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Die Welt · 1905-05-26 · 21 (26.5.1905) · page 7

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
21 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 21 „Die weit Seite 7 Diese Meldungen haben denn auch am 16. d. eine offizielle Bestätigung gefunden. An diesem Tage hielt das Ministerkomitee eine Sitzung ab, in welcher, wie die „Nowosti" und die „Russj" melden, beschlossen wurde, die jüdische Frage von der Tagesordnung abzusetzen und ihre endgültige Lösung der künftigen Volksvertretung zu überlassen. Nur eine positive Erleichterung bewilligte das Ministerkomitee den Juden: es gewährte den jüdischen Handwerkern das unbeschränkte Wohnrecht in ganz Russland, was jedoch noch der Sanktion des Zaren bedarf. LJabrigens ist auch diese Erleichterung bloss die Wiederherstellung des Rechtes, welches den jüdischen Handwerkern von Alexander II. gegeben, von Alexander III. aber genommen wurde. Inzwischen mehren sich die Trauerbotschaften über neue Judenhetzen aus verschiedenen Orten des jüdischen Ansiedlungsrayons, bei denen viele Juden getötet oder schwer verwundet, viele jüdische Häuser und Geschäfte vernichtet und ausgeplündert wurden. Die Agitation gegen die Juden wird so rücksichtslos betrieben, da:-s man in Tiraspol, wie die „Nowosti* meldeten, sogar den Versuch machte, einen Ritualmord zu fabrizieren, um eine Judenmetzelei herbei zuführen. Zum Glück wurde dieser Versuch rechtzeitig vereitelt. Das Verhängnisvollste bei all dem aber ist, dass der offizielle „Regierungsbote" eine offenkundig feindselige Haltung gegen die Juden eingenommen hat. Die Metzelei von Schitornir schrieb das russische Amtsblatt der Schuld der Juden zu, für antijüdische Exzesse in Kowno und in anderen Städten machte es die Juden verantwortlich. Wohl haben die Blätter „Russj* und die „Petersburgskja Wj«domosti* diese Tendenz des Organs der russischen Regierung scharf verurteilt, aber der Eindruck der hasserfüllten Ausfälle dos rRegierungsboten" gegen die Juden wird kaum abgeschwächt werden. Es dürfte somit jedermann klar sein, was für eine Besserung ihrer Lage unsere Volksgenossen von den russischen Reformen zu erwarten haben. Gt. Brief aus Jerusalem. Die Saison ist zu Ende und unsere Siadt ist wieder in ihren alten Schlaf versunken : Ueberall herrscht wieder Ruhe und Stille. Die Touristen, darunter viele jüdische Touristen, hatten für kurze Zeit etwas regeres Leben in die Stadt gebracht. Viele Juden und Christen haben durch sie viel profitiert. Ausserdem war die ganze hiesige Judenschaft hocherfreut über den grossen j üdischen Besuch; es war ein Zeichen, dass Palästina noch nicht aus den Herzen der Juden der ganzen Welt gestrichen ist. „Das ist ein Kiddusch Haschern"! riefen tiefgebeugte Brüder mit grosser Freude. Um das junge Geschlecht Jerusalems am Passahfeste zu erfreuen, wurden in der hiesigen Zionistenloge mittels einer Laterna magica schöne Bilder aus der jüdischen (leschichte, dem jetzigen Kriege, ferner Bilder gemischten Charakters vorgeführt. B«i der allgemeinen Versammlung der hiesigen Zionisten, welche ebenfalls in der Festwoche stattfand, ging es sehr lebhaft zu. Herr Rabbiner Doktor Grünhut, der trotz seines vorgerückten Alters unermüdlich für die Verbreitung unserer heiligen Idee in Jerusalem arbeitet, hielt eine sehr geistreiche und ergreifende Rede, in welcher er aus Talmudsprüchen die Idee des Territorialismus unterstützte. Seine Red« fand lebhaften Anklang und wurie mit grossem Beifall aufgenommen. Nach diesem Vortrage behandelte man di« Frage, ob sich der hiesige Verein mit dem Misrachi vereinigen" solle. Herr Michlin las einen Brief des Misrachioberhauptes an die hiesigen Zionisten vor. Nach kurzer Debatte beschloss man. sich mit dem Misrachi zu vereinigen, und ausserdem wurde erklärt, dass man sich den Territorialsten „Brie Zion" in Warschau, anschliesse. Herr M. Sacharo ff erfreute ilarauf die Versammelten du^ch eine schöne, auf Verse des Propheten Ezechiel und der Hagada gegründete R*»de. H»rr Hur witz gab dann einen Bericht über die Tätigkeit de* Komitees während des letzten halben Jahres; er rühmte besonders den Herrn Präsidenten Dr. Grünhnt, der loür-p Mühe scheut, wenn es dein Wohl und Gedeihen des Zionismus gilt, so dass während seiner Präsidentschaft die Zahl der hiesigen Ztonistea immer zunahm. Er zollte auch Herrn Susan itzky, Zahnarzt, alle Anerkennung, der trotz seines Alters seines Amtes als Kassier vortrefflich waltet. Hdem er von Haus zu Haus geht, um das Geld ri*r Sehekolim zu sammeln. Endlich galt sein Lob den beiden hochgeehrten K.