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Die Welt · 1905-05-19 · 20 (19.5.1905) · page 12

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Journal
Die Welt
Volume
9 (1905)
Issue
20 (19.5.1905)
Date
1905-05-19
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „bis # Weit" Nr. 20 hundert in Presse und Literatur Klage geführt wird, konnten nicht behoben werden. J-edem Rufe nach Reformen von Seiten einsichtiger, zu mod&rnen Anschauungen hinneigender rabbinischer Autoritäten folgte energischer Widerstand, und die heutigen Jeschiwoth sind zu einem Herde der verschrobensten Reaktion geworden. Da diese Reaktion auch die Bekämpfung des Zionismus auf ihr Programm stellte, wenn man bei den in den Jeschiwoth herrschenden anarchistischen, jedes pädagogischen Systemes und jeder Methode entbehrenden Einrichtungen überhaupt von einem Programme sprechen darf, da sie überhaupt jedem gesuiidlen, entwicklungsfähigen Gedanken hindernd im Wege steht, sahen sich die zionistischen Rabbiner zur Gründung einer „Jeschiwa" veranlasst, die mit allen alten, eingewurzelten Uebeln brechen und auf modernen Grundsätzen errichtet werden soll. Das Programm und der Lehrplan dieser neuen Institution lassen uns ebenso wie das Vertrauen, das Herrn Rabbiner Reines entgegengebracht werden muss, das Beste erwarten. Die ,Jeschiwak ist in sechs streng gesonderte Klassen oder Jahrgänge, in welche ein Aufsteigen nur durch vorangehendes Examen möglich ist, eingeteilt. Von den zehn täglichen Unterrichtsstunden sind nicht weniger als drei profanen Gegenständen gewidmet. Für jüdische Geschichte, ein in Jeschiwoth ungekannteir Gegenstand, ist im Lehrplane genügend Raum, aber auch für hebräische Stilübungen auf den verschiedensten Gebieten ist in nötigem Masse vergesorgt worden. Mit dieser Gründung hat der „Misrachi" bewiesen, dass er den Ernst der ihm innerhalb des Zionismus zufallenden Aufgabe erfasst hat. Wir wollen auch hoffen, dass er in den besser denkenden Kreisen der östlichen Orthodoxie die verdiente Anerkennung und Förderung finden wird. Dann wird es auch in jenen Reihen Licht werden, wo fast ein Jahrhundert fruchtlosen ,,Haskala'k-Kampfes nicht vermocht hat, die Finsternis zu bannen. Eine grosse historische Aufgabe wäre damit ihre-r Lösung nähergebracht. B. Aus Jerusalem. Nach dem Abgange der ersten jüdischen Reisegesellschaft der Jetztzeit, zu deren Empfang die heilige Stadt schon Wochen vorher rüstete, ist eine Pause und Ruhestand eingetreten. Auch von der Sündenkommission wird nichts mehr gehört. Infolge des Scharlaehriebers. welches leider seit füüf Monaten unter der jüdischen Bevölkerung Jerusalems wütet, ward nämlich eine Kommission eingesetzt, die die Sünder ausfindig machen soll, um derentwillen das Unglück hereingebrochen ist. Sie hat, wie es scheint, ihre Tätigkeit eingestellt, weil sie sich überzeugte, dass die Geisseihiebe, die sie austeilte, nicht vermocht haben, die Epidemie zu bannen. Erst in der Pas-ahwoche zeigte die heilige Stadt wieder ein bewegtes Bild. Schon seit Jahren kommen Glaubensgenossen aus der Buchara zu nc£ fach Jerusalem. Die Zahl der Frommen b:* 'h'V S°H aDer diesmal ausnahmsweise bedeutend sein. Die Landung wardihnen gestattet unter der Bedingung, dass sie nach drei Monaten wieder das heilige Land verlassen müssen. Seitens der städtischen Regierung ist die Verfügung getroffen worden, dass keine Leiche beerdigt werden darf, ehe sie von einem Totenbeschauer besichtigt worden ist, der über den Befund ein Zeugnis auszustellen hat. Damit das Gesetz nicht umgangen werde, hält die Polizei an jedem Friedhofe Wache. Die Bestimmung ist gewiss löblich, schade bloss, dass sie nicht schon lange vorher getroffen worden ist. Hazioni. Ein alter jüdischer (?) Tempel auf der Halbinsel Sinai. Nach dem „Globus" berichtet in der „Egyptian Gazette" Professor F 1 i n d e r s P e t r i e. der sich mit der archäologischen Erforschung der Sinaihalbinsel beschäftigt, unter anderem: Von besonderem Interesse sei die Entdeckung eines wunderbaren, gut erhaltenen semitischen Tempels, etwa 60 Kilometer nördlich vom Sinai. Er sei offenbar älter als der Islam und der vollkommenste bisher bekannte semitische Tempel. Die Erhaltung sei so vorzüglich, dass sogar die Becken für die Abwaschungen intakt seien. Es wäre klar, dass die Erbauer dieses Tempels mit den Einzelheiten des Salnmonisclien Tempels in Jerusalem gut vertraut gewesen seien; denn der habe hier als Vorbild gedient. „Frkft. Ztg." Aus Rumänien. Das Aktionskomitee des Verbandes jüdischer Reservisten ist fleissig an der Arbeit, Unterschriften für die Petitionen zu sammeln, die sie der Kammer und dem Ministerkollegium überreichen will. Fast 2000 Unterschriften sind bereits gesammelt. Den Petitionen wird ein Anhang beigefügt, der Urteile des Kassationshofes und Aeus-serungen der hervorragendsten Männer des Landes enthält, welche für die Verleihung der Gleichberechtigung an die Judenheit sind. In den