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Die Welt · 1905-06-02 · 22 (2.6.1905) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
22 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „bie # weit11 Nr. 22 bekannt. Hoffentlich wird aus diesen Plänen nichts; denn da in der Türkei innere Anleihen Zwangsanleihen sind, würde die gesamte Volkswirtschaft eine schwere Belastung erfahren. Diese leidet ohnehin unter der Unsicherheit der politischen Verhältnisse. In Anatolien liegt das Geschäft ganz darnieder, die wehrpflichtigen Männer werden unter die Fahnen gerufen. Nicht einmal der Loskauf wird mehr gestattet, so dass mangels an Arbeitskräften die Feldbestellung leidet. Jeder hält sein Geld zurück und kauft nur das Notwendigste. Deutsche Palästinabank in Berlin. Die Aktionäre der Bank wurden auf den 11. Mai d. J. zu einer ordentlichen und ausserordentlichen Generalversammlung einberufen, die auch eine Herabsetzung des gegenwärtig 800 000 Mark betragenden Grundkapitals auf 600 000 Mark durch Zusammenlegung zwecks Vornahme von Abschreibungen sowie gleichzeitige Erhöhung des Grundkapitals durch Ausgabe von Vorzugsaktien beschliessen sollte. In der Generalversammlung wurde der Abschluss für 1904 genehmigt, der einen Gewinnsaldo von 27 334 Mark (i. V. 59 807 Mark) aufweist, und die Wiederwahl der beiden ausscheidenden Aufsichtsratsmitglieder vollzogen. Unter Aufhebung eines früheren Beschlusses betreffend eine Erhöhung des Grundkapitals bis zu 1 Million Mark wurde sodann beschlossen, das gegenwärtig 800 000 Mark betragende Grundkapital auf 600 000 Mark durch Zusammenlegung von je vier Aktien in drei herabzusetzen zwecks Vornahme von Abschreibungen und Bildung von Rücklagen. Gleichzeitig soll das Grundkapital wieder erhöht werden bis um 200 000 Mark durch Ausgabe von Vorzugsaktien. Diese Aktien haben Anspruch auf 5prozentige Vorzugsdividende ab 1. Jänner 1905 mit Berechtigung auf eventuelle Nachzahlung. Je drei zusammengelegte Stammaktien berechtigen zum Bezüge einer Vorzugsaktie zum Nennwerte zuzüglich 3 Prozent Stempel und Kosten. Die zusammengelegten Aktien, auf welche das Bezugsrecht ausgeübt wird, erhalten ebenfalls den Charakter von Vorzugsaktien. Die nicht gezogenen Vorzugsaktien sollen gleichfalls zu 103 Prozent begeben werden. Zur Begründung der Sanierungsmassnahmen bemerkte der Vorsitzende Dr. Max Schoeller, dass die Bank im verflossenen Jahre ebensogut gearbeitet habe wie in früheren Jahren und dass nur äussere Momente das Ergebnis nachteilig beeinflusst hätten. Es seien nämlich gegen die Intentionen des Aufsichtsrates Warensendungen bevorschusst worden, die wegen zweifelhafter Bonität des Gläubigers später übernommen werden mussten. Hierdurch und infolge gleichzeitiger Verflauung des Marktes erwachsen der Bank erhebliche Verluste. Im Zusammenhange damit mussten, um eine Deroutierung des Marktes zu vermeiden, beträchtliche Reserven gehalten werden, so dass nur zwei Drittel des Bankkapitals werbend waren. Die Verwaltung sei mit ihren Massnahmen weiter gegangen, als die Verhältnisse es erfordern, glaube indes, damit der Bank um so rascher die frühere Rentabilität wieder zu gewinnen. Man werde vermutlich im nächsten Jahre wieder die frühere Dividende (5 Prozent) verteilen. Die Orientbank in Aegypten. Nachdem die Orientbank bereits eine Reihe von Niederlassungen begründet hat, ist nunmehr auch die Errichtung einer Niederlassung in Aegypten, und zwar