Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „bis # WtltÄi Nr. 21 wird man noch in dieser Angst leben?! Der Hass ist geschürt, die Leidenschaften geweckt. Aus zuverlässiger Quelle wird mitgeteilt, dass der Staatsanwalt beim Ausbruch der Kei]ids<digkeiton nach Petersburg depeschierte, die Unruhen .seien ausgebrochen, weil jüdische Jungen auf einem Kahn, das Bild dos Zaren /erschossen haben. Ein ^Kirchen, das absolut erlogen ist. So kämpft man gegen uns mit allen möglichen und unmöglichen Waffen!. . . PS. Aus l^urdytschew eilten ungefähr 20 Juden in Wagen herbei und mehrere kamen mit der Eisenbahn, um den 'Brüdern hier zu helfen. Die in den Wagen wurden von vielleicht, zweihundert Bauern unter Anführung eines l"riadnik ( Dorfpolizisten) überfallen und vier von ihnen wurden grausam verprügelt. Der eine, ein zufällig dabeisitzender Kaufmann, ist seinen W.unden -erlegen. D. O. Aus anderen Briefen: Es gehen. Extrazüge der Priv.Ubahn ah. Man sehlägt sich um die Plätze. Deutsche und Engländer und andere Christen nehmen jüdische Kinder m den Schutz ihrer Häuser auf. Kein Brot in der Stadt! „Hannoverscher Anzeiger" Nr. Iii. Aus Russland. Es dürfte schon jetzt ziemlich klar Rein, dass alle in Russland gegenwärtig geplanten und projektierten Reformen, selbst wenn sie durchgeführt werden sollten, unseren Volksgenossen im Zarenreiche nichts, weder eine Erleichterung noch eine Aenderung ihrer Lage, bringen werden. Noch mehr, alle Anzeichen sprechen dafür, dass die vielen Beschränkungen, unter denen die Juden in Russland leiden, auch künftighin fast zur Gänze erhalten bleiben dürften. Die Frage der Erweiterung des Wohnrechtes der Juden in Russland, welche in ihrem Ansiedlungsrayon, wie die Regierung selbst es mehr als einmal konstatiert hatte, dem Hunger und seinen Begleiterscheinungen, verschiedenen Krankheiten und physischer Erschöpfung preisgegeben siad, ist von der Regierungskommission, wie die gutunterrichteten „Birschewyja Wjedomosti" melden, bereits zu Ungunsten der Juden gelöst worden. Die Kommission hat beschlossen, das unbehinderte Wohnrecht in ganz Russland nur solchen Juden einzuräumen, welche den Doktortitel oler andere akademische Grade sich an den russischen Hochschulen erworben haben; Juden aller anderen Kategorien aber, das heisßt die jüdischen Volksmassen, bleiben den geltenden Bestimmungen über den Aufenthalt der Juden im Reiche unterworfen .... Das höchste, was die Kommission zur Linderung der schrecklichen Not der Juden im Nieder- 1 issungsgebiet unternehmen will, ist die Oeffnung einer gewissen Anzahl von Städtchen und Marktflecken für den Aufenthalt der Juden, welche ihnen bis jetzt unzugänglich sind. Diese Beschlüsse, wie sie die „Birschewyja Wjedomosti" wiedergeben, sind den Projekten des verstorbenen Ministers v. Plehwe angepasst, welcher bekanntlich von einer Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons nichts wissen, sondern eine kleine VergrÖsserung dieses Rayons vornehmen wollte . . . Auch die Reform des Passwesens in Russland, welche vor wenigen Tagen, endgültig beschlossen wurde, hat, wie die „Petersburgskija Wjedomosti" melden, die Juden völlig umgangen. Der neue Gesetzentwurf hebt den Passzwane: im Innern des Reiches auf. Alle Stände werden der Verpflichiung, im Inland einen Reisepass zu besitzen, enthoben. Für die Juden aber bleibt der Pas s als obligatorisches Attribut auch künfiighin, und zwar, wie der Gesetzentwurf erläuternd erklärt, in Berücksichtigung der Beschränkungen auf dem Gebiete des Wohnrechtes, denen die jüdische Bevölkerung unterliegt. Charakteristisch für den Geist dieses Gesetzentwurfes dürfte die Tatsache sein, dass auch diese Reform vom verstorbenen Plehwe in ihren, den Juden ungünstigen Details ausgearbeitet und festgesetzt wurde . , . Minister Bulvgin gebührt nur die Ehre der endgültigen Verwirklichung des Plehweschen Planes . . . Das schwerwiegendste Anzeichen für die Beibehaltung des bisherigen Kurses in der Politik den Juden gegenüber bildet jedoch das am russischen Ostersonntag publizierte Toleranzedikt. Während der Beratungen des Ministerkomitees über die Toleranzfrage wurde auch die Regelung der jüdischen konfessionellen Fragen in Beratung gezoge und beschlossen, auch den Juden religiöse Toleranz zu gewähren. Aber das publizierte Toleranzedikt hat nicht nur den Juden, sondern den Freunden von