Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21 „bi$ # W$lt" Seite 11 sanier Abstammung stempeln. Wenn es aber in der Absicht des Ordens liegt, clietste Gesetze fallen zu lassen, die so vielen Juden Gelegenheit geboten haben, sieb ihm anzuschhessen und ihm ihre Kräfte zu widmen, so hätte eine dahingehende Erklärung sofort erfolgen müssen. Auch der verstorbene langjährige Grosspräsident, Mister Been, hat namentlich bei seinen Versuchen,, Jugendlogen zu gründein, um dem alternden und greisen Orden; junges Blut zuzuführen, stets das Stanuncstüml'icbe in dar» Grund Verfassung des Ordens betont. Zur Auswanderungsfrage. In der Zeit vom J. November 1904 bis l. MärzJ905 sind in New York 47 13U Juden eingewandert, gegen 2/ 266 in demselben Zeiträume des Jahres 190-1 und 19 478 im Jahre 1903. So stark auch diese Einwanderung ist und obgleich die Oester reicher und Italiener in demselben Zeiträume in verhältnismässig noch stärkeren Zahlen einwanderten, ist die Furcht vor eßnem generellen Verbot oder selbst vor einer erheblichen Erschwerung der Einwanderung in den jüdischen Kreisen Amerikas seit der Absetzung des grausamen Mr. Williams zurückgegangen. Als Chef des Immigratiouswesens auf Ullis Island, dem Hafen von New York, war er Herr über das Schicksal von hunderttausenden hilfloser Ankömmlinge; seine Untergebenen trieben es womöglich noch ärger als er selbst. Viele tausende von Familien, die nach der neuen Welt auswandern wollten, sahen in dem Hafen von New York ihre letzte Hoffnung scheitern. Das fortwährende Schikanieren ri-öf den Unwillen der öffentlichen Meinung wach und zwang den Präsidenten l<oosevelt, den Mann von seinem Posten zu entfernen. Seit dem J. Jänner 1901 amtiert an seiner Stelle der weit mildere Mr. Vv'atchorii. Derselbe bereiste vor einigen Jahren im Auftrage des Auswärtigen. Amtes Rumänien, um die Ursachen der Judenverfolgungen zu ergründen, und war darauf zwei Jahre lang Fjuwanderungskommissär der Vereinigten Staate in in Kanada. Jüdische Kolonisten in Amerika. Von sachverständiger Seite wird darauf hingewiesen, dass in Kanada für eine Farm von 160 engl. Acres (zirka 75 ha) die Einrichtung und das Inventar bei den allerbescheidensten Anforderungen einen Kostenaufwand von 20ÜÜ—3000 Mark erfordern, in Argentinien bei ungefähr gleicher Grösse (40 Cuader ä 17ha) des Gutes sogar die Summe von 4000—5000 Mark. Auch wenn Kolonisten diese Mittel, besitzen, haben sie weder in Kanada noch in Argentinien erfahrungsgemäss Aussicht auf Erfolg, wenn sie nicht längere Zeit im Lande arbeiten und sich mit allen Verhältnissen vertraut machen, bevor sie Landwirtschaft selbständig zu treiben unternehmen. In Argentinien wird das Land zwar nicht grundsätzlich, aber tatsächlich nur an solche Kolonisten verkauit, die schon einige Jahre in Argentinien auf dem Lande, sei es als Peone (Knechte), Medieros (rialbpartner) oder Arrendatarios (Pächter) gearbeitet haben. Ferne Brüder. Innerhalb der jüdischen Bevölkerung Turkestans sind 2 Gruppen zu unterscheiden: die aus Persien stammenden buch arischen .und die russischen Juden. Die ersteren sind der Tradition nach die Juden der Reiche Israel und Juda, die im Jahna 722 durch Sargern bezw. 597 -durch Nebukadnezar in die Gefangenschaft geführt und in Persien und Medien •angesiedelt wurden. Aus Kaswin und Merw wanderten diese Juden nach Buchara vor etwa 