Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. n „Die W*ltf' Seite 1 \ bis in sein hohes Alter, er erzog hunderte von Rabbinern und Männern der jüdischen Wissenschaft, er gab eine talmudischwissenschaftliche Zeitschrift sowie manche andere wertvolle •Editionen talmudischer Quellenschriften heraus, die ihm nebst seinem fünfbändigen Hauptwerke „Dor dor u'dorschow" einen hervorragenden Platz in der jüdischen Wissenschaft sichern. Bescheiden, wie sein Leben, war auch sein Leichenbegängnis, das Donnerstag nachmittags stattfand. Nicht gross war die Anzahl derer, die sich versammelten, dem grossen Lehrer die letzte Ehre zu erweisen, wenn auch die Zahl jener, die seine Schriften studieren, eine sehr grosse ist. Im Trauert hause sprach Herr Rektor Dr. S c h w a r z. In beredten Worten schilderte er die Grösse des Dahingeschiedenen und dessen Bedeutung für die wissenschaftliche Literatur der letzten Jahrzehnte und mit rührenden Liebesworten verabschiedete er sich von seinem Lehrer, der zugleich der Lehrer vieler Tausende war. Im „Beth-Hamidrasch", dem Wirkungshause des Verstorbenen, sprach sein Kollege Lektor F r i e d m a n u und betrauerte seinen langjährigen Genossen und Mitarbeiter. Oberrabbiner Dr. Güdemann und Dr. S c Ii m i e d l hielten ihre Trauerreden im Zeremoniensaal des Zentralfriedhofes; am Grabe sprach sein Grossneffe Dr. Oppenheim aus Olnnitz im Namen der Hinterbliebenen, besonders der Familie Oppenheim, mit der er durch seine Frau verwandt und deren traditionellen Ruf des Thorastudiums er hochhielt und durch seine wissenschaftlichen Leistungen vermehrte. Wrar auch die Beteiligung am Leichenbegängnisse keine so grosse, wie sie einem Manne wie Lektor Weiss gebührte, so haben doch die Anwesenden das traurige Bewusstsein davongetragen, di.ss sie in das frisch aufgeschüttete Grab einen Mann gesenkt haben, der nicht allzubald ersetzt werden könne. B. Viennensia. Es wäre eine beträchtliche Hyperbel, wollte man das Territorium, in dessen Zentruni der Stephanstunn liegt, für eine hochwichtige Schaubühne antijüdischer Ereignisse halten: wir wissen, dass in anderen Gegenden des Erdballes viel schmerzhaftere Schläge gegen .luden geführt werden als in Wien. Aber immerhin zeitigt das Verhältnis zwischen Wiener Juden und Judenfeinden gelegentlich ganz lehrreiche Exempel, auf die wenigstens mit einigen Worten hingewiesen werden mag, wenn sie uns auch nicht mehr viel Neues sagen können. Da ist zunächst die ,,Schächtfrage44. Bekanntlich hat der Wiener Gemeinderat am 28. April den Beschluss gefasst, innerhalb der Gemarkungen der Wiener Schlachthäuser die rituelle Schlachtung zu untersagen. Der Bürgermeister hatte den Beschluss für die Praxis sanktioniert und es hatte den Anschein, als sollten ernstlichere Verwicklungen erstehen. Vor einigen Tagen wurde nun von der rüederösterreichischen Statthaltern die Affäre wieder aus der Welt geschafft; die Vollziehung des Gemeinderatsbeschlusses wurde von der Statthalterei untersagt, so dass die rituelle Schlachtung nach wie vor ungehindert vollzogen werden kann. Aber es war dennoch eine Gelegenheit geschaffen worden, die Juden wieder einmal daran zu erinnern, dass sie nicht in der besten aller Welten leben: in öffentlichen Körperschaften ward der Anstoss zu „Judendebatten" gegeben, die antisemitischen Hetzblätter hatten wieder einen Ausgangspunkt für Hassartikel gefunden, die Wiener christliche Bevölkerung war wiederum daran erinnert worden, dass auf dem Wiener Boden ein Volk wohnt, welches von anderem Fleisch und Bein isst als die Eingeborenen. Im Mittelpunkt einer anderen Affäre stand der Wiener Vizebürgermeister. Die Wiener haben jetzt einen Vizebürgermeister, der jüdischer Herkunft ist. Und gerade