Gewissensfreiheit in Russland überhaupt eine bittere Enttäuschung bereitet. Allen hat das Edikt religiöse Toleranz gewährt, sogar den Lamaiten in Transbaikalien, den Juden aber nicht .. . Wie zuvor also bleibt es auch j**tzt und künftighin den Juden verboten, ohne GenehmigunK dar Regierung Bethauser zu errichten, Gottesdienste in Privatwohnungen abzuhalten und Fogar ein „Minjan41 zu religiösen Zwecken zu veranstalten. Wohl versuchen einige anständige russische Blätter, den Eindruck dieser Verletzung der religiösen Gefühle der Juden abzuschwächen und der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, dass nunmehr auch den Juden religiöse Freiheit wngeräumt werden dürfte; allein die Tatsache kann nicht aus der Welt geschafft werden, dass selbst ein historisch so denkwürdiger Akt des Zaren von der Existenz der Juden nicht die geringste Notiz nehmen wollte und dadurch der im ganzen Reiche verbreiteten Ansicht von den Juden als von den verhassten Stiefsöhnen des russischen'Vaterlandes neue Nahrung zuführte . . . Dass diese Ansicht in Russland immer mehr an Boden und an Verbreitung gewinnt, dafür liegen unzählige Beweise vor. Einige dieser Beweise, welche besonders charakteristisch sind, wollen wir hier anführen. In Bjelostok befindet sich die jüdische Bevölkerung in einem unbeschreiblichen Schreckenszustande. Die „Nowosti" vom 3. Mai (Nr. 99; berichten darüber folgende erschütternde Einzelheiten : „Die nach Bjelostok vorlegten Kosaken versetzen die friedlichen Einwohner der Stadt in Verzweiflung. Di« Kosaken überfallen die Passanten, misshandeln sie mit ihren Säbeln und liefern die Verwundeten zuguterietzt noch dem Poiizeiamt ein. Versucht jemand die Flucht zu ergreifen, laufen die Kosaken ihm nach, dringen in die Wohnungen, nehmen Hausdurchsuchungen vor, zerstören die Einrichtung und prügeln die Anwesenden, sogar Frauen und Kinder durch. Auf der Jurascherstrasse spielte sich folgendes Drama ab. Ein älterer Jude ging mit seinem zwölf Jahre alten Sohne durch die Strasse. Da erschienen plötzlich die Kosaken, versetzten dem alten Juden einige Säbelhiebe, rissen den erschrockenen Knaben in die Höhe, schleuderten ihn mit grosser Wucht auf die Strasse und ritten davon. Bewusstlos und aus Mund und Nase blutend blieb der Knabe liefen, neben ihm stand der Vater und weinte laut. In letzter Zeit kennen die Ausschreitungen der Kosaken keine Grenzen. In der Nacht dringen sie in die Wohnungen ein, misshandeln die Schlafenden, stecken alle Kostbarkeiten zu sich und verschwinden. Unlängst wurde ein Kaufmann auf der Strasse angehalten, dem man seine goldene Uhr und seine Geldbörse raubte. Die Zahl der von den Kosaken Misshandelten beträgt 60, darunter befindet sich ein Greis von 1)3 Jahren." In Bors na im Gouvernement Tschern igow überfielen Bauern einen Juden, schlugen ihn heftig und warfen ihn h er auf in einen Brunnen. Als man ihn herauszog, war er bereits eine Leiche. In Charkow überfielen, wie der „Juschny Kraj" meldet, einige Dworniks (Hausbesorger) einen jüdischen Studenten und schlugen ihn blutig. Und das alles geschieht, wie die Angreifer selbst erklären, in derGewissheit, dass die Juden straflos misshandelt werden können. Ich wollte meinen dieswöchentlichen Bericht schliessen, als ich in den neuesten „Petersburgskija Wjedomosti" eine Notiz erblickte, welche auf die ganze Situation ein grelles Schlaglicht warf. In dieser Notiz h^isst es wörtlich : „Wie wir erfahren, wird das Ministerkomitee die Einzelheiten der jüdischen Frage nicht in Beratung ziehen, sondern sie einer besonderen Kommission übergeben." Auch die gut unterrichtete „Russj" meldet, dass das Ministerkomitee die jüdische Frage einer besonderen Kommission zur Beratung übergeben werde. Wer die Verhältnisse in Russland kennt, weiss, was das bedeutet : die Absetzung der jüdischen Frage von der Tagesordnung und die Ueberwaisung derselben an eine jener vielen Kommissionen in Russland, welche schon vielen Reformen als Grabstätte dienten. Das bestätigt auch eine Meldung des gut unterrichteten Londoner „Standard", in welcher auf Grund von Informationen aus verlässlichftr Quelle erklärt wird, dass die lancierte Nachricht von der Absicht der russischen Regierung, den Juden unbeschränkte Wohnfreiheit im ganzen Reiche zu gewähren, falsch sei, und selbst eine Volksvertretung den Juden diese Freiheit nicht bewilligen würde.