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Die Welt · 1905-05-26 · 21 (26.5.1905) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
21 (26.5.1905)
Date
1905-05-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
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21 „bi$ # W$ltM Seite 5 'Am anderen Morgen kanten! Deputationen: auf unseren Hof. Juden mit zerschlagenen Gesichtern, Väter, die ihre Kinder verloren haben, schreiend nach Schutz. Man eilte zum Gouverneur, zum Polizeimeister ■— überall hiess es, es sei alles Mögliche zur Wiederherstellung der Ruhe getan. Aber wie! Am Vormittag sammelten sich die Bauern schon wieder. Der Tag verstrich langsam in Schrecken und Todesangst. Die Posten standen da und sahen zu, wie die Bauern sich ansammelten, und keiner rührte auch nur einen Finger, um die Sache zu verhindern. Auf dem Domplatz hielt der Erzbischof eine Eede, die, wie uns jetzt ein christlicher Arzt mitteilt, einen sehr schlechten Eindruck aufs Volk ausüben musste. Es hatten sich wieder zwei Lager gebildet: die Juden auf der einen, das Militär und die Bauern auf der anderen Seite. Plötzlich ■— es war gegen 7 Uhr abends — hiess es, der Polizeikommissär Kujanow, der Hauptaufwiegler, sei erschossen. Sein eigener Schriftführer, ein Christ, hatte ihn in der Kiewstrasse vor dem Hotel de Rome niedergeknallt. Der Mörder wurde durch einen Juden festgenommen und sofort abgeführt. Die Nachricht gab den Anstoss. Auf dem Domplatz trat ein christlicher Student vor und bat das Volk, sich zu zerstreuen. Er appellierte an ihr menschliches Gefühl, sagte, Juden seien doch auch Miensehen und hätten doch nichts Böses getan. Er wurde auf der Stelle; niedergehauen. Dann riss man einen Juden von der Strassenbahn herunter und schlug ihn vor den Augen der Soldaten und der Polizei tot. Und nun begann das Morden1. Auf dem Podol schlug man zwölf Leute tot, zwölf hoffnungsvolle junge Leute, verwundete schwer an 60 Leute und zerstörte alles, was man fand. Fensterseheiben klirrten und brachen, mit Steinen und Aexten schlug und verwüstete man alles. Die Sache scheint tadellos organisiert gewesen zu sein. Die Angreifer waren vollkommen mit Gewehren versehen und hatten zu Anführern die Polizeibeamten. Es spielten sich herzzerreissende Szenen ab. Eine junge Frau rettete sich mit drei Kindern. Das vierte wurde von den Mördern ergriffen, da sprang ein jüdischer Junge hinzu und stach einen Bauern tot. Im nächsten Augenblick lag er selbst zerschmettert am Boden; es war ihm aber doch vorher gelungen, das Kind durchs Fenster zu heben und so zu retten. Wer weiss, wie es jetzt um unsere Stadt gestanden hätte, wenn die Juden nicht selbst zu den Waffen gegriffen hätten, um ihr Gut und Blut zu verteidigen. An manchen Stellen leisteten sie verzweifelten Widerstand und nur die teilweise unvollkommene Organisation und der Mangel an Munition Hess sie schliesslich ihren an Zahl und Stärke weit überlegenen Feinden unterliegen. Und die Soldaten und die Polizei sahen zu — sie blieben sogar nicht untätig, sondern rissen Steine aus dem Pflaster und warfen sie nach den Juden. Und der Gouverneur hatte nur die eine Antwort: „Ich habe alles getan, was ich konnte." Am Morgen gab es keine Droschken, um die Toten und Verwundeten fortzubringen und Studenten liehen sich Privatwagen und verkleideten sich als Kutscher, um den Gefallenen den letzten Dienst zu erweisen. Der Aaiblick der Getöteten und Verwundeten soll erschreckend sein!, und wer sie einmal gesehen hat, vergisst sie im Leben nicht. Manche wurden mitten auf der Strasse hinterrücks erstochen. So der Talmudthoralehrer Friedmann, 36 Jahre alt, der einen Moment aus dem Hause gegangen ist, um seinen Sohn zu suchen. Er bekam einen Stich vorn und einen in den Bücken und starb gestern im Spital. Dann ein Jude namens Olszanski. Er war aus dem Tore getreten, als man gerade eine Anzahl Bauern nach dem Gefängnis abführte. Plötzlich riss einer