Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 „bie # w*it" Seite 13 Gleichheit der ganzen Menschheit, dem die Propheten und der Psalmist so erhebenden und innigen Ausdruck gegeben haben, habe ihn auf den Gedanken der Völkerpsychologie gebracht und je mehr er Psychologe wurde, desto mehr sei er Jude geworden. Daraus, dass sein Glaube kein Widerschein der Liebe zu den Eltern, sondern tief in seinem Innenleben begründet ist, ergibt sich von selbst, dass Lazarus einer Stärkung, Ergänzung und Durchdringung der ererbten Religion durch den modernen Ideenirnd Kuiturkreis das Wort redet, einem die Entwicklungsfähigkeit, die Möglichkeit und die Notwendigkeit des Portschrittes durch fortgesetzte Arbeit in sich selbst tragenden Judentum huldigt. Er verficht den Standpunkt, dass nur die durch vTradition nicht gefesselte Anschauung, nur das aus der ureigenen Quelle strömende Gefühl, nur die eigene Geistesarbeit in redlicher Prüfung und freier, schöpferischer Gestaltung der Ideen würdevolle Sittlichkeit uftd wahre Religion hervorbringen kann. Ueberlieferung ohne Prüfung ist blind und blöde. Neuschöpfung ohne Pietät ist kalt und unfruchtbar. Das Alte nrass immer wieder neugeboren, gleichsam neu in der Seele geschaffen werden, das Neue muss aus den Wurzeln des Alten emporwachsen. In das Alte muss man sich vertiefen, zum Neuen muss man sieh erheben. Gerade darum, weil die Religion einen wesentlichen, einen höchsten Teil seines Daseins, das Herz im Organismus seines Geistes bildet, weil er die wie Sphärenharmonie klingenden Worte: „Es sei denn, dass man die Religion um ihrer selbst willen sucht, sonst wird man sie nicht finden" gesprochen, bäumte er sich gegen den starren, äusserliehen, sich an den Buchstaben klammernden Konservatismus und setzte sich für die von den Ideen des prophetischen Judentums geleiteten Bestrebungen, eine freiere religiöse Entwicklung innerhalb des Judentums herbeizuführen, ganz und. voll in Wort und Schrift und Tat ein. Die beiden israelitischen Synoden, welche 1869 in Leipzig und 1871 in Augsburg tagten, haben ihrer Dankbarkeit hierfür Ausdruck gegeben, indem sie ihn zu ihrem ersten Präsidenten wählten. Später nahm er lebhaften und werktätigen Anteil an der Gründung der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. So war er einer der Ersten, welcher durch sein Vorbild den gebildeten, in angesehener sozialer Stellung sich befindenden Juden in Deutschland den Beweis erbrachte, dass man ein warmfühlender Jude und zugleich ein gediegener Jude sein könne, dass das Ausharrenbei der alten Fahne eine Ehrenpflicht gerade der Gebildeten bleiben müsse. „Treu und f r e i" nennt sich die 1887 in die Welt hinausgeschickte Sammlung geistsprühender und gottinniger Reden und Vorträge, in denen er zu der sogenannten Judenfrage Stellung nahm. „Treu und frei" war ja auch die Devise seines Lebens. Jawohl, er erwies sich immerdar treu und frei gegenüber denen, welche, im religiösen und politischen Leben die Treue bis zur Unfreiheit und die Freiheit bis zur Untreue trieben. Indem er in frommer Begeisterung für die ideale, von dem Hauche der Unendlichkeit durchwehte Lehre Israels und ihre welthistorische Mission erglühte, gab er seinen deutschen Glaubensgenossen zu bedenken, dass sie, um vollkommene, im höchsten Mlasse leistungsfähige Deutsche m sein, Juden sein und bleiben, das, was sie als Stamm an geistiger Eigenart, als Religion an Erbtugend oder Erbweisheit besitzen, festhalten und fortpflanzen müssen. Ein unentwegter Kämpe für das Judentum war auch Lazarus' Mitarbeiter und Schwager S t e i n t h a 1, der den Lehrstoff der Ethik an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums innehatte. Ein Stolz des Judentums ist aoich der berühmte Neukantianer Hermann Cohen, der vor kurzem den zweiten Band seines Systeme, die „Ethik des reinen Willens" veröffentlicht hat Auch er ist mit allen Fasern und Fibern seines Seins mit dem Judentum verknüpft und verwachsen; in ihm pulsiert ein felsenfester Glaube an die Ideen des Judentums, an deren unerschöpfliche Bedeutung und niemals versiegende Fruchtbarkeit. Nur die buchstäbliche, äüsserliche, dem Geiste der Geschichte widerstreitende Ansicht von der Quelle grosser, göttlicher Ideen ist ihm in innerster Seele zuwider; er zeichnet dem Judentum die Richtung vor: „Die Worte seien nicht eingegraben ( irnn ) in die Tafeln, sondern Freiheit ( THH ) sei in ihnen." Doch hat Ruppin darin recht, dass der weitaus überwiegende Teil der modern gebildeten Juden dem angestammten Glauben völlig entfremdet ist, dass die jüdische Religion* im westlichen Europa ein fast bedeutungsloses Schemen ist. Angesichts dieser kaum mehr zu überbietenden Indifferenz ist es eigentlich zum Verwundern, dass die Juden sieh nicht scharenweise zum Taufbecken drängen. Es muss also immerhin etwas geben, was allen Juden gemeinsam und so umfassend ist, dass es sie alle trotz der verschiedenartigsten Anschauungen und Bildungsgrade zu einem festen Ganzen vereinigt. Dieses Etwas besteht in der Gemeinsamkeit der historischen Schicksale aller von einander getrennten Teile der jüdischen Nation. Wir sind durch unsere ruhmvolle Vergangenheit innig verbunden, von einer mächtigen Kette ge-> schichtlicher, von unseren Vorfahren empfangener Eindrücke umschlossen, die im. Laufe der Jahrhunderte auf die jüdische Volksseele einstürmten und in ihr einen festen Niederschlag zurückliessen. Kurz gesagt, die gesamtjüdisohe Idee wurzelt hauptsächlich in dem geschichtlichen Bewusstsein. Dies ist meines Erachteais der letzte und tiefste Grund, welcher das Umsichgreifen der Taufe hindert, nicht, wie Ruppin meint, die Erwägung, dass es Feigheit und Verrat sei, eine in Gefahr befindliche, von allen Seiten angefeindete Minorität zu verlassen, dass die Ablegung des christliehen Glaubensbekenntnisses eine Unwahrhaftigkeit involviere und dass der getaufte Jude nicht sofort die volle Gleichstellung mit dem autochthonen Christen erlange. Wie wäre denn sonst die Erscheinung zu erklären, dass gewöhnlich gerade die freisinnigen Juden, die „libres penseurs" und die in religiöser Beziehung Indifferenten es sind, die bei allen unseren nationalen. Bewegungen im Vordertreffen stehen? Wie immer es aber auch sei, wir freuen uns bass über das Ausharren der Juden und sind aus den von Fritz W I ttels in seiner Broschüre über die Taufe entwickelten Motiven nicht sentimental genug, um mit Ruppin zu sagen: „Nicht immer wird die Taufe zu bedauern oder zu verwerfen sein. So achtenswert das Motiv des einzelnen Juden ist, der auf dem Posten ausharren will, auf den er durch seine Geburt einmal hingestellt ist, so ist doch im ganzen die Lage der westlichen Juden, die in ihrer überwiegenden Mehrheit weder gläuhige Religionsjuden sind noch ein jüdisches Volkstum und eine jüdische Kultur kennen, eine unglückliche und unwahrhaftige Zwitterstellung, im besten Falle ein schlechtes Kompromiss. Wen stimmt es nicht traurig zu sehen, dass so viele — nicht einem positiven Ideale zuliebe, sondernnur aus Pietät — dazu verurteilt sind, ihre Kräfte im Kleinkampfe zu verzetteln, statt sie für grosse Aufgaben zu verwenden? Dass viele der besten Juden zur Untätigkeit gezwungen sind, weil der volle Anschluss an eine Nation und das Wirken für dieselbe ihnen Schaffensbedingung ist und sie doch vollberechtigte Deutsche, Franzosen usw. nicht sein dürfen und für ein jüdisches Volk nicht oder noch nicht arbeiten können? Die Taufe ... ist aus diesem Zwiespalt mitunter noch der beste Ausweg." Wir verdammen diese Sentimentalität, von allem anderen abgesehen, schon darum, weil wir gleich Ruppin über die Gegenwart hinaus-