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Die Welt · 1905-06-02 · 22 (2.6.1905) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
22 (2.6.1905)
Date
1905-06-02
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „bie # weit11 Nr. 22 agoge ist schon längst geschlossen. Der „Lodzinskij Listok" brachte dieses Dementi, der Angeber der falschen Nachricht, der „Warschawskij Dnewnik", aber nicht ... Was Wunder also, dass das Gift der Verleumdung der Juden immer mehr um sich greift und Folgen zeitigt, welche in Schitomir, Melitopol und in vielen anderen Städten soeben blutigen Ausdruck fanden. Es ist ein System, welches hier auf allen Linien beobachtet wird, ein System von Tücke und Unbarmherzigkeit, von Heuchelei und Entsittung, von künstlicher Erziehung jenes elementaren Hasses, dem schon so viele jüdische Menschenleben zum Opfer fielen . . . Dieses System offenbarte sich sogar bei dem 1 rauergottesdienste für die Ermordeten von Schitomir, welcher in der Petersburger Synagoge veranstaltet wurde. In tiefer Erschütterung und Herzbeklemmung schilderten einige Redner die blutigen Vorgänge in Schitomir und erklärten, dass die Ursache der Erlässe gegen die Juden darin zu suchen ist, dass die Juden als eine ausserhalb der Gesetze stehende Gruppe der Bevölkerung betrachtet werden. Im Nu erschienen in der Synagoge, wie die „Birschewyja Wjedemosti" melden, Polizeibeamte, um den Wehklagen der Juden um ihre unschuldig abgeschlachteten Brüder ein Ende zu machen . . . Den Juden in Russland ist also nicht einmal gestattet, ihre Toten zu beweinen! Gibt es (Jenn etwas Grausameres, als dieses System? Gt. Ein JubLäum der judischen Einwanderung in Nordamerika. Wie wir bereits lerichtet halen, werden demnächst zweiündein-halb Jahrhunderte verflossen sein, seit die ersten Juden sich in den Vereinigten Staaten von Nordamerika niedergelassen haben. Die gesamte jüdische Bevölkerung des Landes trifft grossartige Vorbereitungen zur glänzenden Feier dieses Jubiläums, deren Mittelpunkt die Stadt New York sein wird. Haben die Juden doch hier die erste Niederlassung besessen, die erste religiöse Gemeinschaft gegründet und die ersten Kämpfe um bürgerliche und kommerzielle Freiheit siegreich ausgefochten. Hier ist ihre Zahl in einem Masse angewachsen wie nirgends sonst in der alten oder neuen Welt, denn New York beherbergt gegenwärtig mehr Juden, als je auf einem Platze zusammen gewohnt haben. Ihre Zahl beläuft sich auf rund 700 000, während ebensoviel sich auf die übrigen Staaten der Union verteilen. In den letzten -20 Jahren vor 1904 sind in New York 694 172 jüdische Einwanderer gelandet, von denen nicht weniger als 504 181 in der Stadt verblieben. Wie wir einem interessanten Artikel der „New York Tribüne" entnehmen, haben die Juden dort schneller Reichtümer gesammelt als anderswo. Als die ersten 23 Juden 1654 in Neuamsterdam ans Land stiegen, mussten ihre Habseligkeiten zur Deckung der Ueberfahrtskosten öffentlich versteigert werden, heute aber beziffert sich der Wert des Grundbesitzes in jüdischen Händen auf 870 Millionen und der jährliche Umsatz im Grosshandel auf 950 Millionen Dollars. Auf dieses Anwachsen von Wohlstand und Macht glauben die Juden aber auch ein Anrecht zu haben, sind doch nach der „Jüdischen Enzyklopädie4' Juden es gewesen, die den Entdecker Amerikas nicht bloss mit astronomischen Büchern und Instrumenten, sondern auch mit Geldmitteln für seine beiden ersten Reisen versehen haben. Ueberdies haben sechs Juden Kolumbus auf seiner ersten Reise begleitet, nämlich Luis de T o r r e s, Aifonzo de la Calle, Rodrigo und Gabriel S a n c h e z, M a r c o, der Schiffschirurg, und B e r n a 1, der Schiffsarzt, und T o r r e s soll es gewesen sein, der als erster Europäer den Boden des neu entdeckten Landes betreten, wie er auch zuerst den Gebrauch des Tabaks bei den Indianern kennen gelernt hat. — Die ersten 23 jüdischen Ansiedler, die im September 1654 