten aber zur Kenntnis zu nehmen, dass das Material wegen seiner Ausdehnung nur allmählich abgestossen werden kann. Zentralbureau für jüdische Auswanderungsangelegenhetten. Wir habeo das auch bemerkt. Der Artikel „Die Landung der Auswanderer in Amerika" erschien in Nr. 4 Ihres Korrespondenzblattes. H. Sch.. Breslau Besten Dank für Ihre Nachricht. Dr. Kaufmann, Kassa. Briefliche Antwort nach Schewuoth. „Zion", Wien. Die Nachricht ist natürlich unwahr. Das wird erst der Kongress entscheiden und vielleicht nicht nach dem Wunsche des betreffenden Zeitungsschreibers. ^^HIH^MHMMMHBn^^HH Meine geliebte Mutter Frau JEANETTE STEINER ist am 9. Mai d. J. im Alter von 77 Jahren in ein besseres Jenseits abgerufen worden. Da ich zu jener Zeit auf See war, komme ich erst heute in die Lage, hiervon gebührerde Mitteilung zu machen. Wien, im Juni 1905. jfe inrieh (fork) $teiner. SPENDEN lir 4cu Natioialfoitfi: Zur Verlobung N. Ratsprecher, Nadworna, mit Frl Elsa Schifter, fctarunia: N. Ratsprecher 1.—, B. Brauner, L. Weinberg, Ch. Kleinmann, P. Abosch, Sch. Heller k 0.50. Kleinmann............... 3.50

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