Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 9 (1905)
- Issue
- 20 (19.5.1905)
- Date
- 1905-05-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr, 20 DJb\% & WfSt01 Seite *3 Pinskis „Die Familie Z*\". Vorigen Samstag ve/ar- Blattete der Wiener Verein zionistischer Hochschüler aus Russland „Leo Pinsker* im Festsaale des „Bayerischen Hof" eine Vorstellung der Jargontragödie „D i e F a m i J i e Zwi* von Dawid P i n s k i. Da eine eingehende Besprechung d^s bedeutsamen Werkes folgen soll, mögen hier r ur einige Worte der Aufführung gewidmet werden, denn Hauptverdienst wohl darin besteht-, dass sie uns die Kenntnis einps der prächtigsten Produkte der jungjüdischen Kultur des O ,teus vermittelte. Der Eindruck der wuchtigen Tragödie auf das zahlreich erschienene Publikum war «in htaik^r und nachhaltiger. Geduldig nahm mau die verschiedenen Unannehmlichkeiten hin, die bei dilettantischen Darbiemngen auf einer improvisierten Bühne kaum zu vermeiden sind. Bei einer Wiederholung Wirdes sich vielleicht empfehlen, einige Längen im Dialog zu vermeiden. Di« Gesamtwirkung würde auch durch eine diskretere Behandlung der übrigens wohlgelungenen komischen Figuren gehoben werden und eine Beschleunigung des Tempos könnte über die Leere einiger aktionsarmer Stellen leicht hinweghelfen. Im ganzen verdient sowohl die Wahl des Stückes als auch die Aufführung volle Anerkennung. Der leider auf dem Programme ungenannte Regisseur leistete guie Arbeit. Es klappte alles und die Figuren hoben sich charakteristisch von einander ab. Dass Dilettanten die Technik des Spieles nicht vollkommen meistern, ist selbstverständlich; unsere jungen Gesinnungsgenossen ersetzten diesen Mangel durch jenes geheimnisvolle Etwas, dass die Zuhörer mit sich reisst, mit zwingender Stärke die Ideen des Dichters dem Zuhörer suggeriert: durch die Glut der Bege Störung. So durchglühte namentlich Herrn Bergingenieur Trotzky, Darsteller des Predigers Reb Mojsche Zwi, ein starkes Temperament. Man hatte die Empfla<lung : der mimt nicht, das ist kein Sohauspieler, das ist wirklich Reb Mojsche Zwi, Trotzky betonte nicht so sehr das fanatische Moment im Wesen des Maggid, als seinen starken Glauben, seine Begeisterung für die heilige Sache, seine Kraft im Empfinden. Auch das Kindlichnaive im Wesen des gläubigen Maggid, das ihn der Figur des König L »ar so ähnlich macht, gelang Herrn Trotzky nehr gut. Trotz seiner Befangenheit hatte auch der Darsteller des Leon Herr tech. Kohn sehr schöne Momente. Lson ist die vielleicht rührendste Gestalt des aa jüdischen Typen so reichen Werkes; am tiefen ergreift sie gerade uns wohl darum, weil sie den seelischen Konflikt des westlichen Juden erschütternd zum Ausdrucke bringt: Leon war ein Vertreter der „bürgerlichen Assimilation", der immer nur den jüdischen Krämertypus vor sich, in seinem Vater den typischen Repräsentanten des Judentums sah, und sich gebrochenen Herzens vom Vater, aber auch von seinen Assimilationsideen lossagt und als Jude empfindet, da er die sittliche Grösse des greisen Maggid und die im jüdischen Volke schlummernde Kraft erkennt. Mit vielem Lob verdient der Darsteller des »dicken batlen', Herr med. Saidis genannt zu werden, der ein starkes komisches Talent verriet. Durch ihre unbefangene Natürlichkeit fiel Frl. Gisela F e 1 d auf, die eine zum Christentum übergetretene Enkelin des alten Maggid darzustellen hatte. Sie brachte die bittersten Worte, die der Dichter in seinem Werk fand, mit einer, ich möchte sagen erschütternden Naivetät vor; da ihr Leon die Taufe vorwirft, sagt sie, die in ihrem geradlinigen Wesen konsequente Aesimilantin : Da ich mich schon assimilieren will, mu«s ich, um nicht auf halbem Weg stehen zu bleiben, Christin werden! Sie findet das selbstverständlich. Wenn ich de»i Dichter richtig verstanden hab#, so wollte er gerade durch dieges Wort eine« unkomplizierten Wasens, eines durch philosophische Theorien nicht beeinflussten Mädchens ze geo, wohin die konseq lente Befolgung assimilatorischer Bestrebungen führen mu*-s. O. K. Die Werke Raschis in französischer Sprache. Die jüdische historische Gesellschaft wird demnächst ein Werk des französischen Theologen L i h e r über das Leben und die Werke Raschis veröffentlichen. Der Autor hielt in der Societc des Etudes Juives in Paris, in einer unter dem Vorsitze von Dr. Henri Rothschild stattgefundenen Versammlung einen Vortrag über sein Werk. Liber schilderte in geistvoller Weise das Leben des. französischen Rabbi, der von 1040 bis 1105 lebte und dessen achthundtertster Todestag nun nicht durch ein steinernes Standbild, sondern durch eine liebevoll redigierte Ausgabe seiner Werke gefeiert wird. Von Raschis Lebenslauf ist nicht allzu viel bekannt. Er wurde in Troyes in der Champagne geboren und erfreute sich einer solchen Berühmtheit, das« der konvertierte Jude Nie ho las de Syre