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Die Welt · 1905-05-26 · 21 (26.5.1905) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
21 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 „bie * Weit" Nr. 21 schauend, von der Zukunft erwarten, dass sie im jüdischen Volke noch einmal eine eigene wertvolle Kultur erwecken wird, in der sich jüdisches Geistesleben mit den kulturellen Kr rungen Schäften der europäischen 'Völker vermählen wird. Was er nur hypothetisch gelten lässt, nehmen wir als gewiss* an. denn es wetterleuchtet, schon weithin sichtbar, wie -Ruppin übrigens selbst zugeben muss. Bricht er doch in den frohlockenden .Ruf aus: ..Schon heute küsst die moderne Kultur, wie die Frühlingssonne aus dem kalten Winterboden, aus dem so lange in künstlerischer Unfruchtbarkeit erstarrten orthodoxen Judentum ganz unerwartete Blüten hervor. Es geht ein grosser Zug durch diese Dichter und bildenden Künstler unter den Juden des Ostens. Sie haben eine günstige Spannkraft und einen Drang zur .Betätigung, wie er selbst von den deutschen. Juden, als sie in die deutsche Kultur eintraten, nicht erreicht ist. "Und dabei prägt sich in ihnen allen, der stärkeren Ausprägung der jüdischen Nationalität im Osten entsprechend, ein weit stärkerer jüdischer Einschlag als bei allen bisherigen jüdischen Künstlern aus. Sie geben nicht nur nicht, wie es die. Juden in den westeuropäischen Ländern taten, den Jargon zu Gunsten der Landessprache auf, sondern halten bewus-t an ihm fest und suchen sogar die alte Xationalspraeho. dass Hebräische, für ihre Zwecke wieder neu zubeleben. Mag in ihren Dichtungen heute der Einfluss der europäischen, insbesondere deutschen Dichtkunst nicht zu verkennen sein, so gibt ihnen doch die stärkste Note ihr jüdisches Volkstum. Hier ringen unzweifelhaft geeinte Kräfte zur Entfaltung, und wenn irgendwann und irgendwo, so wird hier im Osten unter dem Einflüsse der modernen Kultur, die den Orthodixismus niederbricht, das Judentum in künstlerischer und wissenschaftlicher Betätigung nochmals eine hohe und eigenartige Blüte treiben." Das junge politische, wissenschaftliche und künstlerische Leben, das sieh unter den Juden Osteuropas allenthalben regt und reckt und streckt, und die Uebertragungen der IxMleutendsten Werke der Weltliteratur ins Hebräische bedeuten die Morgenröte dieser neuen jüdischen Kultur, welche im Westen durchaus nicht etwa „kaum wahrnehmbar" ist, sondern vermöge der ihr innewohnenden Triebkraft bereits eine stattliche Gemeinde um sich schart und in gewissem Sinne Schule macht, wie beispielsweise die literarische Wirksamkeit York-Steiners zeigt. Es ist gewiss nicht gering zu veranschlagen und ein Zeichen der Zeit, dass in der Metropole des Volkes der Dichter und Denker, in Berlin, ein Verlag erstanden ist. der die Renaissance des jüdischen Geistes nach Gebühr zu würdigen weiss, den richtigem Instinkt für den Sturm und Drang J ungjudas hat. Und nun gehen wir zum Kapitel über den Z i o n i sm u s über. 'Ruppin. der jüdische 'Religion und Orthodoxie oder Zeremonialreligion verwechselt, hört bereits das Zügcnglöeklein, das das Verscheiden der jüdischen Religion kündet. Mit dem Schicksal der jüdischen Religion ist aber keineswegs das Schicksal des jüdischen Volkstums besiegelt, da die Existenzberechtigung eines Volkes als Sondervolk dargetan ist, wenn es als tätiges Glied der fortschreitenden Menschheit vermöge seiner besonderen natürlichen Anlagen die allgemeine K ult ur bereichert, in ihr eine besondere Xote anschlägt, eigene hohe Kulturwert c aus sieh heraus schafft. Die Juden sind nach all dem. was in den letzten Jahren in die Erscheinung getreten ist. und im Hinblicke darauf, dass sie in beziig auf intellektuelle Veranlagung eines der höchst gezüchteten Völker sind, dazu berufen und auserwählt. Kuppin aber will zwischen dem jüdischen Volkstum und dem Zionismus reinen Tisch gemacht wissen. Kr sieht zunächst zu rosig, wenn