in den Tagen dieses hübschen Avancements hatte der Herr Vizebürgermeister der antisemitischen Metropole Anlass, zu merken, dass die Judenfrage für ihn durch die Taufe seiner Ahnen keineswegs durchaus gelöst worden sei. Von den verschiedensten Seiten — von sozialdemokratischer, von jüdischer und von germanischer etc. — wurde ihm seine jüdische Abkunft energisch vorgehalten. Sein Stammbaum wurde ausgegraben und gerade jene Partien seiner Ahnengalcrie, welche die prägnantesten Berührungspunkte mit dem alten Testamente haben, wurden öffentlich zur Schau gestellt. — Die Laufbahn des Vizebürgermeisters begann ähnlich wie die des Erzbischofs Kohn: überraschender Aufstieg eines „Judcnstäninilings", Begrüssungsartikel in der Presse, die auf einen dunklen — oder vielmehr gelben — Fleck in der Vergangenheit des Mannes hinweisen. — Hoffentlich wird der Vizebürgermeister nicht derart über die Beine seiner Ahnen, stolpern wie der Erzbischof. k. br. Nach Schluss des Blattes eingelangt Die Eröffnung der Filiale der Jüdischen Kolonialbank im Eastend von Londen. (Telegramm.) Unsere Filiale im Eastend soeben eröffnet. L o ii d o n, 6. Juni. Wo 1 ff söhn. ^Hbäi)?. tFir diest Rubrik ist di« Rtdaktioi nicht verantwortlich.) Briefmarken für den Nationalfonds. Folgende Gesinnungsgenossen haben für den Nationalfonds Briefmarken gespendet: Wien: „Unsere Hoffnung", Monatsschrift für die reifere Jugend, III., Untere Viaduktgasse 25. Dr. M. ScherJag, E. und H. Gärtner, Jos. Poll&k, durch stud. Scharia : Fräulein R Fürst, S. Diamant. Kassel: J. Klein. Rzeszow : Personale der Firma H. Lubach. Stanisiau: „Achwah", durch H. Horvat. Teplilz: Zionistische Tertianer. Boryslaw: M. Friediänder, Oedenburg: durch I. Gewitsch (Wien). L. und J. derer. Kolomea : durch O. Fadenhecht: Hebräische Mädchenschule namens Dr. Herzl, Frl. M. Brecher, Ph. Kriss, Fräulein N. B'-jdofT, Frl. R. Zuckermann. Geschwister S. und D. Herrmann. Gwozdziez: S. Klier. Prag : Fr. Paul Heir berg, Fr. J. Laufer. Neustettin: Frl. R. Freundlich. Stockerau: med« Sofer. Allen Spendern besten Dank und Zionsgruss! DiePhiletalie - Abteilung der Nationalfondskommission. Jüdische Volkshochschule in Paris. (8, nie de Jarente.) Für den Monat Juni wurde das folgende Programm festgesetzt: Jeden Sonntag um halb 9 Uhr abends beginnende Vorträge, und zwar am Sonntag den 4. über Gymnastik und Hygiene mit anschliessender Uebung, die von der Societe de gymnastique unter Mitwirkung von Frau Dr. Kritschewsky und den Herren Dr. A. Marmorek und Dr. D. Jacobsolm veranstaltet wird; am Sonntag den 11. ein Vortrag über „Die Milch als Nahrung für das Kind, ihre Erzeugung, Fälschung der Miich und daraus entstehende Gefahren'4 vom Dr. H. de Rothschild; am Sonntag den 18. d.s.: „Der siebente Zionistenkongress'4. Redner: brau Dr. Kritschewsky und die Herren Dr. A. Marmorek, Dr. N. Slouschz, Dr. J.acobsohn, H. Ch-erchewsky; am Sonntag den 25. ein Vortrag des Frl. M. Weil! über Heinrich Heine. Weiters finden statt französische Kurse jeden Montag, Dienstag und Mittwoch, überdies am ersten, dritten und vierten Donnerstag des Monats und am Samstag den 10. und Samstag den 17. d. M. Freundschaftliche Zusammenkünfte finden statt an den Freitag-Abenden mit Ausnahme des letzten Freitages, an dessen Stelle der darauf folgende Samstag tritt. Schliesslich finden noch statt ein Vortrag der Frau Dr. Kritschewsky am Mittwoch den 7. ds. über Hygiene, am Mittwoch den 21. ds, des Herrn M. Robinson über „Jüdische Geschichte" und am Samstag den 24. eine von der Föderation Sioniste veranstaltete Reuniom Die Vorträge erfahren während der Sommarmonate bis zum Oktober eine Unterbrechung; lediglich die französischen Kurse werden ununterbrochen fortgesetzt.