das Land betraten, kamen aus Brasilien, von wo sie vor den* Verfolgungen der Portugiesen geflüchtet waren, und sie hatten mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden, ehe ihnen die Ansiedlung gestattet wurde. Diesen ersten Einwanderern folgten später mehr, doch auch diese waren genötigt, sich ihre Rechte zu erkämpfen. Die Holländer verweigerten den Juden das Recht, Kleinhandel zu treiben, und so wandten sich, wie der Historiker Max T. Kohler erzählt, die ersten jüdischen Kaufleute dem Einfuhrhandel zu, den sie in der Folgezeit in einem Umfang an sich gebracht haben, dass sie jetzt fast den gesamten Grosshandel in der Hand haben. Ihre Lagerhäuser und Kontore ziehen sich meilenweit am Broadway hin. Neuerdings ist auch eine grosse Zahl von Detailgeschäften im Besitze jüdischer Kaufleute. Die ersten Importeure traten in Handelsbeziehungen mit Westindien und Südamerika, von wo die meisten von ihnen hergekommen waren. In Curacao, Surinam, St. Thomas, Jamaika und Barbados hatten sie verwandte Glaubensgenossen und Bekannte und dorthin Hessen sie die ersten Schiffe gehen. Bei einem Juden, dem Pelzhändler Hayman Levy, hat übrigens John Jakob A s t o r seine ersten Unterweisungen in der Geschäftspraxis erhalten. Wie wir aus dem Artikel weiter ersehen, gehörten Juden im Jahre 1782 zu den Gründern der New Yorker Fondsbörse. Als der Revolutionskrieg ausbrach, halfen die Juden den Freiheitskämpfern nicht bloss mit Geld, sondern stellten sich selbst in ihre Reihen. Die meisten Juden, die in den verschiedenen Kriegen des Landes mitgekämpft haben, waren aus New York. Diese Stadt scheint eine wachsende Anziehungskraft auf die Juden ausgeübt zu haben. Vor hundert Jahren blieb von sechs jüdischen Einwanderern einer in New York, 1880 war es schon die Hälfte und heute sind es fünf von sechs, die nicht weiter gehen. Die grösste Zahl ist in den letzten 20 Jahren hinzugekommen. Bis 1812 herrschten die spanischen und portugiesischen Juden vor und am Schlüsse dieser Periode waren nicht mehr als 500 vorhanden. Dann kamen Juden aus England und Deutschland, die letzteren infolge der napoleonischen und anderen Kriege aus den kleinen Städten der Südstaaten. Gegen 1882 überwogen die deutschen Juden alle anderen um ein Bedeutendes sowohl an Zahl wie an Reichtum. Später suchte infolge der Maigesetze in R u s s 1 a n d ein Heer von russischen Juden inNew York Zuflucht und jetzt sind sie bei weitem die zahlreichsten. Die New Yorker Juden sind zu Ansehen gelangt nicht bloss in H a nd e 1 und anderen Berufsarten, sondern auch in der G e s e 11 s c h a f t, der Politik, Wissenschaft und Musik. Der erste j ü d ische Advokat war Sampson Simpson, der 1802 zur Advokatur zugelassen wurde, jetzt, sind etwa ein Drittel aller Rechtsanwälte Juden. Die italienische Oper wurde durch Lorenzo da Ponte, einen jüdischen Prof essor am Columbia College, in New York eingeführt und heute ist Heinrich Conried, ein Jude, Leiter der grossen Oper. Die meisten der New Yorker Theater werden von Juden geleitet und ebenso sind viele Dichter und Komponisten jüdischen Glaubens. Auch in der Staatsverwaltung haben Juden wichtige und einflussreiche Stellungen innegehabt. Auf philanthropischem Gebiet , endlich haben die Juden New Yorks nicht bloss ihren Glaubensgenossen gegenüber stets eine offene Hand gezeigt und zur Einrichtung von Waisenhäusern, Hospitälern usw. grosse Summen gespendet. Aus dieser Darstellung kann man deutlich ersehen, welcher grossen Zukunft unsere Volksgenossen auf e i g e n e m Boden entgegengehen würden. gt. Aufruf zugunsten der Juden Schitomirs. Das in Schitomir zur Unterstützung der von den Exzessen hart betroffenen Volksgenossen gegründete Komitee erlässt folgenden Aufruf: „Schreckliche, grauenvolle Tage haben wir Juden in Schitomir erlebt, die Tage vom 23, bis 26. April, Tage voll Mord, Verwüstung und Zerstörung. Mengen

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