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Die Welt · 1905-06-09 · 23 (9.6.1905) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 „Ol* O W^lt Nr. 23 Angriff nehmen wird, weist der Verbandstag zionistischer Studentenkorporationen Oesterreichs auf die Gefahr hin, welche die Nichtbeachtung des § 4 unseres Programmes bildet, hebt mit Nachdruck hervor, dass die Erlangung von ökonomischen mit der von politischen Ivo m- Zessionen Hand in Hand gehen m ü s s e. — In der Ueberzeugung, dass der Zionismus für die jüdischen Massen geschaffen ist, erklärt der Verbands tag, dass der de ni o k r atische Charakter der zionistischen Institutionen g e w a h r t und denjenigen P r i v a t u n t e r n e hm u n g e n, die nicht zugleich den jüdischen arbeiten d e n Massen zugute kommen, die Unterstützung der zionistischen Organisation verweigert werden müsse. . Die Ausführungen des Referenten wurden mit lebhaftem Beifall aufgenommen, die Resolutionsanträge nach längerer Debatte a n g e n o m m e n. Nachmittags wohnt der Sitzung A.-C.-Mitglied Dr. Leopold Kahn bei. Namens der Präsidialkorporation hält Del. Freud den Rechenschaftsbericht. Eine erspriessliche Tätigkeit des Verbandes habe infolge der geringen pekuniären Unterstützung von Seiten der Vereinigungen nicht erfolgen können. Die vom I. Verbandstage beschlossene Herausgabe von Broschüren habe aus diesem Qrunde unterbleiben müssen. Auch hätten andere Aktionen wegen Nichtbeantwortung der bezüglichen! Rundschreiben von Seiten der Vereine nicht ausgeführt werden können. Bezüglich des Zentralorgans empfiehlt Redner, den Vorschlag des Redakteurs des „Jüdischen Studenten", Dr. Kohn, anzunehmen und diese Zeitschrift zum Zentralorgan des Verbandes zu machen. Dem Vereine „Bar Kochba" wird hierauf das Absolutorium erteilt, nachdem man den Vorwürfen! Freuds allgemein als berechtigt zugestimmt hatte. Die Debatte bezüglich des Zentralorgans wuräe auf den nächsten Tag verschoben. Hierauf ergreift Dr. Leopold Kahn das Wort und begrüsst die Versammelten namens des A.-K. Er weist auf die Notwendigkeit hin, dass die Studentenschaft ihre Aufgabe nicht in der Ausübung einer oft peinlich berührenden Kritik sehen solle, sondern sie möge sich etw^s mehr nach aussen betätigen. Damit sei nicht gesagt, dass der Studentenschaft das Recht der Kritik abgesprochen werde. Jedoch dürfe man darin nicht so weit gehen, als es in der letzten Zeit geschehen ist. Derartige Vorgänge seien nur geeignet, die ohnehin bestehenden Spaltungen noch zu vergrössern. Aeussere Betätigung und wissenschaftliche Arbeiten können unsere Sache fördern, der man durch zuviel Kritisieren nur schade. Sodann spricht Ehrwürden Rabbiner Wilhelm Reich (Baden) in anziehender Weise über die während seiner heurigen Palästinareise auf dem Gebiete der Erziehung und Kolonisation gemachten Wahrnehmungen. Die von nationalem Feuer durchglühten Ausführungen des Referenten ernteten reichen Beifall. Hierauf hält Reizes (Lemberg) ein äusserst geistvolles und gedankenreiches Referat über „Das jüdische Kulturproble m". Die Stellungna'hme des Referenten gegen den Jargon und sein unbedingtes Verdammen desselben führt zu einer lebhaften Debatte, an welcher sich hauptsächlich die Jünger Matthias Achers beteiligen. Am Abend fand ein Kommers in den Verbandssälen statt, an dem die A.-K.-Mitglieder Dr. Kahn und Ingenieur Kremenetzky, ferner Dr. M. T. Schnirer und Reverend Hechler teilnahmen. Dritt-er Tag. Del. S c h a j o w i c z (,,Zephirah"-Czernowitz) lenkt in seinem Referat ,,J ü d i s c h e s S t u d e n t e n t u m und V o r~ Schläge zu dessen Reform'4 die Aufmerksamkeit des Verbandstages auf die vielseitigen Aufgaben, welche gerade dem jüdischen Studenten infolge der Zugehörigkeit zu einer unterdrückten Nation erwachsen. Redner geisselt die Auswüchse des Studententums und stellt folgende Anträge, die nach längerer Debatte angenommen werden. 1. Konflikte zwischen Mitgliedern jener Korporationen, die dem Verbände angehören, haben stets durch ein Schiedsgericht und nicht durch Waffen ausgetragen zu werden. 2. Der Studententag erblickt in der zu nationaler Arbeit in keiner Beziehung stehenden Nachahmung des deutschen Studententums mit Kappe und Schläger eine plumpe und ungesunde Anschmiegung an fremdnationale Kulturerscheinungen. 