-äuleins Helena G r ü n h u t und Mirjam Eise n s t a d t. welche am Purimballe, den die Zionisten veranstaltetet?, eine bedeutende Summe sammelten. Nach lebhaften Diskussionen und Aussprachen verliessen die Versammelten, hocherfreut von der Sitzung, das Lokal. —-- Frühling! Frühling in Jerusalem! Wir hatten schon die hellsten und schönsten Tage und erfreuen uns eines guten Wetters. Man erwartet sonach ein gutes Jahr, da namentlich di^ Regen uns regelmässig und ausgiebig be~ schieden wurden; der Winter scheint aber doch nicht so leichten Kaufes aas Feld räumen zu wollen, denn an den letzten Tagen des Festes (und noch jetzt) erhob sich ein stürmischer Wind, der nooh jetzt anhält, und jagt© den festlich gekleideten Spaziergängern den Staub, der sich in der Jaffastrasse in grossen Massen aufnäuft, in dichten Wolken ins Gesicht. Wir hatten dabei auch etwas Regen, doch es ist kein Zweifel: den Winter haben wir überstanden. Der Frühling siegt und erfreut die Erde und die Menschen. WTieder einmal die Apothekerfrage! Schon im vorigen Sommer drohte den hiesigen Apothekern Schliessung ihrer Apotheken, sofern sie nicht ein Diplom einer Phaimazieschule oder ein« Erlaubnis von Konstantinopel zur Führung ihrer Apotheke aufweisen konnten. Die meisten hiesigen Apotheker sind nur praktisch in ihrem Fache ausgebildet. Sie haben nie eine Apothekerschule besucht und haben die Praxis, auch ein wenig Theorie, einer von dem anderen gelernt. Wie gesagt, wurde schon vor acht Monaten den nichtapprobierten Apothekern von der Regierung befohlen, ihre Apotheken zu schliessen. Dieser Befehl ist damals nicht ausgeführt worden und man glaubte schon, dass der Drohung keine tatsächliche Folge mehr gegeben werde. Die Apotheker vergi össerten und verschönerten sogar ihre Apotheken, in der Hoffnung, ungestört ihrer Arbeit nachgehen und auf sicheren Verdienst rechnen zu können. Doch es vergingen kaum einige Monate, als am 2. April auf Befehl der Regierung sämtliche nichtkonzessionierten Apotheken für immer geschlossen wurden. So ist es leider dahin gekommen, da»s verschiedene Familien und Angestellte um ihren Verdienst, ja um ihre Existenz gekommen sind. Unter anderen bleibt au:,h die Apotheke des Vereines „Leina an Zion" geschlossen, da sein Apotheker kein approbierter war. Da früher das Einkommen der Apotheker kein geringes war, so war e« das Ziel vieler hiesiger junger Leute, die nicht die Mittel hätten, um nach Europa zu reisen und sich dort auszubilden, hier die Pharmazie zu erlernen und nach Erwerb von etwas Geld eine Apoiheke zu eröffnen oder in einer fremden Apotheke zu arbeiten. Jetzt ist dieser Erwerb den unglücklichen jungen Leuten verwehrt worden. Während des Pasbahfestes besuchten jüdische Gäste aus Russland, England und Oesterreich, auch aus den jüdischen Kolonien Jerusalem und erfreuten sich des angenehmen, gar nicht heissen Wetters. Eine seltene Aufnahme, da sonst um diese Zeit gewöhnlich der glühende Scirrcco zu w^hen pflegt. Josua Kantorowitz. Die Auswanderungsschwierigkeiten. (Vom Zentralbureau für die Regelung der jüdischen Auswanderung.) In den Frühjahr- und Sommermonaten schwillt in der R*gel die jüdische Emigration sehr stark an. Infolge der überaus traurigen Verhältnisse in Russland wird dies in diesem Jahre ganz besonders der Fall sein. Es erscheint daher angebracht, gerade jetzt auf die Schwierigkeiten^, hinzuweisen, mit denen die jüdische Auswanderung zu Trümpfen hat. Vor jeder unüberlegten und mit unzureichenden Mitteln unternommenen Auswanderung muss aufs allerdringendste gewarnt werden. Der Arbeitsmarkt in den Ländern, nach denen sich der Hauptstrom der jüdischen Auswanderer ergiesst, ist keineswegs verlockend. Die meisien, die vermeinen, dass sie durch eine Auswanderung dem Elend in ihrer Heimat sich entziehen können, sehen sich in d*m neuen Lande nur noch grösserer Not ausgesetzt. Den Ort haben sie gewechselt, die Not ist gebliehen. Solohe Wanderungen können dem Elend im Osten Europas nicht steuern. Sie tragen vielmehr nur dazu bei, den um eine Existenz ringenden, hungernden Massen, die bereits in den Immigrationsländern sich befinden, den schweren Kampf noch schwerer zu machen. Es ist unbedingt notwendig, dass der Zuzug nach den Uuberseeländern eine Zeitlang vollständig aufhört, damit, den Armen drüben Zeit gelassen wird, sich aufzuraffen. Ganz besonders vermieden rnusg es werden. Frauen und Kinder nachzusenden, bevor nicht der voraus^efahrene Ernährer finanziell so gestellt ist. dass er die -Ueberfahn seiner Familie bezahlen und sie in geordneter Weise nach ihrer Ankunft ernähren kann,

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