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Die Welt · 1905-06-09 · 23 (9.6.1905) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 23 „bl* & WtItÄÖ Seite 13 London. Sonntag den 4. Juni fand in London der Schekelteg der englischen Zionisten statt. Die englische zionistische Federation hatte Herrn Dr. Alexander Marmorek (Paris) gebeten, die Tendenzrede zu halten. Dr, Marmorek sprach vor einer grossen Menschenmenge von über 2000 Personen, die seine Ausführungen mit enthusiastischem Beifalle aufnahmen. Ausser den Mitgliedern der Exekutive der englischen Federation war auch Herr D. Wolffsohn speziell zum Schekeltage nach London gekommen. — Montag den 5. Juni fand in Manchester eine Versammlung statt, in der ebenfalls Herr Dr. Alex. Marmorek sprach. Personalnachrichten. Am 29. Mai fand in Krakau die Verlobung unseres Gg. Herrn Nathan Schönfeld mit Frl. Regina Cellnik statt. Todesfall. Unser geschätzter Gesinnungsgenosse, der bekannte zionistische Schriftsteller, Herr H. York-St e i n e r, hat einen herben Verlust erlitten. In Szenicz (Ungarn) starb vorige Woche seine Mutter im Alter von 77 Jahren. Der schmerzerfüllte Sohn weilte zur Zeit im Auslände und konnte bei dem unter grosser Teilnahme der Gemeinde stattgehabten Leichenbegängnisse der wegen ihrer vielen Tugenden hochgeachteten Frau nicht anwesend sein. Herrn York-Steiner gingen aus diesem traurigen Anlasse aus allen Kreisen und speziell von zionistischer Seite Beileidskundgebungen zu. Bücher- und Zeitschriften-Rundschau. Heinrich V o 11 r a t Schumacher, „Berenice", Roman. Verlag W. Urbach & Co., Leipzig-B. 1905. Der Gattung jener Mischung von viel Altertumswissenschaft und wenig Poesie enthaltenden Romanen angehörig und lebhaft an die Professorenromane eines Ebers und Dahn erinnernd, bietet der Roman manche packende Szene. So. z. B.: Der Brand des heiligen Tempels, die Zerstörung Jerusalems, die Kampfszenen der gefangenen Juden ri.it den wilden Tieren in der Arena etc. Stellenweise gemahnt die plastische Schilderungskräft des Verfassers an Sienkiewicz' berühmtes Buch „Quo vadis Damit sind alle Vorzüge und Fehler beleuchtet. Hervorragend sind Meister W. Gruse's herrliche Illustrationen. na— In ihrer Nummer vom 27. Mai berichtet die „Frankfurter Zeitung" einige „zuverlässige Einzelheiten über "die Judenhetzen in Schitomir". Schon zwei Wochen vor dien Exzessen hatten mehrere Stadtverordnete der Duma von Schitomir ein Memorandum überreicht, welches über die Vorbereitungen zur Juden- Ii etze berichtete und um Abhilfe bat. Vergebens natürlich! Der Korrespondent berichtet nun wahrhaft schauerliche Einzelheiten des Gemetzels am Sonntag und Montag und erzählt zum Schlüsse: „Am Dienstag setzten die Plünderer ihr Werk noch immer unbehindert fort. Es liess sich nicht absehen, was noch alles kommen konnte. Da entschloss sich eine Anzahl der Juden zum letzten Mittel. Von einer tausendköpfigen Menge begleitet; .gingen sie zum Gouverneur und forderten, er solle im Laufe einer Stunde den barbarischen Ausschreitungen ein Ende bereiten, widrigenfalls die Juden gezwungen seien, wahllos über jeden Christen herzufallen, der ihnen in den Weg käme. Einer aus der Menge drohte, den Gouverneur, falls er keine energischen M.assregeln. ergreifen sollte, als ersten Christen umzubringen. 'Das wirkte. Jetzt gab endlich der Gouverneur 'Befehl, zu .schiessen, wenn jemand Widerstand leisten sollte. Kaum hatten Offiziere und Mannschaften diesen Befehl erhalten, der sich im Augenblick in der ganzen Stadt verbreitete, als alle Plünderer wie von der Erde verschwunden waren. Jemand hat gehört, wie der Polizeimeister den Plünderern zurief: „Na, Kinder, heute gibt's nichts mehr zu tun. Man hat den Befohl erteilt, zu schiessen. Geht nach Hause!" Ein Befehl des Gouverneurs hätte genügt, das bestialische Morden unschuldiger Menschen zu verhindern und dieser Befehl ist erst gegeben worden, nachdem Ströme von Menschenblut geflossen sind! Das bekannte Communique der Regierung im Amtsblatt, dem „Regierun£sanzeiger", hat mit seiner Entstellung von Tatsachen in Schitomir, wie überall in Russland, einen Sturm der Entrüstung entfesselt. Selbst der Gouverneur sah sich veranlasst, dem Minister des Innern einen widerlegenden Bericht' zugehen zu lassen. 