3. Der Studententag legt den dem Verbände an gehörigen Korporationen dringendst nahe, bei Aufnahme ihrer Mitglieder eine P r ü f u n g aus Zionismus, Palüstinakuude und allgemeiner Lage einzuführen. 4. Der Studententag legt es den Mitgliedern nahe, die jüdische Arbeiterfrage mit Aufmerksamkeit zu studieren und sich ökonomische und politische Kenntnisse anzueignen. 5. Der Studententag macht es allen Studenteilkorporationen zur Pflicht, die Heranziehung und Ausbildung der jüdischen Arbeiter du »eh Errichtung von Arbeiterbildungsanstalten nach Möglichkeit durchzuführen. An der Debatte beteiligte sich auch Reverend Hechle r. In der Nachmittagssitzung spricht Carniol („Theodor Herzl") über „D i e künftige Ausgestaltung des Verbandes44. Seine Ausführungen gipfeln in folgendem Anträgen: 1. Die Mitglieder des Verbandes sind verpflichtet, die Agitation für den Zionismus nach Kräften zu fördern. Sie sind verpflichtet die diesbezüglichen Arbeiten der Präsidialkorporation im unbedingt zu liefernden Semestraiberichten bekanntzugeben. 2. Der Verbandstag fordert die dem Verbände angehörigen Korporationen dringend auf, „Unsere Hoffnung" zu abonnieren und unter der jüdischen Jugend zu verbreiten. 3. Der Verbandstag beschliesst, sofort an die Sammlung eines Fonds für eine hebräische Beilage zur Monatsschrift „Unsere Hoffnung" zu schreiten und verpflichtet die Korporationen, bei jeder Gelegenheit für denselben zu sammeln. 4. Der Verbandstag legt den Korporationen nahe, zionistische Seminarien zu gründen und bedeutende jüdische Gelehrte zur Abhaltung von Kursen über jüdisch-wissenschaftliche Themen zu gewinnen. 5. Der Verbandstag fordert die Präsidialkorporation auf, den Verschleiss von zionistischen Artikeln und Broschüren in den Korporationen durch geeignete Mittel zu fördern. 6. Der Verbandstag begrüsst den Plan der Gründung eines Organs der österreichischen Landesorgänisation und beschliesst, dieses als Zentralorgan des Verbandes zu erklären. Dr. Krenb erger unterstützt den Antrag Carniol bezgl. des Zentralorgans, bittet, deuVorschlag der Redaktion des „Jüdischen Studenten" anzunehmen und weist auf die immensen Kosten hin, die eine solche Gründung verursache. Von der Ausgabe einer hebräischen Beilage zu „Unsere Hoffnung" möge man ebenfalls absehen, da ja die Mittelschüler viel zu wenig Zeit hierzu hätten. Ein besonderes Gewicht möge auf die Familienagitation gelegt werden. Unter lebhaftem Beifall e r k 1 ä r t Dr. K renberge r, das s er nach d e m K o ng r e s s in der Lage sein werde, Vorschläge bezüglich d e r f i n a n z i e 1 l e n Fundierung de r W i cner zionistischen Vereinigungen zu unterbreite n. Die Vorschläge Carniols werden äuge n o m m e n. Zur präsidierenden Korporation für das nächste Jahr wird nach längerer Debatte Bar-K ochba (Prag) wiedergewählt. Mit der Absingung des „Od lo ovda" schloss der Verbandstag. Li-. J. H. Weiss Donnerstag den 1. d. M. ist J. H. Weiss, einer der ältesten und hervorragendsten Vertreter der jüdischen Wissenschaft und hebräischen Literatur in Oesterreich, dessen Ruf sich jedoch bis in den weiten Osten erstreckt, zu Grabe getragen worden. Vor kurzem erst, im Februar des laufenden Jahres, haben wir anlässlich seines 90. Geburtstages in grossen Zügen ein Bild von seiner wissenschaftlichen Bedeutung entworfen. Einzelnes aus seinem bescheidenen Gelehrtenleben ist nur wenig bekannt. Es genügt, hervorzuheben, dass er in seiner Jugend zu den Füssen der bedeutendsten jüdischen Lehrer gesessen, und dass er doch seine enorme, staunenswerte. Gelehrsamkeit niemals zur Erlangung eines Rabbineramtes zu verwerten strebte. Schon im Jahre 1842 fasste er den Entschluss, Volkslehrer im besten Sinne des Wortes zu werden, und er begründete in seiner Geburtsstadt Meseritsch eine „Jeschiwah", die erst aufgelöst wurde, als die Jeschiwoth in Mähren überhaupt aufhörten (1845). 1858 kam er nach Wien; er winde hier als hebräischer Korrektor einer Druckerei und wurde im Jahre 1863, als das Wiener Beth-Hamidrasch von Dr. A. J e 11 i n e k ins Leben gerufen wurde, zum Lektor in den talmudischhalachischen Disziplinen ernannt. Hier wirkte er segensreich

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