Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 23 (9.6.1905)
- Date
- 1905-06-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 W^it1 Seite s Vielleicht ist in dieser Richtung viel getan worden, aber noch immer nicht genug. Vielleicht sind nicht immer die richtigsten Wege gewandelt, die politisch geeignetsten Mittel ergriffen worden. Gestehen wir es offen, dass so manches, was in der zionistischen Bewegung vorfiel, die Türkei mit einem gewissen Misstrauen zu erfüllen geeignet war und dass daher manche Diplomaten, denen der zionistische Gedanke contre coeur ging oder die ihrer Erziehug nach judenfeindliche Veranlagung haben mussten, derlei Ungeschicklichkeiten gegen uns auszunützen Gelegenheit hatten. Geben wir zu, dass ein erster türkischer Diplomat mit dem Ausspruche recht hatte, dass die Zionisten gleich über das Dach klettern. Das Wort „Charter", welches in unserer Bewegung wohl nur zum leichteren Verständnis und um der Phantasieder Massen entgegenzukommen, geprägt wurde, war in gewissem Sinne ein kleiner Unfall. Wohlgemerkt: das Wort, nicht aber sein Inhalt. Bedauerlich überhaupt ist es, dass sich die meisten die Sache leicht vorstellten. Es liegt ja freilich im Bereiche der Wahrscheinlichkeit, dass die Türkei, welche einzelnen Gebietsteilen gewisse Autonomien gegeben hat, auch dahin gebracht wird, eine organisierte jüdische Einwanderung nach Palästina mit gewissen Erleichterungen und einigen Rechtskonzessionen zuzulassen. Allein es ist doch Grundsatz im politischen Leben, dass man dort gibt, wo man zugleich empfängt. Es musste also durch unausgesetzte Arbeit die Ueberzeugung von den moralischen und materiellen Garantien gefördert und befestigt werden; es musste aber auch durch Schaffung und Herbeischaffung der dazugehörigen, nicht gewöhnlichen Mittel die Garantie des Erfolges ad oculos gesichert werden. Nach allen diesen Richtungen hin sind Ansätze gemacht, Anfänge unternommen, aber noch immer nichts Ganzes oder auch nur Ansehnliches geschaffen worden. Und gleichwohl ist man mit Ungeduld, ja mit Ungestümdirekt aufs Ziel losgegangen. Leicht begreiflich. Mit einem gewissen Rechte hat man doch vom Zionismus eine Verbesserung der Judenlage erwartet. Nun befinden sich aber die meisten Juden in schlechter Lage und sie wird immer ärger. Sie haben also keine Zeit zum Warten. Der verewigte Führer, der tatsächlich die Volksbewegung organisiert, ihr den Zug ins Grosse verliehen und auf dem Gebiete der Politik so manchen Erfolg aufzuweisen hatte, der überdies an sich selbst und an die Sieghaftigkeit der Idee glaubte und sich der Realisierung derselben vermöge seiner dichterischen Veranlagung und vermöge seines Glaubens an Recht und Gerechtigkeit wiederholt nahe fühlte, sah sich nun gezwungen, ein Mittel zur raschen Abhilfe für die Verfolgten und Redrängten zu suchen, aber zur Rechtfertigung desselben einerseits sowie auch andrerseits, um nicht als Verführer zu gelten, der gesamten zionistischen Welt zu eröffnen, dass das eigentliche Ziel des Zionismus noch Zeit und Arbeit, Sammlung und Kräftigung erfordere. Wir wollen nicht darüber rechten, ob der Ausdruck „in absehbarer Zeit" ein glücklicher war, ob der Hinweis auf den weiten Weg, den man bis zum Ziele noch zu durchwandern hat, nicht in einer milderen Form hätte wiedergegeben werden können. Für die Dränger und diejenigen, die einen Ausweg aus dem Jammertale des Galuth suchen, wurde der Ugandavorschlag zu dem, was der Führer selbst nicht dachte und wollte — zu einem neuen Evangelium. (Fortsetzung folgt.) Dr. Soskin gegen