Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 22 (2.6.1905)
- Date
- 1905-06-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- Pinsk 2× ep/1045440
- Minsk 1× ep/1000754
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Nr. 22 „bie # Wtitw Seite 7 Bikur Gholim-Vereiri gegründet hat. Ist auch die Behandlung der Patienten hier wie dort gleich vorzüglich, so ist ihnen doch die gepresste Luft, verursacht durch die enge Lage, welche die Stadt mit sich bringt, minder zuträglich. Weder Misgab Ladach noch Bikur Gholim verfügen über einen wie immer gearteten Garten, was insbesondere von Rekonvaleszenten höchst ungern vermisst wird. Die verschiedenen Talmud Thora und besonders die vier sogenannten Hochschulen: EzChajim, Thorath Chajim, Meah Schearim und die grosse Jeschibah des Brisker Raw könnten segensreich wirken, namentlich wenn sie gehörig beaufsichtigt und von verständigen Personen geleitet würden. Mit Ausnahme einiger weniger werden alle diese Anstalten von Wohltätigkeitsgeldern erhalten. Man muss ohne Rückhalt gestehen, dass sich hier der gerühmte jüdische Wohltätigkeitssinn auf glänzendste bewährt. Aber für die wirtschaftliche Lage Jerusalems, die allein eine bessere Zukunft herbeizuführen imstande ist, die die Ghaluka entbehrlich machen und dennoch das Elend bannen würde, ist jüdischerseits bis heute so viel wie nichts geschehen. Es wäre zu wünschen, dass auch dieses Feld nicht länger brach liegen bliebe. „Altneuland", II. Jahrg. Nr. 5. Aus Russland. Die blutigen Tage von Schitomir haben etwas enthüllt, was unsere Volksgenossen in Russland und auch die gutgesinnten Elemente der russischen Gesellschaft mit Schrecken erfüllte. Ks hat sich nämlich herausgestellt, dass die offiziellen Pressorgane der russischen Regierung, gleichsam der Weisung dunkler Mächte gehorchend, wissentlich falsche Nachrichten über die Juden verbreiten, um Judenexzesse hervorzurufen und bereits stattgefundene Ausschreitungen gegen Juden zu rechtfertigen . . . Allen diesen offiziellen Pressorganen voran geht der „Regierungsbote4'. Seitdem der ehemalige Chefredakteur des „Regierungsboten", der inzwischen verstorbene vornehme Dichter und begabte Novellist Slutschewsk y, von seinem Posten zurücktrat und durch den panslavistischen Professor Kulak o w s k i j, einen intimen Freund des verstorbenen Kurators des Warschauer Lehrbezirkes, des bekannten Juden- und Polenfressers A p e r e k t i n, ersetzt wurde, hat dieses Amtsblatt der russischen Regierung eine offenkundig feindselige und tendenziöse Stellung den Juden gegenüber eingenommen . . . Bereits vierundzwanzig Stunden nach der erschütternden Judenmetzelei von Kischenew brachte der „Regierungsbote" ein Communique, in welchem die Geschichte der Entstehung des Massacres geliefert wurde. Da wurde mit der Unfehlbarkeit einer amtlichen Feststellung erzählt, dass der Urheber des Blutbades ein jüdischer Karussellbesitzer gewesen sei, der eine Christin, welche ihm die Bezahlung des Preises für eine Fahrt verweigerte, schwer misshandelt hätte . . . Diese Darstellung erwies sich aber später als eine grobe Unwahrheit. Die A n - Klageschrift im Kischenewer Prozesse, welche doch gewiss von nicht philosemitischen russischen Staatsanwälten verfasst wurde, hat diese Unwahrheit selbst konstatiert. Aul Grund der Ergebnisse der gerichtlichen Untersuchung wurde nämlich festgestellt, dass es in Kischenew gar keinen jüdischen Karussellbesitzer gegeben hatte . . . Und doch blieb die Unwahrheit des Amtsblattes ohne Richtigstellung und wurde von den antisemitischen Blättern in Russland bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit wiederholt und aufgefrischt. Kurze Zeit darauf überraschte der „Regierungsbote" die russische Gesellschaft mit einer neuen blutigen Mär über die Juden. Diesmal aber verlegte das russische Amtsblatt den Schauplatz seiner Erfindung nach Pins k. Das russische