27 Professoren der Universität Odessa haben der Redaktion der juristischen Wochenschrift „Prawo" folgende Erklärung, zugehen lassen: „Die im „Regierungs-Anzeiger" veröffentlichte Erklärung der Ursachen der schrecklichen Vorgänge in Schitomir, die auf den Berichten der Gouvernementsbehörden beruhen und weder vom Gerichte noch den Vertretern der örtlichen Bevölkerung verifiziert sind, können kein Vertrauen einflössen. Solche Mitteilungen erregen den Natioualitätenhass und bedrohen die öffentliche Sicherheit im höchsten Grade.4' Es folgen die 27 Unterschriften. —r. In der „Deutschen Monatsschrift" (IV., 7) lässt sich der bekannte Lyriker und Literat KanL Busse gelegentlich der Besprechung Th. Fontanes nachgelassener Schriftein folgendermassen über das moderne „Judentum in der deutschen Literatur" aus: „Wer liest unsere Bücher, wer geht in die Kunstausstellungen, wer füllt die Theater? Juden. Aber nicht nur, weil sie Geld haben, sondern weil sie von Natur aus einen ungeheuren Respekt vor jeder geistigen und schöpferischen Kraft besitzen, der dem Preussentwn fehlt. Es ist höchst naiv, sich zu verwundern, dass die deutsche Intelligenz sich lieber dorthin wendet, wo man sie respektiert, als an eine Stelle, für die jeder Leutnant vor dem Dichter rangiert und jeder Hofbericht wichtiger ist als die glänzendste Kunstkritik." Das sind selbst - bekennende mannhafte Worte, aber der Erfolg bleibt abzuwarten, na— In der „Politiken" befasst sich Georg Brandes anlässlich des hundertsten Todestages des dänischen Dichters Andersen mit den jüdischen Frauengestalten bei Andersen. In der Erzählung „Das Judenmädchen" könne man die erhabenen ethischen und religiösen Ideale des Judentums wiedererkennen. Merkwürdig sei, dass bei Andersen alle Erauengestalten aus dem Süden Jüdinnen sind. In seinem Roman „Sein oder Nichtsein" ist die Heldin die junge Jüdin Esther, die als ihre Mission die Beschützung der Rechte höherer geistiger Grösse gegenüber dem philosophierenden Unglauben Von Niels B r y d e, einer anderen Figur des Romanes, erachtet. Im letzten Hefte des „L'Echc Sioniste" polemisiert Herr M. W. S c h a b o t i n s k y mit Mr. Qreenber g, indem er sich gegen dessen Standpunkt in der Ugandafrage wendet. Mag nach der Entscheidung des grossen A.-C. die Frage fast aufgehört haben, aktuell zu sein, da alle Ugandisten doch selbstverständlich einen günstigen Bericht der Ugandakoinmission voraussetzten, so verdient der Artikel doch Erwähnung. Herr Schabotinsky rückt nämlich dem Ugandaprojekt ausschliesslich mit politischen Argumenten an den Leib und sagt, in Uganda hätten die Juden einen geringeren internationalen Einfluss als heute. „Um unser Ziel zu erreichen," m^int Schabotinsky, „müssen wir unsere Kräfte vergrössern, dies aber habe zu geschehen durch unsere Organisation, durch Wiederaufrichtung unserer Würde und durch einen unermüdlichen Kampf für usnere sozialen, ökonomischen und kulturellen Interessen." Im „Rozvoj" (Nr. 22) zieht Max Lederer, der bekannte „Führer" der tschechischen Assimilantenpartei, in einem Leitartikel die Bilanz der letzten zehn Jahre und beginnt mit dem gewiss tristen und charakteristischen Satze: „Wir stehen wieder dort, wo wir vor zehn Jahren standen," und bittet endlich einmal, ihn und Konsorten tschechische rseits als Vollbluttschechen anzusehen und die Religion als Privatsache des einzelnen zu betrachten. Der Verfasser ist sich wohl der Kläglichkeit und unfreiwilligen Komik seiner Rolle nicht bewusst, denn sonst würde ihn die nächste Seite Moral lehren, wo er selbst erzählt, dass man — das alte Lied — wohl Gelder für den Bau tschechischer Turnhallen von Juden anstandslos nimmt, ihnen aber — wie es in jüngster Zeit vielfach geschehen — den Eintritt in die Garde Wenzels nicht gestattet. Diese Praxis, verehrter Herr Lederer, ist international — nur muss man auch die nötigen Konsequenzen ziehen. na— Die allgemein-jüdische Wochenschrift „Cronica Jsraelita" (Bukarest) sucht die Behauptung der „Vointa Nationala" zu widerlegen, dass der Zionismus ein Ausfluss des internationalen Charakters der Juden sei und infolgedessen den nationalen Interessen Rumäniens entgegenarbeite. Dabei wendet die „Cronica" — da der Antisemit niemals Recht behalten darf —- eine merkwürdige Beweisführung an:,l. Der Begriff „Nationalismus" sei ein Produkt der modernen Zeit, infolgedessen — gab es keine Nation im Altertum und Mittelalter und in einem grossen Teile der Neuzeit. Und nun der merkwürdige Schluss: Wenn die Juden also'in ihrem Lande keine Nation bildeten, so können .sie dies jetzt um so weniger sein. Sie können also keine nationalen. Interessen haben, die denjenigen der Rumänen entgegen sein, sollten, können aber auch nicht international sein. 2. Die einzigen gemeinsamen Interessen, die die Juden hätten, wären bloss die religiösen. Der Zionismus könne also nur ein Ausfluss des religiösen Gefühles sein und in der Tat sei auch der Zionismus eine religiös -politische Bewegung". Wenn die „Cronica" nicht vom Standpunkt ausgegangen'wäre, die „Vointa" dürfe nie recht haben, sie hätte nicht geleugnet — woran sie doch selbst glaubt — den eigenen jüdischen Charakter der Juden, sondern hätte auf die Rumänen in Siebenbürgen hingewiesen, die der rumänischen Nation angehören und doch nicht den Interessen Ungarns entgegenarbeiten müssen. Dann wäre aber auch nicht der Zionismus vom Redakteur zur religiös-politischen Bewegung gemacht worden! Z. S. Makcbcth.

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