Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 21 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 21 „bie # weit11 Seite 3 die e i n z e 1 n en Juden — zu e i n e« m j ü d i s c h e n V o 1 k e zu machen. Der eine hatte Vertrauen zu den Odessaer „Chowewe Zion", der andere glaubte an Herzls Konstantinopel- Reisen, ein dritter widmete, seine ganze Kraft der Gründung einer „M.usterschuk" in irgend1 einem finsteren Städtchen und sah do r t das Erwachen der jüdischen Nation, ein vierter sah die Hilfe in Palästinaschuien usw. usw. Oft sprach der eine der Tätigkeit des anderen jede Bedeutung ab — aber einen Ci e g n e r, einem F e i n d sah er in keinem, da das Endziel aller nur eines war: Die Wiedergeburt d e s> j ü d i - sehen Volkes im j ü d i s c h e n L a n d e. Nun aber — seit dem 6. Kongresse — gibt es bei uns in der Tat „entgegengesetzte" Strömungen, d. h. solche, die nicht nach einer Richtung fliessen, niemals zusammenströmen können, sondern vielmehr in entgegengesetzter Richtung sich immer mehr voneinander entfernen. Unsere Lage wird uns verständlicher, wenn wir uns etwa folgendes Bild vergegenwärtigen: Wir stellen auf e inem Berge, dessen Inneres mit Eeuermasseii, gefüllt ist. Allmähliche Eruptionen verschütten tausende der Un.serigen, richten eine Verheerung unter uns an. Wir alle haben es nun eingesehen, dass wir auf diesem Vulkan nicht stehen bleiben dürfen, falls wir nicht ein Raub seiner Flammen werden sollen. Wir müssen fort — d a s ist unser aller Einsieht. Es fragt sich nur: w oh i n? Bis zum letzten Kongresse gab es keine Frage: ,,Wohin?" Ahe waren wir uns darüber ehug, dass das Ziel unseres Strebens in Asien, in Palästina sei. Wir waren bloss darüber geteilter Ansichten, welcher Mittel wir uns bedienen müssen, um an dieses Ziel zu gelangen. Damals waren wir in der Tat eine Partei, die obendrein klar sich dessen bewusst war, was sie wolle. Anders jetzt. Wir befinden uns noch auf demselben Vulkan und während der eine nach Palästina hinweist, zeigt der andere nach — Uganda, ein dritter gar weist mit der einen Hand nach Palästina und mit der zweiten nach Uganda, ein vierter aber versteckte die Palästinahand in seine Tasche — vor Palästina, vor dem Lande der Paschas fürchtet er sicli noch mehr als vor dem um ihn her drohenden Feuer und mit der zweiten Hand weist er nach allen möglichen Windrichtungen, nach Uganda, Kongo, Kanada, Argentinien oder sonstigen schwarzen. Punkten, wo er glaubt, binnen 24 Stunden einen Staat errichten zu können. Und diese tragikomische Lage haben die Ugandisten geschaffen. Merken Sie sich aber, mein Herr, dass ausser uns auf diesem Vulkane noch verschiedene andere Gruppen existieren, die ebenfalls eingesehen, haben, dass wir nicht stehen bleiben dürfen. Ich erwähnte nur die eine, mit der Sie gewiss nicht als eine Partei angesehen werden wollten — die zielbewusste Assimilantengruppe, die nicht minder als Sie, Herr Greenberg, die Not der ,,leidenden Brüder44 empfindet. Diese Gruppe glaubt nicht daran, dass es uns je gelingen wird, in irgend ei nein Orte ein Heim zu finden, in welchem wir von neuem aufrieben und deshalb verlangen Sie, um der Feuergefahr zu entrinnen, dass wir uns mit den Nachbarn vermengen, um so die Gefahr loszuwerden. Diese: Gruppe hat eben so gut ein klares Ziel vor sich, wie wir es bis zum letzten Kongress gehabt haben. Diese Gruppe durfte uns mit Recht als Feind betrachten und wir haben sie unsererseits als erbitterte Gegner bekämpft. Sind wir etwa deshalb, weil wir auf demselben Vulkane standen, oder weil wir darin, übereingestimmt haben, dass wir rieht dastehen, bleiben dürfen, als eine Partei betrachtet worden? Weshalb meinen Sie nun, Herr Greenberg, dass wir mit Ihnen eine Partei bilden? Die Assinhlanten glauben nicht an unsere Wiedergeburt, sie suchen nach Mittein, um unseren Untergang rasch herbeizuführen; Sie mit Ihrer Temtorialistengruppe glauben nicht, dass wir unser Land bekommen, und suchen irgend