Amtsblatt meldete damals, dass „in der Nähe der jüdischen Synagoge4' in Pinsk der Christenknabe Joseph Kisselew von drei Juden überfallen, durch Messerstiche schwer verwundet und hierauf in den Fluss Pina geschleudert wurde. Diese Meldung des offiziellen Blattes rief ungeheure Sensation hervor. Der Gouverneur von Minsk traf in Begleitung von zwei Eskadronen Kosaken in Pinsk ein, um die Sache zu untersuchen. Die Meldung des „Regierungsboten" erwies sich als reine Erfindung... Alle Blätter in Petersburg und in Moskau brachten hierauf das von Pinsk aus von kompetenter Seite versendete Dementi, der „Regierungsbote" aber nicht . . . Noch mehr, der Bruder und Vormund des angeblich schwer verletzten Kisselew richtete an den „Regierungsboten" eine Depesche, in welcher die Meldung von der angeblichen Verwundung des Knaben als Unwahrheit bezeichnet wurde, aber das offizielle Blatt brachte auch dieses Telegramm nicht . . . Dieser Taktik blieb der „Regierungsbote" auch angesichts der Bluttaten in Schitomir treu. In seiner Darstellung der Ereignisse von Schitomir wusste der „Regierungsbote" viele die Juden arg kompromittierende Sachen zu melden. Unter anderem meldete das russische Amtsblatt, dass die J u d e u in S c h i t om i r bei ihren Schiess Übungen ein Bild des Zaren als Zielscheibe verwendet, dass sie zuerst auf die am Ufer des Flusses Peterew lustwandelnden Christen geschossen hätten . . . Nun aber hat sich diese vom russischen Amtsblatte gegen die Juden in Schitomir geschleuderte fürchterliche Beschuldigung wieder als grobe Lüge und reine Erfindung erwiesen . . . Kein geringerer als der Gouverneur von Wolhynien, Staatsrat K o t a 1 e y, selbst war es, welcher die Meldung des „Regierungsboten" in das Reich der Fabel verwies. Anfangs ermächtigte Staatsrat Kotaley die behufs Eruierung der Wahrheit über die Bluttaten von Schitomir nach dem Schauplätze der Ereignisse entsendeten Korrespondenten des „Odesskij Listok", des „Russkoje Slowo" und der Zeitschrift „Wolhinj" zu der Erklärung, dass die Meldung des „Regierungsboten" ihn selbst in Erstaunen versetzt hatte, da ihm von derartigen Handlungen der Juden nichts bekannt ist . . . Merkwürdigerweise wurde ein nach Petersburg behufs Veröffentlichung in den Blättern adressiertes Telegramm mit der erwähnten Erklärung des Gouverneurs Kotaley von der Zensur inhibiert und zur P u b 1 i k a t i o n nie h t zugelassen . . . In seiner Wahrheitsliebe telegraphierte der Gouverneur Kotaley an den Minister des Innern B u 1 y g i n, dass die Meldung des „Regierungsboten" über die angebliche Verwendung des Bildes des Zaren als Zielscheibe bei Schiessübuugen und über das angebliche Verhalten der Juden den Christen gegenüber auf E r f i n d u n g beruhe . . . Aber auch dieses amtliche Dementi hatte bis jetzt das Licht der Welt nicht erblickt . . . Es blieb irgendwo im Arbeitszimmer des Ministers liegen, während die Verleumdung des „Regierungsboten" ungehindert Verbreitung findet ... So wird Geschichte gemacht . . . Fast ebenso verhielt es sich mit der Meldung des „Regierungsboten" über die Unruhen in Kown o. Auch hier meldete das Amtsblatt, die christliche Bevölkerung von Kowno sei voll von Entrüstung gegen die Juden, welche regierungsfeindliche Kundgebungen veranstalten. Die angesehensten christlichen Bürger und der Gerneinderat von Kowno richteten hierauf ein sehr energisches Dementi nach Petersburg, aber dasselbe fand im „Regierungsboten" keine Aufnahme . . . Privatblätter druckten wohl das Dementi ab, das Amtsblatt aber . . . nicht. Dem verhängnisvollen Beispiele des „Regierungsboten" folgen auch die anderen offiziellen Pressorgane in Russland. Der „Warschawskij Dnewnik" meldete unlängst, dass die Juden beim Verlassen der alten Synagoge rote Fahnen entfalteten, revolutionäre Lieder sangen und auf einePatrouille schössen. Nun erwies sich die ganze Meldung als falsch» Die alte Syn-