Raschis hebräische Bibelkommentare ins Lateinische übersetzte. Ehrung eines jüdischen Heiden. Die Stadt Tou'lou in Südrrankreich wird binnen kurzem einen ihrer heldenmütigen Söhne, dem im Alter von 23 Jahren verstorbenen Charles Lcvy ein Denkmal errichten:. Vor einiger Zeit fand aus diesem Anlasse im Rathaus im vierten Bezirk von Paris eine Pestversammlung statt, in welcher der Oberstleutnant a. D., Aronsohn, das Lehen des jungen Helden und sein tragisches Ende schilderte. Er starb als Verteidiger der Karawanserei Visar el Azondi und durch seine Bravour rettete er dem grössten Teileder Besatzung das Leben. Statistisches. In Böhmen bekannten sich 54% Juden zur tschechischen Umgangssprache, in Mähren 15%. Hierzu bemerkt der ,Rozvoyk': ,,Es wäre interessant, zu wissen, zu welcher Nation sich der übrige Teil bekennt", wieviel Deutsche und Zionisten es gibt, und bedauert, dass darüber die Statistik nichts berichtet. Nun — was die Zionisten betrifft — da kann der „Rozvoy" beruhigt sein.. Die Statistik der Zionisten findet er ganz genau in unseren Kongressberichten. na— Auffassung. Bei der Besprechung der soeben in tschechischer Sprache erschienenen Gedichte Morris Rosenfelds, leistet sich der' „Rozvoy" folgende Assirnilationsblüte: ,,Nicht deshalb, weil sie ein Jude geschriebe.n, sondern deshalb, weil sie von einem grossen Dichter stammen, sind die Gedichte wertvoll/ Kommentar überflüssig. Üie Agitation in Budapest ist dank den Bemühungen der rührigen „Makkabea" in neuester Zeit von Erfolggekrönt. Dieselbe hat naturgemäss einen schweren Stand, da sie nicht wie anderswo bloss gegen die Indolanz, sondern auch gegen den bekannten magyarischen Chauvinismus der Jaden zu kämpfen hat. Wie überall, gilt es auch in Ungarn zuerst die Studentenschaft für unsere Idee zu gewinnen, dann würde erst unsere Sache die gewünschte Verbreitung in Ungarn finden. Dies hat sich mn die Vereinigung zionistischer Hochschüler „Makkabea" in Budapest zur Aufgabe gemacht. In einer der letzten Nummern des „Zsidtf Neplap", der leider Gottes auch noch nicht die gewünschte Publizität besitzt, richtete die Vereinigung in feurigen Worten an die Hochschüler einen Aufruf, sich ihren Reihen anzuschließen. Eine jüngst abgehaltene Agitationsversammlung, die sich von nun ab regelmässig wiederholen soll, hatte einen schönen Erfolg. Es waren hundert Studenten anwesend, und zwar meistens Nichtzionisten, darunter auch Wortführer der Sozialisten und Assimilanten. Es kam zu einer lebhaften Debatte. Wenn auch bei derartigen Versammlungen sich auch nicht gleich die Wirkung zeigt und sich auch nicht sofort zeigen kann, wofern man es nicht mit gesinnungsuntüchtigen Subjekten zu tun hat, so sind sie schon insofern von Vorteil, als sie die Vorurteile g*gen den Zionismus benehmen und die Angriffe als grundlose beweisen. Was die bürgerlichen Kreise anbelangt, gedenkt man auch diese durch Agitation unserer Bewegung näher zu bringen. In der letzten Zeit hat sich auch der „Dr. Herzl-Zionistenverein" konstituiert, der im Verein mit der „Makkabea" arbeitet. Auch in anderer Beziehung zeigt sich *ine reiche Arbeitstätigkeit. In Budapest ist bekanntlich das Elend unter dem jüdischen Proletariat ein sehr grosses. Dasselbe wird durch die Einwanderung von Russland noch mehr vergrössert. Diesen Umstand machen sich die eifrigen Missionäre sehr zunutze, laden Juden unter Hinweis auf eventuelle materielle Unterstützung zu ihren Vorträgen etc. etc. Diesem Treiben wäre — abgesehen vom volkserzieherischen Standpunkt — wie das „Z s i d ö Neplap" schon oft betont hat, durch Gründung von jüdischen Volk^bibliotheken, Wärmestuben und Toynbeehallen abzuhelfen. Wie bei allen anderen Dingen, ist auch hier mit dem alten, verderblichen Bakschischsystem zu brechen und eine ehrliche Sanierungsarbeit vorzunehmen. Von zionistischer Seite wurden wiederholt schon volkswirtschaftliche Institutionen, wie Volkssparkassen geschaffen. Eben dringt auch die Kunde von der Gründung einer solchen Hilfskasse für die Minderbemittelten und einer Arbeitswerk«?tätte für die Arbeitslosen aus Klausen bürg. Von Seite der domgen Kultusgemeinde wurde eine Sammlung zu diesem Zwecke eingeleitet, die ein sehr gutes Ergebnis zeigte. In dieser Weise wäre auch die Armenfrage in Budapest zu lösen. Selbstverständlich müsste auch hier die Oeffentlichkeit in Anspruch genommen werden, die sich ja kaum von derartig sozialhumanen Gründungen ausschliessen würde. Praktischer Antisemitismus. Um ihr*n Eifer für die Mittelstandsrettung zu bezeugen, ist die Ueberwachung von Personen, die „jüdische Warenhäuser'1 aufsuchen und dort Einkäufe machen, bei den Antisemiten in München in Gebrauch. Jüngst war das Mitglied einer sehr angesehenen Künstlerfamilie im Tietz'schen Warenhau se. Am Tage darauf erhielt das Familienhaupt einen Brief des bekannten Antisemitenführers Weung, in dem dieser sein