der Bauern das Bajonett des vor ihm gehenden Soldaten an sich, stürzte auf Olszanski los, Äurchstaeh ihn und kehrte in seine Beihe zurück, ohne festgestellt worden zu sein. Im Spital liegen viele im Sterben, mit entstellten, zerschmetterten Gesichtern und Gliedern!, Mianche haben mehrere Wunden davongetragen und waren gleich tot. Unter den Leichen befindet sich auch die eines 14jährigen Jungen. Den Kopf auf die Seite gebeugt, liegt er da — ein Bild der Unschuld. Das Spital ist überfüllt und kann die Ausgaben nicht bestreiten. Es mangelt an Wäsche und Betten. Die ungestümen Forderungen der beraubten und zu Tode gehetzten Juden haben schliesslich Montage eine Kommission zusammentreten lassen, um- Massregeln gegen die herrschenden Greueltaten zu ergreifen. Viele Christen, Stadtverordnete, Aerzte usw. sprachen ihre Entrüstung aus und die ganze Versammlung begab sich zum Gouverneur, um Rechenschaft von ihm zu verlangen. Auf den Strassen flüchteten sich die Bauern vor der anrückenden stattlichen Menge. Ein christlicher Stadtrat namens Sagurski rief dem Gouverneur entrüstet zu: „Bei einer politischen Demonstration hätten Sie genug Leute gefunden, um die Menge zu zerstreuen, und nun, wo Leute in den Strassen gemordet werden, finden Sie keine Mittel zur Rettung!" Das Ergebnis dieses Ganges war, dass der Gouverneur eine Bekanntmachung erliess, wonach jeder Mensch, arretiert werden sollte, der es versuchen würde, eine Menge um sich zu versammeln. Aber noch immer bekamen die Soldaten keinen Befehl zu schiessen. Erst nachdem Dienstag früh neue Verwundete nach dem Spital gebracht wurden und eine tausendköpfige Menge an das Gouverneurhaus heranrückte, nachdem mein Onkel gedroht hatte, auf die Soldaten zu feuern, um sie zum Sehiessen zu zwingen, ist der Bef ehl erteilt worden, und eine zweite Bekanntmachung brachte die Androhung von Waffengebrauch bei Zusammenrottungen. Sofort wurden die Schandtaten eingestellt und die Bauern stoben auseinander. So wenig war dazu nötig und so lange liess man uns wieder morden, ohne dieses einfache Mittel zu gebrauchen. Es hiess, man warte auf einen Befehl aus Petersburg! Inzwischen flüchteten Frauen und Kinder aus der Stadt und drückten sich auf dem Bahnhof beinahe tot. Mehrere Züge gingen vollgestopft täglich ab und die Leute waren glücklich, wenn sie lebendig auf den Bahnhof und in die Wagen kamen. Verschiedene wurden auf dem Wege dahin durch Steine und Schüsse getötet. Man versteckt sich auch jetzt noch auf Böden und in Kellern und fährt beim leisesten Geräusch zusammen. Es herrseht beinahe Hungersnot. Die Geschäfte bleiben geschlossen, kein Mensch wagt, sie zu öffnen. Nur mit Mühe und ISTot kann man Brot auftreiben. Den ganzen Tag wird um Brot gebettelt, -die Tür wird keinen Moment geschlossen. Abends sind die Strassen wie ausgestorben. Ueberall nur Soldaten^ posten und herumziehende Patrouillen. Wozu die nur die ganze Zeit da waren! Sie haben tüchtig gesorgt, damit die Bauern nicht gestört wurden. Wo man nur hinsieht, erblickt man Flüchtlinge, mit Kissen beladen: der ganze Reichtum, den sie zu retten haben. Man1 drängt sich scharenweise in ein Zimmer zusammen, bis es keine Luft mehr zum Atmen gibt und die Frauen in, Ohnmacht fallen. Du kennst die Lage und die Armut hier. Jetzt wird die traurige Vergangenheit ein heissersehnter Zustand im. Vergleich mit der Gegenwart. Es sind 16 Tote und 80 Schwerverwundete da, von denen viele im Sterben liegen. Wie. viele leichter Verwundete mögen in den Häusern liegen! Eben, vor einer Stunde vielleicht, sind elf von den Erschlagenen in die Erde gebettet worden. Tausende von Leuten standen am Krankenhaus, doch nur wenige gingen aufs Totenfeld hinaus. Man befürchtete neue Unruhen und verhielt sich vorsichtig. Aber Bäche von Tränen wurden vergossen und Männer wurden ohnmächtig mitten auf der Strasse. Der Jammer nimmt kein Ende. Und wie lange

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