Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 „bie # weit11 Ifc % bamer kommen. Später verlor Zangwitt sich selbst und begann uns zu lehren, da$S', um in Palästina ein guter Ackerbauer zu sein, man sich in Uganda vorbereiten müsse. Und! sie, Herr Gretenberg, wissen nichts besseres, als seime: Ansicht wiederzugeben. Werdenwir ein o ige n e s Land haben, daain werden wir in demselben lerren, wie zu; leben sei. Dazu vorbereiten brauchen wir uns nicht! Die Vorher ei tunken müssein nur darin bestehen: im Aufsuchen und Herbeischaffen aller Mittel und Kräfte, die es uns ermöglichen, das gewünschte Land zu bekommen. Sollten wir unfähig sein, in. Palästina ein poilitisch-ökonomisches selbständiges Leben, zu führen, in .Palästina, in welchem wir erst ein Volk geworden sind, dann wäre es höchst absurd anzunehmen, dass wir in dem wildfremden Uganda.im Handumdrehen die Fähigkeit erlangen würden, einen Staat zu gründen, Es ist zu sehr,gewagt, wenn sie behaupten, dass wir in Palästina noch keinen Zoll Erde unser Eigen nennen können. Wissen Sie nur in Ihren Agitationsreden von den „vielen blühenden jüdischen Kolonien in Palästina" zu erzählen? Offenbar meinten Sie damit, dass, solange wir in Palästina keinen Charter haben, alles Land, das wir dort besitzen, nicht uns gehöre. Wenn Sie mit meinem Dokument auftreten, das uns gestattet, in Uganda einen Staat zu gründen (so ist es übrigens noch nicht gekommen), so würden Sie etwa sagen können, dass wir in Uganda ein jüdisches Land haben? Und wenn tausende Familien mit ihrem Schweisse und Blute die vielen Zoll Erde in Palästina ohne Dokument befeuchtet haben, so ist dies nicht jüdisches Land? . . . . Würden Sie wenigstens ein festes Ziel, ein zielbewusstes Programm haben! Aber von all dem sieht man keime Spur. 'Früher hiess es, dass wir uns vor den Philanthropen in acht nehmen müssen, wir dürften sie in unsere Bewegung nicht aufnehmen; jetzt heisst es nun, Uganda sei, deshalb anzunehmen, weil uns das helfen könnt©, die reichen Juden gewinnen; dfilese würden in Uganda etwas „Greifbares" sehen und sich uns willig anschHessen. Indessen) erinnern Sie sich, dass diese guten jüdischen. Herzen vor Uganda zurückschrecken, weil von Autonomie gesprochen wird — ändern Sie Ihre Miene und stellen die Autonomie in Abrede! Es sei gar keine Autonomie, sagen Siej, das englische Angebot bestehe nur darin, beteuern Sie (und Sie wissen es doch am besten), dass eine „jüdische Verwaltung" zugesichert sei, die von der englischen Regierung bestimmt oder bestätigt wterden sollte! Von der ganzen Autonomie also ist nichts geblieben, als eine Art jüdischer Gemeinde in irgendeiner beliebigen Stadt unserer Diaspora. Und das sei „i n Wirklichkeit durchaus nicht beunruhigend" (von Ihnen gesperrt geschrieben). Als sie das schrieben, erinnerten Sie sich einer anderen Gruppe und Sie schreckten von Ihren eigenen Wo-rten zurück. Sie verweisen darauf, dass gerade die Autonomie die Hauptrolle im Ugandaprojekte spiele, denn die Autonomie werde (wie sie sagen) warme Gefühle hervorrufen beim Volke, so dass sein Herz beginnen werde, warm für OstaMka zu schlagen! Und Sie beweisen es auf der Stellie: In Argentinien ist die jüdische Kolonisation nicht gelungen — weil . . . weil es dort keine Autonomie gab! Es würde schwer fallen, alle Ihre. Widersprüche aufzuzählen, Bald sagen Sie, dass, falls Uganda nicht genommen werde, die Z i o n i s t e n viel weniger schuld daran sein würden als die anderen, bald meinen sie, es wäre dies eine. Schande für die Zionisten. Bald gestatten Sie uns, in Palästina die einheimischen Juden zu kolonisieren, bald aber verbieten Sie uas auch nur ein Stückchen Bodens dort zu erwerben, denn Sie schrecken vor