Palästina. Herr Dr. Soskin war so freundlich, die von mir in bezug auf die Einwohnerzahl Palästinas gemachten Angaben, die sich „gegen Palästina richteten", zu berichtigen. Welch seltsame Form der Bezichtigung zionistischer Illoyalität! So hätten denn auch die Japaner durch eine Prüfung der Verteidigung Port Arthurs dem Mikado gegenüber illoyal gehandelt. Und in welcher Weise suchte Herr Dr. Soskin die Schwierigkeiten zu verkleinern, denen wir Zionisten entgegengehen? Ich sagte, die jüdische Bevölkerung Palästinas betrage nur 12%; Herr Dr, Soskin sagte, 12 y20|o der gegenwärtigen Bevölkerung Palästinas seien Juden. Das heisst mit anderen Worten: 88°j0 der gegenwärtigen Bevölkerung würde durch uns mit einem „Fremdenproblem" beschwert werden, selbst für den Fall, als wir den Charter erlangen sollten. Ich sagte, im Paschalik von Jerusalem seien nicht 25°j0 der Bevölkerung jüdisch; Herr Dr. Soskin sagt 200|0> Ich setzte die Grenze, in dem Bemühen, das Bild so rosig als möglich zu malen, mit 25°|0 fest; Herr Dr. Soskin setzt sie gestrenge auf 20°|0 herab. Ich sagte, der grösste Teil des Bodens in Palästina sei im Privatbesitz, und werde auch nicht, selbst für den Fall der Erlangung des Charters, in unseren Besitz gelangen, bis nicht der gesamte dem Sultan gehörende Boden von uns en bloc erworben würde; Herr Dr. Soskin erzählt uns, der Sultan werde seinen Teil überhaupt nicht verkaufen, aber wir könnten ihn von ihm zu pachten versuchen. Ich sagte, es würde uns schwer gelingen, die Mohammedaner, die uns zu verachten gewohnt sind, zu beherrschen; Herr Doktor Soskin erwidert, die Mohammedaner verachten uns nur in den Städten (wo sie und wir dicht aneinandergedrängt sind). Um sein Werk zu krönen, findet Doktor Soskin eine neue, den gegenwärtigen Bewohnern erwachsende Schwierigkeit in der Konkurrenz der einwandernden Tscherkessen, von denen ich gar nicht gesprochen hatte. Aus welchem Grunde unterzog sich Herr Dr. Soskin denn der Aufgabe, „mit dieser Fabel einfür allemal aufzuräumen"? Ich wünsche mir, klüger zu sein, um das zu verstehen. Ich habe die Empfindung, als sei er mehr „gegen Palästina" als ich. Dr. Soskin tut überdies so, als entstammten die von mir angeführten Daten meiner Phantasie. Ich arbeitete aber nach den besten politischen Informationen, die es in England gibt — »The Statesman — Year Book", letzte Ausgabe, und dieses Werk gibt die Bevölkerung des als Paschalik von Jerusalem bekannten Teiles von Palästina mit 57 pro Quadratmeile an, was mehr als das Doppelte des in den Vereinigten Staaten bestehenden Verhältnisses ist. Doktor Soskin beschuldigt mich des Spieles mit Ziffern und des Zusammenfassender schütter und dicht besiedelten Gebiete. Ja, weiss er denn nicht, dass dies die einzige Möglichkeit ist, den Durchschnitt zu bestimmen? Ich dachte, jeder Schuljunge wisse es, dass man nicht sagen wolle, auf jeder Quadratmeile wohnen 57 Menschen, wenn man von einer Dichtigkeit von 57 pro Quadratmeile spricht. Dies ist die einzige Art, die Bevölkerungsdichtigkeit abzuschätzen, indem man das Verhältnis zwischen der Bodenfläche und der Bevölkerung, die sie zu erhalten imstande ist aufstellt. Sie ist nicht immer imstande mehr zu erhalten, einfach weil einzelne Gebiete verhältnismässig unbevölkert sind. So beträgt beispielsweise die Dichte von Schweden und Norwegen 25 pro Quadratmeile, wohl weil dies das Maximum ist, das die natürlichen Quellen des Landes ertragen können. Herr Dr. Soskin stellt diese 57 natürlich in Frage, aber woher er seine statistische Unfehlbarkeit herhat, ist mir uner-