er findet, dass der »Jude des Westens eigentlich keinen Anlass habe, sich für den Zionismus zu begeistern, da er hier nicht nur in befriedigenden materiellen Verhältnissen, oft in Wohlstand und Eeiehtum, unter dem Schutze eines geordneten Gemeinwesens lebt. Bei uns in Oesterreich zum mindesten wird von Tag zu Tag immer besser und wirksanier dafür gesorgt, dass die Bäume der Juden nicht in den Himmel wachsen, zumal die Antisemitisienmg der Schule, die demnächst ein fait accompli sein wird, uns in die Zeit der konfessionellen Schule zurückschraubt. Ruppin. sagt hierzu, dass die westlichen Juden „infolge moderner Bildung gegenüber den Juden des Ostens das Gefühl der Ueberlegenheit haben und dass für sie der Gedanke, mit diesen im gleichen. Gemeinwesen zusammenzuleben, eher etwas Abstossendes als etwas Anziehendes hat". "Mag sein! Diesem Dünke] werden jedoch leicht die Flügel gestutzt werden können. Ganz abgesehen davon, dass, wie Kuppln selbst Anerkannt hat, im Osten das Eis gebrochen ist und von (fort der Flügelschlag einer neuen Aera gar vernehmlich zn uns dringt, ist es über jeden Zweifel erhaben, dass unsere östlichen Brüder den Herden, die sich von so erleuchteten Ichmenschen, wie Bielohlawek, Schneider e tutti quanti. sind, dirigieren lassen, vorzuziehen sind. Kein vollsinniger Mensch wird es wohl wagen, uns zu widersprechen, wenn ich behaupte, dass die bisherigen jüdischen Kongrosse an Würde und sittlichem Ernst den niederösterreieinsehen Landtag und das österreichische, wie auch das ungarische und französische Parlament turmhoch überragen. Die Zionisten sind nach Kuppin von ihrem Ziele so enthusiasmiert, dass sie allen Wirklichkeitssinn verlieren. Er gründet diesen Vorwurf darauf, dass Palästina für eine grosse jüdische Bevölkerung keinen Platz bietet. Es habe heute gar keine Grossindustrie und einen sehr geringen Aussenhandei. Ks stehe in beziig auf Technik und Umfang des Ackerbaues, auf Verkehr und. Gewerbe auf einer sehr niedrigen Stufe und nehme, wenn man die einzelnen Länder nach dem Grade ihrer Teilnahme an der Weltwirtschaft gruppiert, keinen höheren Rang ein als etwa Persien, Afghanistan oder Marokko. Es würde schon der Arbeit mehrerer Jahrzehnte, eines grossen Kapitals und sachkundigster Verwaltung bedürfen, um Palästina auf diejenige Stufe zu heben, auf der sich, heute die christlichen Balkanstaaten befinden. Wenn wir ferner annehme]], Palästina, das etwa 28 000 Quadratkilonieter gross ist, könne in absehbarer Zeit dieselbe Einwohnerzahl ernähren wie die christlichen Balkanstaaten, so würde es für etwa 1 100 000 Menschen .Raum bieten, d. h. es könnten, da die jetzt in Palästina, wohnenden 500 000 Christen und Mohammedaner doch nicht aus dem Lande hinausgeworfen werden können, etwa (500 000 Juden darin Platz finden. Diesen Ilaupi einwürfen stelle ich die Ausführungen des Professors O. YV a r b u rg in dein ersten Hefte der von ihm in Gemeinschaft mit F. Oppenheimer und S. S o s k i n herausgegebenen Monatsschrift: „A 1 t n e u- 1 a n du gegenüber. Er setzt dort auseinander, dass Palästina noch eineinhalb Millionen Menschen mehr fassen könnte, um die relative Bevölkerung der ihm an Grösse gleichkommendem Provinz Posen zu erhalten, und ^1/2 Millionen mehr, um dem Durchschnitt Deutschlands gleichzukommen, das jetzt, über 105 Einwohner auf den Quadratkilometer besitzt. End in den Nebenläiidcrn Palästinas fändei] bei eil]er Bevölkerung, wie Deutschland sie hat. ausser den jetzigen Einwohnern noch hundert Millionen Platz. Selbstverständlich würde eine Zahl von 10f> Einwohnern per Quadratkilometer entweder eine ziemlich starke Industrie oder eine se.hr intensive Landwirtschaft zur Voraussetzung haben. Doch vermag G arten k u 1t u r noch weit mehr als 1-05 Seelen pro Quadratkilometer zu ernähren, wie Japan und China beweisen, wo in fruchtbaren Gegenden 200 Seelen auf den Quadratkilometer

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