in Alexandrien, beschlossen worden. Das Projekt wird in Aegypten, insbesondere auch von der deutschen und griechischen Kolonie in Alexandrien, sehr sympathisch begrüsst. „Altneuland", IL Jahrg., 5. Die Aliens - Bill. Im Vordergrunde des Interesses steht in England nach wie vor die Aliens-Bill, mit der sich nachgerade alle jüdischen Kreise auf das intensivste beschäftigen. Mit grosser Spannung wurde namentlich eine Versammlung der „Poale Zion" inWhitechapel erwartet, in welcher Herr Dr. G a s t e r sich über die „Aliens - Bill und den Zionismus" verbreiten sollte. Herr Dr. Gaster sagte in seiner beif. aufgenommenen Rede, das Gesetz solle nicht heissen Aliens-Bill, sondern Juden-Bill! Die statistischen Daten, mit denen man die Bill stütze, seien bei den Haaren herbeigezogen. Wenn man die Zahl der in London befindlichen Juden mit 100 000 annehme, wie könne man dann von einer Einwanderung von 30—$0 000 Juden pro Jahr sprechen? Chamberlain hat sich im Parlament als der Protektor der Juden zeigen wollen, indem er sagte, die Juden wünschten selbst den Schutz vor ihren Brüdern. England trete, so erklärte Dr. Gaster, mit dieser Bill in die Fussstapfen eines der reaktionärsten Staaten, Rumäniens! Am Schlüsse seiner Rede betonte Dr. Gaster, das den Juden selbst im freiheitlichen England widerfahrende Schicksal lehre die Juden, dass ihr Heil hur in der Selbstemanzipation liege. Welcher Jude werde sich den Engländern oder Amerikanern aufdrängen, wenn er wissen werde, in Palästina eine Heimstätte zu finden? Die Versammlung nahm schliesslich eine vom Redner vorgeschlagene Resolution an, in der protestiert wird gegen die auf eine unverlässliche Stitistik aufgebaute Aliens- Bill, mit der England herabsteige von seiner hohen Warte des Liberalismus und der Toleranz. Die Resolution betont schliesslich die Notwendigkeit der Schaffung einer Heimstätte in Palästina. — Sehr interessant gestaltete sich auch eine Versammlung in Aldershot, wo der bekannte liberale Abgeordnete Campbell-Bannerman über die Aliens-Bill sprach. Der Redner erklärte sich als offenen Gegner der Bill und sagte, diejenigen, die jetzt die Arbeiter durch diese Bill zu schützen vorgeben, hätten seinerzeit die chinesischen Arbeiter ins Land gebracht, um die Löhne zu drücken. Der Redner sei auch darum gegen diese Bill, weil in einem freiheitlichen Land der Eintritt nicht verwehrt werden dürfe wegen der Armut der Einlasssuchenden oder derjenigen, die eines Asyls bedürftig seien. — Grosse Wirkung auf das Parlament darf man sich von einer Idee des Herrn B e n t w i c h versprechen, der anregte, aus jedem einzelnen Wahlbezirk möge man Petitionen an den Vertreter des Bezirkes wegen Abänderung der ungerechten Bestimmungen der Bill richten. In Bristol und Stockton wurde mit derartigen Petitionen bereits der Anfang gemacht und man darf hoffen, dass es der lebhaften Agitation gelingen wird, auch andere Bezirke zur Absendung derartiger Petitionen zu bewegen. — Es wurde bereits von dem von Lord Avebury stammenden Gesetzentwurfe, betreffend die Schliessung sämtlicher Geschäftsläden in East End, berichtet. Es wurde eine parlamentarische Kommission mit der Aufgabe eingesetzt, die hierauf bezüglichen Verhältnisse zu prüfen. Recht interessante Aufschlüsse gab dieser Kommission der Rektor von Whitechapel, Rev. A. Poynder. Er sagte, dass der Sonntagsmarkt in Whitechapel und Umgebung von 30- bis 50 000 Personen aus ganz London besucht