150 bis 200 Jahren nach der Annahme Vamberys ein, während Landsdeli, ein englischer Missionar und Gelehrter, diese Abwanderung schon vor sechs bis sieben Jahrhunderten annimmt. Spätere Ansieühmgen finden sich, abgesehen von denjenigen in der Stadt Buchara, in dem heute zu f^ussland gehör igen Samarkand und in einzelnen Teilen von Taschkent. Der bucharische Jude bewahrt einen unverfälscht hebräischen Typus der Glanzzeit des jüdischen Volkes und hat sich von jeder Vermischung freigehalten. Besonders schön ist der Frauentypus. Die sämtlichen Reisenden haben die Schönheit der bucharischen Juden stets hervorgehoben. Die soziale und rechtliche Stellung des bucharisehen Juden war in Buchara und China vor der Eroberung Samarkands durch die Küssen die denkbar traurigste und erinnert stark an die Stellung, die die Juden in den mittelalterlichen europäischen Staaten einnahmen. Bis 1886 zahlten die Juden in Samarkand eine jährliche Kopfsteuer von 24—25 Mark, so dass nach Vamberys Schätzung der Judentribiit etwa 16 000 Mark betrug. Bei Finanznöteu des Emirs war die Judenhetze an der Tagesordnung. Auch weitgehende Erschwerungen durch höhere Abgaben auf eingeführte Waren, als sie der Muselman zahlt, hielten den bucharischen Juden unter furchtbarem Druck, der seihst die Ausübung seines Gottesdienstes geheim halten musste. In dem Juden viertel von Samarkand fand sich J868 die Synagoge umbaut von anderen Häusern; ein. Bekanntwerden des Gottesdienstes hätte den Juden dien Kopf gekostet. So ist es zu verstehen, dass die bucharisehen Juden von unbegrenzter Dankbarkeit gegen die Russen als ihre Befrejier erfüllt sind. Der Handel ist den bucharisehen Juden durch die ihnen auferlegten hoben Einfuhrzölle erschwert, auch sind ihnen die Perser und Sarter an Gewandtheit überlegen und die Gläubigen kaufen nicht bei den Juden. Sie verlegen sich daher auf den Aussenhandel nach Europa. Im Gegensatze zu den Hindus in Buchara halten sich die bucharisehen Juden von den VN nchergeschüften streng fern.. Als Handwerk wird von ihnen besonders das Färben der Seide geübt. Die Beschäftigung der russischen Juden in Buchara ist eine wesentlich andere; in ihren Hände:i liegt der Handel mit Branntwein, Bier, Tabak im grossen und kleinen; als Handwerker üben sie das Schneider- und Schuhruacherhaiidwerk, daneben auch Geldgeschäfte. Durch rastlosen Eleiss haben es die bucharisehen Juden vielfach selbst unter den früheren drückenden Verhältnissen zu grossem Reichtum gebracht. Im Bildungswesen nimmt der Unterricht im Hehräischen, die Bibellektüre eine hervorragende Stelle ein. Der letzte Spross einer alten jüdischen Patrizierfamilie. Dieser Tage verschied infolge einer Herzlälunung im Alter von ö5 Jahren Herr Otto de la Parra in Köln. Der Verstorbene ist der letzte Spross der alteingesessenen Abrain Oppeulieimsehen Familie, der seinem angestammten Glauben, dem Judentum, treu geblieben. Während sämtliche anderen Mitglieder der weitverzweigten Patrizienaini.iie ihre Religion wechselten, konnte er .durch nichts und von.: niemandem bewogen werden, sein angestammtes Bekenntnis zu wechseln. Herr Otto de la Parru verkehrte als Jude in den ersten Kreisen und war überall gern gesehen; er ist Junggeselle geblieben. Der Verblichene war ein grosser Wohltäter; besonders zu jüdischen Zwecken spendete er gerne mit voller bland aus seinen reichen