Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „bie # weit Nr. 23 Bill protestierte. Mehr als irgend etwas zeigt dies, wie wahrhaft liberale Elemente über die geplante Bill denken, die ähnlich wie die „Sunday Ciosing Bill", die sich bekanntlich gegen den Sonntagshandel im East End richtet, denn doch modifiziert werden dürfte. Hat doch selbst Lord Avebury, der Initiator der „Sunday Closing Bill", sich zu der Aeusserung veranlasst gesehen, die Gesetzwerdung des Entwurfes liege noch weit im Felde und es liege keine Veranlassung für die Juden vor, sich übermässig aufzuregen, da man die von jüdischer Seite kommenden Beschwerden gerne berücksichtigen wolle. Das hört sich beinahe wie ein Rückzug an, der wohl nicht so sehr veranlasst wurde durch die unter den Juden des East End herrschende Erregung, als vielmehr eine Folge zu sein scheint der Ergebnisse, die die bezügliche parlamentarische Kommission zutage förderte, und der Bewegung, die sich in der letzten Zeit auch unter der christlichen Bevölkerung bemerkbar machte. Besonders interessant ist ein Protest gegen die Bill der christlichen, den Sabbat feiernden Engländer. In einer Konferenz der recht zahlreichen Sekte, die nicht den Sonntag, sondern den Säbbat als den Ruhetag feiert, wird das beabsichtigte Gesetz als ernster Eingriff in die religiöse Freiheit bezeichnet. Wenn man die englischen Verhältnisse kennt, wird man die grosse Wirkung begreifen, die der Protest einer derartigen christlichen Körperschaft auf die Mitglieder der Kommission ausüben musste.-- Von zionistischen Versammlungen der letzten Tage ist ein Meeting der „Shivas Zion Association" zu nennen, in welcher der in letzter Zeit ungemein eifrige Dr. G a s t e r eine lange Rede hielt, in welcher er sich, wie immer, gegen den Territorialismus in jeder Form wandte. Er betonte namentlich, dass der Nationalfonds nur zum Grundkauf in Palästina verwendet werden dürfe, und beleuchtete mit scharfen Worten das angeblich den Juden gemachte Angebot, Cuba zu besiedeln. Die Juden könnten sich vor Alien Bills und ähnlichen Gesetzen in Zukunft nur durch Erlangung der Heimstätte in Palästina schützen. — Die jüdische Presse Englands, so der „Jewish Cronicle' und die „Jewish World', hatten bisher der Konferenz des grossen A.-K. lediglich informative Berichte gewidmet, doch dürfte sich namentlich an die Beschlüsse in bezug auf Uganda in der nächsten Zeit eine lebhafte Diskussion knüpfen. Da befürchtet wurde, dass es auf der bevorstehenden Jahresversammlung der „London Zionist League" wegen der Wiederwahl des Präsidenten zu Konflikten kommen könnte, hat Herr Herbert B e n t w i c h, um dieser Unannehmlichkeit vorzubeugen, ein Rundschreiben an die Mitglieder der Liga gerichtet, in welchem er erklärt, dass er sofort nach der Jahresversammlung die Präsidentenwürde niederlegen werde, um zu vermeiden, dass es wegen seiner Person zu einer Uneinigkeit unter den Gesinnungsgenossen komme. Hoffentlich ist dadurch den unzufriedenen Elementen innerhalb der Liga Genüge getan, so dass eine Störung der Wirksamkeit der Liga nicht weiter befürchtet werden muss. Als ein recht erfreuliches muss das Wirken der „Jews Temporary Shelter" bezeichnet werden, wie es wenigstens aus dem der am Mittwoch stattgefundenen Jahresversammlung vorgelegten Bericht hervorgeht. Nicht weniger als 42 055 jüdischen Auswanderern wurde im abgelaufenen Vereinsjahre (gegen 15 462 im Vorjahre) hilfreich beigesprungen, indem den jüdischen Emigranten nicht nur Unterstand geboten, sondern auch sonst in jeder Hinsicht an die Hand gegangen wurde. Dieser Institution ist es zu danken, dass viele jüdische Emigranten das Ziel ihrer Fahrt erreichen, während sie sonst auf halbem Wege stecken blieben. Der vorliegende Bericht soll nicht geschlossen werden, ohne auch eines künstlerischen Ereignisses Erwähnung zu tun. Der junge jüdische Violinvirtuose Mischa Elmau gab am