Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 22 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr4 22 „bit # Welt" Seite 13 abscheuungswürdige Leute, sondern noch dazu deutsche Juden! Und nachdem das Antisemitenblatt solchermassen die russische Revolution den abscheulichen deutschen Juden in die Schuhe geschoben hat, glaubt es den französischen Patrioten die Augen über die wahre Natur dieser Revolution geöffnet zu haben. Lebhaft diskutiert wird in jüdischen Kreisen die Frage, welche Rückwirkung die Trennung des Staates von der Kirche auf die jüdischen Angelegenheiten haben werde. Den grossen Gemeinden wird es keine Schwierigkeiten bereiten, die Rabbiner und die übrigen Beamten entsprechend zu entlohnen und auch in Algerien bleibt es beim Alten; wie aber werden sich die kleinen Gemeinden helfen? Hoffentlich gelingt es, dieses Problem zu lösen, das schwieriger ist, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Die russischen Juden in New York. Ein beliebtes Schlagwort der Antisemiten ist es, zu sagen, die Juden eignen sich nur zum Handel. Dieses Wort straft niemand so sehr Lügen als die russischen Juden New Yorks. Diese auf der Ostseite New Yorks lebenden Juden sind fast nur durch ihrer Hände Arbeit gross geworden und es ist bedauerlich, wenn immer von der im East Side herrschenden Armut gesprochen wird und nie von der in diesem Viertel vorkommenden Wohlhabenheit. Die Kleiderindustrie, fast ausschliesslich in den Händen russischer Juden, gibt 150 000 Personen Arbeit; die Produktion erreicht pro Jahr den Betrag von 240 Millionen Dollars. Aber auch in allen anderen Gewerben finden wir den russischen Juden Betätigung suchen und finden* so in der letzten Zeit namentlich irn Baugewerbe. Das gesamte bei Bauten erforderliche Material wird von Juden erzeugt und auch die Künstler, die Bildhauer und Architekten, sind zum Teile Juden. Wer das Leben und Treiben auf der East Side beobachtet, wird von der Anschauung gründlich geheilt werden, dass die Juden sich nur als Händler zu betätigen vermögen. Aus dem Ghetto New Yorks. Wie gross die jüdische Not hier ist, beweist der kürzlich abgeschlossene Bericht der United Hebrew Charities. Die vereinigten jüdischen Wohltätigkeitsvereine haben 217 770 Dollars ausgegeben, davon 124 000 Dollars zur Unterstützung von 10 000 Familien, grösstenteils Witwen und eheverlassenen Frauen. Auch die Aufwendungen für die regelmässigen Almosenempfänger sind stark gestiegen und werden mit der Verteuerung der Mieten noch weiter steigen, denn schon gegenwärtig ist es nicht mehr möglich, eine Wohnung von 2 Zimmern unter 14 und eine solche von 3 Zimmern unter 19 Dollars monatlich zu erhalten. Dagegen sind die Summen zur Unterstützung Erwerbsloser rapid zurückgegangen — ein Beweis, dass die jüdischen Immigranten gern arbeiten wollen und jede Beschäftigung annehmen, um nur nicht die Wohltätigkeit in Anspruch nehmen zu müssen. Ein Hilfskomitee für die Juden in Schitomir wurde in Lemberg über Anregung der dortigen jüdischen Jugend organisiert. Dasselbe hat beschlossen, das Andenken der gefallenen Volksgenossen durch Aufrufe in polnischer und jüdischer Sprache sowie durch eine öffentliche Trauerandacht im Tempel zu ehren. Für die Hinterbliebenen Witwen und Waisen sollen Geldsammlungen veranstaltet werden, teils durch Büchsen, teils durch Beteiligung an einer Subskription, die von den wohlhabenden Juden Lembergs mit den Herren Dr. B y k und Mieses an der Spitze bereits eingeleitet wurde. Direkte Geldspenden sind' zu richten an das Komiteemitglied Herrn Samuel Seelen freund, Lemberg, Sykstuska 5. In unserem Bruderorgane „Wschod" hat das Komitee an leitender Stelle einen in Trauerrand gefassten tiefempfundenen Nachruf auf die Gefallenen veröffentlicht, der zugleich einen Aufruf zur raschen Hilfeleistung enthält. Hoffentlich wird der Erfolg nicht ausbleiben. B. Reminiszenz an den Tisza-Eszlaer Prozess. Im Rochusspitale zu Budapest schloss am 16. Mai 1905 ein Mann die Augen, der ein vielbewegtes Leben hinter sich hatte. Salomon Scharf, der im berühmten Tisza-Eszlaer Prozesse die Hauptrolle gespielt hatte — er war bekanntlich beschuldigt, die fremden Schächter in seinem Hause beherbergt zu haben und mit ihnen an dem Tode des Ester Solymossy schuld zu sein — starb im Elend und verlassen. Der grosse Prozess hatte geendet und der arme Scharf konnte im Dorfe nicht mehr bleiben. Er flüchtete sich nach Budapest und ein roher Volksbaufe belagerte das Haus, wo der vom Schicksal verfolgte Mann mit seiner Familie ein Unterkommen gefunden. Er hatte noch das Glück, dass er unbemerkt vom Pöbel im Getriebe der Stadt verschwinden konnte, und dort lebte er von dem Gnadengehalte, das ihm die jüdische Gemeinde