Petitionen suchen die Reservisten den Beweis zu erbringen, dass von ihnen nicht die Erfüllung derselben Formalitäten wie von den Untertanen fremder Länder verlangt werden dürfe, da sie keine Fremden sind, d. h. da sie sich keines anderen Schutzes erfreuen. Sie verlangen schliesslich, dass kehl Unterschied zwischen 'nichtrumänischen — christlichen und jüdischen — Reservisten gemacht werde. Der antisemitischen „Vointa Nationala" (Nationaler Wille) ist dtese Petition natürlich nicht recht, andrerseits will sie auch einmal einen Semiten als Gegner der Gleichberechtigung auftreten lasssem und so lässt sie einen jüdischen Hausierer interviewen, der — wer's glaubt, wird selig — folgendes sagte: „Nur die Reichen verlangen Gleichberechtigung, da sie auch in Staatsangelegenheiten ein Wort mitreden möchten. Die anderen, die Arme n, verlange n k eine Recht e. Denn in der Tat! Was können ihnen Rechte nützen? Ich bin Verkäufer alter Klelidiings>stücke, ich bin alt, was könnte ich also mit der Gleichberechtigung anfangen? Etwa Staatsdienste verlangen? Wir fordern nur die Anerkennung unserer Gemeinden, dass wir einander helfen können . . . Und warum sollte uns Rumänien Gleichberechtigung geben? Würden wir denn in unserem Lande andiers gegen die Fremden vorgehen?" Man sieht, der Gedanke, dass Juden einsn Staatsposten verlangen könnten, macht die ,,Vointa" erzittern. Also nicht aus Gerechtigkeit soll ihnen Gleichberechtigung gewährt werden, sondern sie muss verweigert werden, da die Juden in ihrem Lande ebenso handeln würden! L. S. M. Die Pietät auf jüdischen Friedhöfen. Die Wiener Kultusgemeinde hat vor einigen Jahren den BeschlusR gefasst, den ungemein stimmungsvollen und poetischen Währinger Friedhof zu „regulieren*. Man führte politische Argumente für diese Kegulierung ins Feld, indem man sagte, selbst ein noch so antisemitischer Bürgermeister werde nicht das Herz haben, durch Strassenanlagen den Friedhof zu durchschneiden, wenn er einen modernen Park darstelle. Was aber geschah? Aus dem stimmungsvollen Friedhof wurde eine geometrisch regelmässige Parkanlage ohne j ^den poetischen Schwung und in vandalischer Weise wurden Bänke auf Gräbern aufgestellt (!), Teile von Grabhügeln der Geradlinigk^it der Parkwege geopfert und eine Menge von Grabhügeln garz ras ert, nur weil es dem geometrischen Sinne des die Regulierung durchführenden Architekten so beliebte. In der letzten Sitzung der Wiener Kultusgemeinde protestierten einige Redner gpgen diesen Vandalismus und namentlich Herr Architekt Oskar Marrn orek beleuchtete diese Methode „moderner* Gartenarchitektur in fachmännischer Weise. Es ist demnach zu hoffen, dass bei den noch zu regulierenden Teilen des Währinger Friedhofes auf den Stimmungsreiz, den man von Friedhöfen nun schon einmal fordert, und auf die Pietät der Ueberlebenden mehr Rücksicht als bisher genommen werden wird. Nicht ohne Interesse mag auch ein Wort des Gemeindevorstehers Dr. St ern sein, das in der diese Frage gewidmeten Debatte fiel. Auf die Frage des Vorstandsmitgliedes Sachs, ob jüdische Gärtner die Arbeiten bewerkstelligten, erwiederte Herr Dr. Stern: „Es gibt hier keine jüdischen Gärtner\a Die Schächtfrage. Der bekannte Beschluss des Wiener Gemeinderates, das rituelle Schächten in Wien zu verbieten, kam auch in der am Sonntag den 14 d. M. stattgpfundenen Sitzung der jüdischen Wiener Kultusgemeinde zur Sprache. In Beantwortung einer Interpellation des Vorstandsmitgliedes Dr. Berg er fahrte Gemeindevorstand Dr. Alfred Stern aus, dass er sich mit einer Beschwerde gegen das Verbot ebensowohl an den Bürgermeister Doktor Lueger als auch an den Statthalter gewendet habe. Während aber Herr Dr. Lueger prompt antwortete, dass es ausserhalb peiuer Machtbefugnisse liege, Beschlüsse des Gemeinderates z i sistieren, blieb die Beschwerde der KuHu?gemeinde seitens der Statthalterei unbeantwortet. In der Praxis sei es bisher freilich noch nicht zu einer Durchführung des Schächtverbotes gekommen. Oer Polenklub und die Schächtfrage. Vor einigen Tagen biess es in eiüer in der Wiener Presse erschienenen Notiz, der Abs. Dr. Byk habe im Namen des Polenklubs in einer Interpellation an den Minister des Inneren gegen den bekannten Beschluss des Wiener Gemeinderates in der Schächtfrage protestiert, Tagsdarauf dementierte Herr Doktor Byk. Er habe wohl interpelliert, doch nur im eigenen, nicht im Namen des Polenklubs. So hat der Polenklub * «einen Profit, ohne sich vor seinen arischen Wählern diskreditiert zu haben,und Herrn Dr. Byks Dementi erregte wohl in hiesigen politischen Kreisen stille Heiterkeit, in seiner galizischen Heimat aber dürfte der Lemberger Kultusvorstand sich im Glänze eines billig erworbenen Ruhmes sonnen.T)enjüdischen Wählern wird man nichts vom Dementi sondern nur von der judenfreundlichen Haltung des Polenklubs erzählen, der so mannhaft gegen den Beschluss d^r Wiener Antisemiten aufstand.

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