Freitag ein Konzert und begeisterte gleichermassen das Publikum und die Kritik. Es war ein gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges und die Creme der englischen Gesellschaft ju belte dem kleinen Judenjungen zu. Der „Daily Telegraph" sagt, man könne sich die Meisterschaft dieses Dreizehnjährigen gar nicht erklären und in ähnlicher Weise schreiben auch die anderen Blätter. Uns aber tönte aus den weichen Tönen der Geige des Künstlers seine empfindsame jüdische Seele entgegen. Wenn auf irgend einem Gebiete der Kunst, so sagten uns die Töne dieser Geige, so werden auf dem Gebiete der Musik die Juden die Welt erobern. Die dritte Landeskonferenz der ungarischen Zionisten. Das ungarische Assimilantentum hatte am 21. Mai einen schlechten Tag. Das enfant terrible Zionismus,' welches mit seinem Ungestüm das nur durch ängstliche Balance zu erhaltende Kartenhaus assimilatorischer Fussspitzenpolitik zu zerstören droht, hatte für diesen Tag sein Hauptquartier in Budapest aufgeschlagen. Und diesen des Landesverrates bezichtigten Zionisten hatte „Sasksör4', ein Klub der Unabhängigkeitspartei, seine Lokalitäten zur Verfügung gestellt! „Pesti Hirlap'V das populärste unabhängige Organ, Hess sich sogar herbei, der Landeskonferenz Heroldsdienste zu leisten: Am Vorabende der Konferenz erschien in diesem Blatte mit Hinweis auf die stattfindende zionistische Versammlung eine sympathische Besprechung unserer Bewegung. Damit wurde der ungarische Zionistentag, dem unsere konfessionelle Presse durch ihre Ignorierung den Weg zur Oeffentlichkeit verrammelt zu haben glaubte, in den Vordergrund des Tagesinteresses geschoben. Die Wirkung der wohlwollenden Haltung der Tagespresse kam in dem zahlreichen Besuche der Galerie zürn Ausdrucke. Im Delegiertenraume sind 37 Delegierte aus den verschiedensten Teilen des Landes erschienen. Bemerkenswert ist, dass diesmal bereits auch kernmagyarische Gegenden vertreten sind, und es ist daher um so erfreulicher, konstatieren zu können, dass bei den Verhandlungen stramm jüdischnationaler Geist zur Aeusserung gelangte, die ungarischen Zionisten sich also besser als ihr Ruf erwiesen. Die Konferenz wurde um 10 Uhr vormittags vom Präses des Landeskomitees S. B e 11 e 1 h e i rri - Pressburg in ungarischer Sprache eröffnet. Er erörtert das Verhältnis des Zionismus zum Patriotismus und geht zur Darstellung des Kampfes über, den die ungarischen Zionisten mit den beiden Parteien des Judentums zu bestehen hatten. Er gedenkt mit bewegenden Worten, des verlorenen Führers. Man müsse aber um ihn trauern, wie er uns um Zion trauern gelehrt hat. Nicht mit gerungenen Händen Kinnoth sprechend, sondern mit zur Arbeit ausgereckten Armen das Verlorene zu ersetzen suchen. Er schliesst mit der Aufforderung zu ernster einheitlicher Tätigkeit. Prof. B o k o r - Budapest verliest den Bericht des Legitimationsausschusses. Dr. A b rahams oh n - Tapolcsäny beantragt im Namen des Permanenzausschusses die Wahl der Herren Dr. R o ii a i, Dr. Oesterreicher, Ing. B e r e g i als Vorsitzende, B a t o und. ju'r. Steiner als Schriftführer. Nachdem die Konferenz zugestimmt, skizziert Vorsitzender Dr. R o n a i - Baläzsfalva das Programm der ungarischen Zionisten. Diese wollen keine politische Nationalität bilden und keine Nationalitätenpolitik treiben, erblicken aber imJudentum nicht bloss eine Konfession, da sie, eine gemeinsame Geschichte, Abstammung und Kultur. besitzend, alle -Merkmale eines einheitlichen Volkes aufweisen. Dr. Abrahamsohn legt, auf die Auseinandersetzungen des Vorsitzenden reflektierend, entschieden Verwahrung dagegen ein, dass dieser Standpunkt von der ungarischen Organisation geteilt werde. Wir seien Nationaljuden in jeder Bedeutung des Wortes und die Konferenz stellt sich mit stürmischen ßeifallsbezeugungen an seine Seite. S.'Horvät - Budapest begrüsst die Konferenz im Namen des Budapester Vereins. . ■ . .