ausfolgte. Vor einigen Tagen erlitt er auf der Gasse einen Schlaganfall, die Rettungsgesellschaft überführte ihn ins Krankenhaus, wo er nach einigen Stunden starb. Budapest. Im Jahresbericht der Pester neologen jüdischen Gemeinde wird erwähnt, dass im Jahre 1904 aus ihrer Mitte 209 Personen ausgetreten sind, um zur Taufe zu gehen, ferner 12 Kinder im Alter bis 7 Jahren. Ausserdem wurde an 41 Knaben keine Beschneidung vollzogen. Ein aufrechter Jude auf hohem Posten. Sir Matthew Nathan, Gouverneur von Hongkong, hat die Wahl zum Ehrenpräsidenten des dortigen Zweigvereines der Anglo Jewish Association angenommen. Ein Jude als türkischer Lyriker. Trotzdem bereits seit dem Jahre 1300 Juden in der Türkei leben, hat sich bisher noch kein Jude als türkischer Literat betätigt. Nun endlich hat sich ein Jude als türkischer Lyriker zum Worte gemeldet. Die türkische Presse berichtet sehr sympathisch über das Erscheinen eines Bändchens Gedichte in türkischer Sprache aus der Feder desKonstantinopeler Juden Isaac F e r e i r a. Türkischerseits drückt man über diese Erscheinung um so grössere Befriedigung aus, als die Juden in der Türkei meist an der ihnen lieb gewordenen spanischen Sprache festhalten. Aus Rumänien. In der Sitzung der Kammer vom 19. Mai teilte der Vizepräsident mit, dass von nun an über je drei, welch« um Naturalisation eingereicht haben, zu gleicher Zeit abgestimmt werde. Es erhoben sich sofort Stimmen des Protestes, weil man fürchtete, es könnten durch diese Bestimmung mehr Juden naturalisiert werden. Die Protestler gaben sich jedoch zufrieden, als man ihnen erklärte, dass jetzt drei zu gleicher Zeit abgewiesen werden. Es sollte aber auch ein Bureau errichtet werden, welches Beschwerden über Unfug auf administrativem Gebiete entgegennehmen und gutmachen sollte. Man kennt in dieser Hinsicht die Verhältnisse im „Belgien des Orients* und man weiss auch, was ein solches Bureau leisten könnte. Ja, aber der am meisten Geschädigte ist der Jude; ihm würde ja auch das Bureau offenstehen müssen, was jedoch den Patrioten nicht recht sein kann, so dass der Junimist D. B o d e z ganz erregt erklären musste, man müsse gegen diese Einrichtung stimmen, da sie doch keinen Zweck hätte, denn nur Juden würden Klagen einbringen, dass man ihnen keineReisepässe ausfolgenwolle usw. Das heisst wirklich offen gesprochen! Die Behauptung des gewesenen Ministers für Kultus und Unterricht, Spiru H a r e t, in seiner Broschüre „Die Bauernfragea, dass die jüdischen Gutspächter den Bauern ausbeuten, werden mit jedem Tage widerlegt. So erhoben sich am 21. Mai im Dorfe Mandre gegen 400 Bauern gegen den rumänischen Gutspächter Petre Popescu wegen Ausbeutung,, ein Fall, der in beaug auf die Juden in Rumänien noch nicht vorgekommen ist. L. S. M. Zur Scliächtfrage. Der Verein der Jüdischen Fleischhauer Wiens hielt am Sonntag den 28. Mai in Guths Hotel eine gutbesuchte Versammlung ab, die über das Schächtverbot beraten sollte. Da jedoch mittlerweile dieses Verbot seitens der Statthalterei sistiert worden war, begnügte sich der Vorsitzende Herr Siegmund Kornmehl damit, der Versammlung dies mitzuteilen und sie aufzufordern, vom wirtschaftlichen Standpunkte die Sache zu besprechen, was auch durch mehrere Herren in ausführlichem Masse geschah. Nach Besprechung einiger interner Angelegenheiten wurde ein Antrag zum Beschluss erhoben, dahingehend, der Verein der Jüdischen Fleischhauer habe sich mit dem Kultus vorstände ins Einvernehmen zu setzen, damit dieser strenge darauf achte, dass die Wiener Koscher-Fleischselcher nur Fleisch von geschachtet en Tieren für ihre Zwecke benützen dürfen. Nach anderthalbstündiger Dauer schloss die Versammlung. Zeitschriften-Rundschau. Tribuna Sionista, Nr. Mai. Durch mehrere Protestkundgebungen gegen den territorialistischen Artikel des Dr. Codreanu in Nr. 1, sah sich die Redaktion veranlasst im einleitenden Artikel, nochmals ihren teritorialistischen Standpunkt zu präzisieren, und zwar folgendermassen : „Unter Territorialismus verstehen wir die Tendenz, in irgend einem Teile der Erde einen freien jüdischen Staat zu gründen, wo sich ein nationaljüdisches Lebeng wird tntwickeln können, wo die Juden ihre Sprache. Geschichte und Literatur werden pflegen, wo sie alle ihre Kräfte werden konzentrieren können, um für Palästina zu arbeiten, woran wir durch unsere glorreiche Vergangenheit gebunden sind. In dem darauffolgenden Artikel widerlegt Dr. Abr. Stern die Beschuldigung, dass die Zionisten den Juden Rumäniens, welche um die Naturalisation eingereicht haben und einreichen wollen, dadurch schaden, dass sie fortwährend Palästina als ihr eigentliches Vaterland ausgeben. Im Artikel „Der Kongress in Basel" skizziert S. Baruch die Auf-