ein Land, um unser Volk in dasselbe zu führen. Werden Sie ein Land finden? Und wenn sie eines gefunden, dann ist es fraglich, ob Ihnen das Volk auch folgen wird. Wichtig ist, dass Sie andere Ziele, andere Wege suchen als wir Zionisten — und es fragt sich nun, wie können Sie sich als Angehöriger derselben Partei ansehen, der wir angehören? Da ist die Assimilantengruppe viel mutiger als Sie, wenn sie offen erklärt was sie sei und wolle. Sollte das Ugandap-rojekt nicht ausgeführt werden, so meinen Sie, wird1 die jüdische Lage nicht aufhören, eine traurige zu sein. Sie fügen überdies hinzu, dass viele darin, dass die Lage des jüd'ischen Volkes trauriger? wird, eine Rettung des Z i on. i s m u s e r b 1 i c'ke n. Haben etwa die Ugandagegner ihren Palästina-Zionismus aus der schlechten Lage der Juden begründet? Ist ja das Gegenteil davon wahr: Wir Zionisten hören ja nicht auf, zu betonen, dass, gerade weil die jüdischen Leiden so zahlreich sind, weil unter diesen Millionen von Juden zu leiden haben — wir nicht in der Lage sind, durch irgendeine rasche Kolonisation und welche Art immer von Autonomie diesen Leiden binnen Tagesfrist ein Endie zu bereiten. Wir betonen es oft, dass unsere Lagie verbessert werden muss, damit wir die Leiden ertragen — und' frische Kräfte sammeln, um dorthin zu kommen, wo wir ein ständiges Heim uns errichten wollen. Ihr Territorialisten nüisst jedoch (wie traurig!) euch stützen auf die elende Lage des Volkes; denn je elender unsere Massen werden, desto grösser euere Aussichten, sie zu gewinnen. Die hungernde Phantasie der elenden Massen allein ist fähig, eueren. Versprechungen Glauben zu schenken, dass ihnen bald geholfen werde. Je hungriger und elender die Massen, desto mehr wollen sie glauben. Gerade der Hungrige ist nicht fähi£, nachzudenken und sich von seinen Gefühlen Rechenschaft zu geben. Dass wir unseren. Zionismus n i c h t auf die Verelendung des Velkes stützen, beweist am besten unser Beschluss auf dem vierten (Londoner) Kongresse, nach welchem wir Zionisten verpflichtet sind, uns mit der Verbes s e r u n g der Lage unseres Volkes zu befassen, dass wir uns mit allen „Hebungsfragen" befassen müssen. Wir müssen, sagen Sie, über unsere Bewegung wachen, dass keine Philanthropen in sie eindringen; unsere Bewegung, meinen Sie femer, müsse „in erster Linie" eine politische sein. Nein, Herr Greenberg, nicht eine politische, sondern eine n a t \ o n a 1 p o 1 i t i s c h e muss unsere Bewegung „in erster Linie" sein. Der Unterschied liegt auf der Hand. Muss unsere Bewegung, wie Sie wollen, „in erster Linie" eine politische sein, dann müssten wir alle Kräfte anstrengen, um politische Erfolge zu erzielen. Dann wäre heute Uganda als „politischer Erfolg" — Zionismus. Morgen wäre eine Konzession, in Kongo als „politischer Erfolg" — Zionismus. Wir verkehren mit grossen Mächten, würde es dann heissen. „Man verhandelt mit uns wie mit einer Regierung" und andere ähnlich klingende Redensarten. Ich glaube aber, dass unsere Aufgabe nicht darin besteht, mit „grossen Mächten" zu verhandeln. Ein solches Kunststück konnte der jüdische Philanthrop Montefiore auch zuwrege bringen. Baron Hirsch fand sogar im „grossen1 Russland" ein geneigtes Ohr; auf einer Hochzeit des Rothschild tanzen Ehrsten und die ehedem nationale, nunmehr aber philanthropische „Alliance" verkehrt ebenfalls mit „grossen Mächten". All diese „politischen Erfolge" einzelner Juden oder Vereine haben vom zionistischen Standpunkt aus keinen Wert. Heute ist jede kommerzielle Gruppe als Syndikat in der Lage, mit „grossen Mächten" zu verkehren, von. ihnen Konzessionen zu erlangem u. dgl., ohne grosses Aufsehen zu machen. Ihr Freund Israel Zangwiil hat oft mit Recht darauf hingewiesen., dass die „Ica" fruchtlos Millionen verschwende, wenn sie glaubt, dass man in den. Ländern der Diaspora die Juden dazu erziehen und vorbereiten 'könnte, dass sie in die für sie gegründete Kolonien als fertige Handwerker und Acker-