Mitteln. Der Entschlafene war Oberleutnant der Landwehr-Infanterie a. D., trotzdem er Jude war. Als tapferer Kämpfer hatte er die siegreichen Eeidzüge 1866 und 1870/71 nütgefochten. Jenze Moszkowicz*), ein berühmter jüdischer Erfinder des 17. Jahrhunderts. Jenze Moszkowicz war in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu Dublin geboren. Seinen ersten Unterricht empfing er von seinem Vater, einem verdienten Lehrer der dortigen höheren jüdischen Schule. Schon, frühzeitig bekundete er bedeutende Fähigkeiten und Neigung zu weltlichem Studium und da es ihm nicht möglich wurde, sich in seiner Vaterstadt ruhig und. ungehindert den Studien zu widmen, wurde er von seir.e<;m Vater noch" als junger Knabe nach Prag geschickt, wo er unter dem Schutz eines Verwandten mit vollem Eifer dem von ihm bevorzugten Studium der Mathematik und Mechanik oblag und zugleich eifrig, die Vorträge der berühmten Prager Professoren hörte. Als gelernter Mechaniker kehrte Jenze im Jahre 1650 in seine Heimat zurück und liess sich in Lu-blin nieder. Hier lebte er ruhig und zurückgezogen, ganz literarischen Forschungen und praktischen Arbeiten ergehen. Hier schrieb er ein grösseres mathematisches Werk, das aber mangels eines Verlegers nicht in Druck erscheinen konnte. Vermutlich soll das Manuskript in der berühmten Bodeljana- Bibliothek aufbewahrt sein. Zu einer Berühmtheit wurde Jenze erst dann, als er mit Hilfe von Maschinen und von ihm erfundener Vorrichtungen im Jahre 166-1 in der Ukraine aus dem Grunde des Dnjepr Kanonen, Ausrüstungen und Hafervorräte, die während eines Krieges versanken, herauszog. In Anerkennung dieser für die Armee hochwichtigen und nützlichen Tat ernanute König Johann Kasimir Jenze zu seinem Sekretär, was später auch König Michal Korybut durch ein in Krakau am 31). Oktober 1669 erlassenes Privilegium bestätigte. Dieses Privilegium lautet unter anderem folgenderniassen: „Fast der ganzen Welt sind die heldenhaften Taten des Uns empfohlenen Juden Jenze, gegenwärtig Unseres Sekretärs, bekannt, der Unsere Geschütze und Waffen, die in. den Wellen des Dnjepr versaukeiu sowie auch Vorräte an Hafer im Monate März des Jahres 16?>4 durch seine Erfindungen, Geschicklichkeit und Fähigkeit, indem er alle Todesfurcht von sich wies, zu jener Zeit nichts von Uns verlangend und sogar sein eigenes Leben der Lebensgefahr aussetzte, an das Ufer herausbrachte und vor dem Verluste bewahrte. Seine Geschicklichkeit in der Mechanik und sein bedeutendes Wissen in Betracht ziehend, beschlossen Wir, ihn unter Unsere Sekretäre einzuschreiben und erteilen Wir ihm mit diesem Unserem Dekret alle und jegliche Freiheit, jene Privilegien und Rechte zu gemessen, welche anderen Unseren Sekretären, zukommen, indem Wir ihn zugleich von jeder Steuerzahlung und anderen Leistungen, für das Land befreien, sogar von denen, die von der jüdischen Gemeinde beansprucht werden." Jenze musste auch weiterhin mit vollem Liter und Gründlichkeit seinem Vaterlan.de gedient haben, denn wir bemerken, dass auch König Johann III. Sobieski durch ein in Danzig am 2. September 1807 abgefasstes Privilegium seinen ------------5-. :::) Obigie: Notiz ist ein Abschnitt aus einem zum Drucke vorbereiteten Werke des bekannten Forschers Mathias Bersohn unter dem Titel: .,Biographisches Wörterbuch gelehrter polnischer Juden des XVI., XVII. und XVI11. Jahrhunderts".