Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1905-06-09 · 23 (9.6.1905) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
23 (9.6.1905)
Date
1905-06-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316128-3316156--46937-3341807
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite S „bic # wtit* Nr, 93 druck — providenziell prädestinierter Mann die glückliche Formel. Es war unser, des jüdischen Volkes, H e r z 1. Sie war ein erlösendes Wort, einfach wie es die Wahrheit immer ist, überwältigend und vertraut zugleich, weil gerade herausgesagt und weil es der Ausdruck für das w;ar, was alle schon dunkel ahnten, sich aber nicht getrauten, auszusprechen. Als der Meister, von den durch ihn faszinierten Jüngern und Anhängern gedrängt, an den Webstuhl der Geschichte herantrat, um die dürre mathematische Formel in lebendiges Sein umzusetzen, traf er auf die grosse Schar derer, die für ihn schon einen fruchtbaren Boden vorbereitet hatten, die vermöge des Volksinstinktes auch schon für das Unbekannte, für das fragliche Irgendwo die aus der Geschichte und aus der Volkssehnsucht abgeleitete Antwort parat und sogar auf einige schwache, aber vielversprechende Versuche hinzuweisen hatten. Unter allen in Betracht kommenden Ländern zeichnete sich Palästina durch das Moment des unverjährbaren Rechtes, welches das jüdische Volk darauf hat, der möglichen Grosskolonisation wegen, der Undichte seiner Bevölkerung, ebenso durch die Imponderabilien des 2000 Jahre alten Glaubens und der Hoffnung auf eine Rückkehr sowie durch die geistigen und realen Vorarbeiten der „Chowewe Zion" als das Territorium aus, wohin das Augenmerk zu lenken ist. Hier drängte sich auch die Beobachtung auf, dass die Juden im ottomanischen Reiche gleichberechtigt und gleichentrechtet mit allen anderen Untertanen und Nationen sind, ja sich mitunter eines grösseren Wohlwollens erfreuen, ferner dass auch die Türkei selbst mit dem Aufblühen einer ihrer Provinzen durch den Arbeitsfleiss des in den Schulen aller Nationen der Welt gebildeten jüdischen Volkes, das seiner Erhebung aus der Schmach der Verbannung mit allen Kräften zustrebt, gewiss zu erklecklichem Vorteile gelangen wird. Hier waren lauter Aktivposten, die in die Rechnun g des zum Realisten gewordenen Dichters hineinpassten'g dessen bisheriger Kalkül zumeist aus Sollposten bestanden hatte. Man brauchte nicht erst eine Heimat in bekannten und unbekannten Weltteilen zu suchen, sondern nur die Heimat aufzusuchen. Das „wozu denn in die Ferne schweifen, sieh', das Gute liegt so nah" bemächtigte sich aller mit elementarer Gewalt, mit der sieghaften Kraft des Natürlichen. So wurde auf dem Wege der Verwirklichung der Territorialismus zum Zionismus. In seinen ersten Stadien trat der Zionismus recht bescheiden und mit wenig Ansprüchen auf, ohne selbstverständlich die Momente des Territorialismus vollständig auszuschalten oder auch nur ausschalten zu können. Er spezialisierte sich nur und sein Ziel war und ist die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina. Aber schon in dieser kurzen Definition seines Wesens sind mehrere Elemente enthalten, die zu einer Ausgestaltung drängten. Man musste daran gehen, ihn zu systematisieren, und damit wuchsen auch seine Aufgaben. Es wurde klar, dass zu einer Volksheimstätte eine „organisierte Gesellschaft" gehöre, die in dem Zusammenschlüsse von Menschen vieler, ja aller bisher bekannten Berufe und Tätigkeiten besteht, und zwar aller in der Ausrüstung der neuesten wissenschaftlichen und technischen Vervollkommnungen. Man wollte doch nicht eine Altertums- oder Mifctelaltergemeinschaft, sondern einen modernen und folgerichtig gleich autonomen Körper bilden. Dem jüdischen Volke des Galuth aber fehlen gerade in primitivsten Berufen die Uebung und Fertigkeit, so insbesondere in der Landwirtschaft und den damit notwendig verbundenen Gewerben und Industrien, die wohl von Juden hin und wieder als Unternehmer, aber kaum ausnahmsweise in Selbsttätigkeit betrieben wurden, die aber das Rückgrat einer organisierten Gesellschaft ausmachen und sozusagen die ökonomische Autonomie sichern. Man erinnerte sich, dass nicht nur das Land dem Volke, sondern auch das Volk für das Land erst werden müsse. Dieser Gedanke brachte die Kultur- und die Hebungsfragen mit sich, zu welchen sowohl in propagandistischer als in zweckdienlicher Beziehung in erster Linie die Hebung des Volksbewusstseins gehört. Dieser Komplex von Fragen, den man gewöhnlich mit dem Namen der Regeneration des Judenvolkes umfasst, und wozu auch als Vorbereitung die tunlichste Verbesserung der materiellen Lage, wenn auch nur zur möglichsten Hintanhaltung der Verelendung und Degenerierung gehört, ist seiner Natur nach territorialistischen Charakters. Die Lösungen dieser Fragen, die für die Realisierung sich ergebenden Aufgaben und anzuwendenden Mittel mussten wieder einen Uebergang zum Zionismug schaffen. — Die Hebung des Einzel- und Volksbewusst_ seins — subjektive Seite — konnte nur durch Studium der Geschichte, durch Kenntnis des Geistes und der Geistesfrüchte in der Volksbeziehungsweise hebräi" sehen Sprache gefunden werden. Diese führten wieder auf Palästina zurück. Auch das Land muss geschichtlich, geographisch, klimatisch, ökonomisch etc. erkannt, gekannt und vorbereitet werden — objektive Seite. Da mandieMängel des vorangegangenenGhowewe- Zionismus erkannt, denselben als unzulänglich, ja zweckwidrig, weil ein neues Galuth schaffend, und dessen Wege als unmoralisch und volksunwürdig verworfen hatte, so konnte man sich in bezug auf das letztgenannte Moment im politischen' Zionismus nur auf die Schaffung der „Palästinakommission" beschränken, die viel Dankenswertes leistet, die aber immer wieder daran gemahnt werden muss, nicht von der Höhe ihrer Aufgabe herab- und in die alte Richtung hineinzufallen. Alles bisher in allgemeinen Strichen gekennzeichnete Werden im Zionismus betrifft selbstverständlich nur die innere Arbeit--— — Die Arbeit nach aussen ist durch das Erfordernis des Oeffentlichrechtlichen gegeben gewesen. Es musste und muss nicht nur bei den Mächten und Völkern Sympathie und Zustimmung zum zionistischen Unternehmen des jüdischen Volkes erworben und erhalten werden (mehr ist meiner Ansicht nach nicht zu erstreben und schon gar nicht zu erwarten), sondern es mussten und müssen unausgesetzt mit der Türkei selbst, und zwar mit dieser in allererster Linie, Verhandlungen eingeleitet werden, hierbei aber wohl zunächst die für die Entscheidung massgebenden Faktoren, ausserdem aber auch das ottomanische Volk zur Erkenntnis und Ueberzeugung gebracht werden, dass hierdurch ungeheure Vorteile für die Entwicklung des Landes und für die Machtstellung des Reiches zu erzielen sind.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.