werde, was am besten dafür spricht, dass diese Sonntagsmärkte tatsächlich einem tief empfundenen Bedürfnis entsprechen. Eine bemerkenswerte Einsicht bekundete das Mitglied dieser Kommission, der Herzog von Northumberland, indem _ er bemerkte, dass die geplante Bill den Juden in einen grossen Nachteil gegenüber dem christlichen Händler setzen würde, indem er statt eines zwei Geschäftstage in der Woche verlöre. In der Kommission kam auch ein Protest der Dockarbeiter gegen den Entwurf zur Sprache, die gegen das Verbot des Sonntagshandels aus einem sehr einfachen Grunde sind: sie arbeiten am Samstag bis spät abends und kommen, da sie vorher kein Geld haben, erst am Sonntag% dazu, ihre Bedürfnisse zu decken. Ein von der Kommission vernommener christlicher Einwohner von Whitechapel wandte sich ebenfalls gegen den Entwurf und machte die nicht uninteressante Eröffnung, dass viele Läden in Whitechapel überhaupt nur am Sonntag geöffnet, während der Woche aber geschlossen sind. Da der Kommission Amendements zu dem Entwurf von dem jüdischen Abgeordneten Alexander vorliegen, dürfte sich die Kommission nach ihren bisherigen Erfahrungen denn doch genötigt sehen, dem Entwurf eine für die Juden des East End günstigere Fassung zu geben. Der Antisemitismus in Frankreich. Die da meinen, der Antisemitismus sei in Frankreich bereits ausgestorben, täuschen sich recht gewaltig. Die französische Antisemitenföderation hat vor kurzem wieder an ihre Existenz erinnert und auch die antisemitische Presse Frankreichs geht wieder scharf ins Zeug. Vor kurzem fand in Bordeaux, wo bekanntlich sehr viele Juden wohnen und angesehene Positionen einnehmen, ein Kongress der französischen Antisemiten statt. Die Versammlung wählte mit Absicht diese Stadt, um die dortigen Juden zu provozieren, doch war man so klug, den Herren Antisemiten nicht aufzusitzen. Präsident des Kongresses war der Abgeordnete General Jacques, der seine Eröffnungsrede mit den Worten begann: „Ich bin Katholik, Patriot und Soldat!" Der katholische Soldatenpatriot entwarf hierauf ein Bild von der Entwicklung der antisemitischen Partei und setzte mit einem tiefen Seufzer fort: „Unsere moderne Armee ist nicht mehr dieselbe^ wie ich sie kannte, als ich vor 42 Jahren in die nationale Organisation eintrat!" Dem würdigen Präsidenten folgten noch einige Redner, die in ähnlich larmoyanter Weise mit beweglichen Worten das Ueberhandnehmen des liberalen Geistes beklagten. Aus den der Versammlung vorgelegten Berichten ersah man, dass die Mitgliederzahl der Föderation im letzten Jahre nicht gewachsen ist, was immerhin mit Befriedigung konstatiert werden soll. Vielleicht ist dies auch der Grund, dass die antisemitische Presse, im Gefühl, allmählich an Terrain zu verlieren, ihre Leser mit faustdicken Lügen über die bösen Juden bedient. Die Ereignisse in Russland bieten der „Libre Parole44 und ähnlichen Blättern gute Gelegenheit, den gläubigen Lesern abenteuerliche Märchen aufzubinden. Die Kundgebungen der russischen Aerzte und der übrigen russischen Intelektuellen seien nicht ernst zu nehmen, denn „bekanntlich" seien alle diese Manifestanten ausschliesslich Juden, so wie auch die Industrie völlig in Händen der Juden sei, notabene der „deutschen Juden". Damit glaubt das würdige Blatt die Sache in doppelt schwarzem Licht dargestellt zu haben; man bedenke, nicht nur Juden, also schon darum ver-

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