einiem solchen Lande zurück! (Ich muss Ihnen aber offen sagen, dass es nicht korrekt Ihreriseits ist, wenn Sie erzählen, „Ihre Freunde in Wilna" hätten diös beschlossen. Es ist nicht wahr, Herr Greemberg; alle, die sich in der Wilnaer Konferenz beteiligt haben, stimmten darin überein, dass so viel Boden als möglich anzukaufen sei, ohn e d i e Erlangung eines Charters a b z u w a r t e n.) Interessant ist Ihr in vier Punkten zusammengefasstes Programm: Natürlich müssen Sie als ersten Punkt Ost-" afrika aufstellen. Der vierte Punkt lautet bei Ihnen jedoch, „die Förderung von Reformen in Palästina, welche den Juden jede 'Gelegenheit geben sollen, sich dort anzusiedeln und Industrien zu betreiben" (wörtlich). Ist das nicht, Herr Greenberg, Kleinkolonisation vor dem Charter? Was für Programm haben Sie also, wenn Sie in einem Brief so oft Ihre Ansicht wechseln? Oder meinen Sie uns Zionisten alles nachgeben zu sollen, damit wi.r nur Ihr Ugandaprojekt annehmen? Soll das also „Diplomatie" sein? Achtungsvoll Dr. Chaskel Wortsiiiann, Redakteur von „Die jüdische Zukunft*'. lie Exzesse in Schitomir. Die telegraphisch bereits kurz gemeldeten Ausschreitungen gegen die Juden in Schitomir waren nach den jetzt brieflich einlaufenden Privatberichten weit ernster, als man nach den bisherigen kurzen Berichten annahm, Die Greuel, von Kisehinew schienen sich zu wiederholen. Zwei Tage lang waren alle Läden der Stadt geschlossen und es war unmöglich, auch nur die notwendigsten Lebensmittel zu erhalten. Wie irreführend die „Besehwichtagungsnote" der russischen Begierung, welche dieser Tage von der stets gefügigen Petersburger Telegraphen - Agentur verbreitet wurde, gehalten war, erhellt mit klarer Sicherheit aus nachstehendem uns zur Verfügung gestellten Privatbrief, der die blutigen Vorgänge sachlich schildert: Schitomir, 26. April (9. Mai). Mein 1. S., heute morgens habe ich in meiner Aufregung nicht viel schreiben können. Jetzt will ich Dir in. etwas ruhigerer Verfassung — wenn man von Ruhe überhaupt sprechen kann — die Vorgänge schildern. Es begann am Sonnabend gegen 7 Uhr abends. Schon den Tag vorher gingen Gerüchte um, am Freitag werde man die Juden schlagen. Es schien aber noch keine Veranlassung vorgelegen zu sein. Am Sonnabend war sie endlich gefunden. Es begann mit Steinewerfen nach einem Kahn, in dem jüdische Jungen sassen. Die Jungen f euerten in ihrer Angst einen Schuss in die Luft ab und wollten flüchten. Die Bauern liefen hinterher und auf dem Pawlikowkaberge entspann sich der Kampf. Das Gerücht vom Kampfe verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch, die Stadt und eine tausendköpfige Menge wogte durch die Strassen nach dem Schreckensorte hin. Aber das heranrückende Militär und die Polizei versperrten den Weg und liessen die Menge nicht vordringen. Die Bauern warfen ungestört Steine, die ihnen ihre Frauen in Körben herantrugen, nach den Häusern der Juden und verwundeten viele Leute. Die heransprengenden Kosaken zertraten einen armen Judenjungen mit ihren Pferden und verwundeten tödlich einen alten Juden, danni sahen sie zu, wie die Bauern Steine nach den. Juden warfen und1 sorgten, dafür, dass sie nicht gestört wurden. Der Polizeikommissär Jarotzki rief laut und ungeniert': „Schlagt die Juden! Ihr werdet keine Verantwortung tragen!" Die Juden wurden zurückgedrängt und das Militär' postierte -sich zwischen den beiden Parteien, das Gesicht und die Flinten nach den Juden gerichtet. Der Polizeimeister kam und Hess 50 Bauern abführen, nachdem: er ihnen versprochen hatte, sie den nächsten Tag gleich freizugeben. Dies Versprechen hat er auch gut gehalten : den nächsten Tag konnten sie mit ihrer „Arbeit" ungehindert fortfahren.